FC Bayern gewinnt Champions League - von (fast) allem mehr

Thiago und Leon Goretzka greifen Neymar (M.) an

Analyse zum Finale in der Champions League: FC Bayern - Paris Saint-Germain 1:0

FC Bayern gewinnt Champions League - von (fast) allem mehr

Von Marcus Bark

Der FC Bayern gewinnt die Champions League, weil er in fast allen Bereichen ein bisschen mehr zu bieten hatte als der Gegner. Vor allem sorgte er dafür, dass Paris nur selten mit flachen Pässen Konter spielen durfte. Die Analyse.

Es war eine sehr mutige Entscheidung, die Hansi Flick da traf. Er wäre sicher danach gefragt worden, warum er so entschied. Vielleicht wäre ihm die Auswechslung von Thiago auch ohne Chance zur Begründung als eklatant falsch angekreidet worden.

Aber dieser Konter in der ersten Minute der Nachspielzeit führte eben nicht zum Ausgleich und damit vermutlich zur Verlängerung, denn Eric Maxim Choupo-Mating verpasste die Mischung aus Schuss und Flanke von Neymar.

Thiagos Ersatz mit taktischem Fehler

Bei einer 1:0-Führung in der Nachspielzeit durch einen Konter in Gefahr zu geraten, ist wenig schmeichelhaft für eine Mannschaft, die ein paar Minuten später zurecht die Champions League gewinnt.

Die Analyse der Szene zeigt, dass Corentin Tolisso viel zu weit aufgerückt war und somit Raum im Zentrum freigab. Kimmich rückte ein, verlor aber den Zweikampf. Somit war die linke Seite für PSG frei, beinahe hätte der französische Meister dies genutzt.

PSG am Flachpassspiel gehindert

Es ist nicht zu belegen, aber aufgrund der vorher gezeigten Leistung - und des Gesamteindrucks über nun Jahre hinweg - sehr stark anzunehmen, dass Thiago der taktische Fehler nicht unterlaufen wäre. Der Spanier war im Finale von Lissabon die prägende Figur. Er sorgte auf der Position des "Sechsers", etwas hinter Leon Goretzka zurückgezogen, vor allem dafür, dass die so ball- und passsicheren Franzosen den Ball oft hoch passten und somit an Kontrolle verloren.

Neuer und Coman sorgen für Bayerns Triple - die Highlight-Collage

Sportschau 23.08.2020 01:24 Min. Verfügbar bis 23.08.2021 ARD

Thiago organisierte aus dem Mittelfeld heraus die Jagd der Bayern auf den Ball, die oft erfolgreich war. Es gelang den Münchnern deutlich besser als dem Gegner, in Ballnähe Überzahlsituationen zu schaffen. Das lag allerdings auch an dem Engagement der Spieler, denn die offensive Dreierreihe im 4-3-3 bei PSG mit Di Maria, Neymar und Mbappé vernachlässigte die Arbeit in der Defensive viel häufiger als die vier Spieler der Bayern vor den "Sechsern" im 4-2-3-1. Fatal wirkte sich vor dem Tor des Abends aus, dass Di Maria (der mit Mbappé die Seiten mal getauscht hatte und auf links zu finden war) beim einleitenden Pass von Thiago so postiert war, dass er weder nah an Passempfänger Joshua Kimmich stand noch den Passweg verstellte.

Von 16 langen Pässen landen 13 beim Mitspieler

Millimetergenau und mit der richtigen Schärfe landete der Ball von Thiago bei Kimmich. Beim Spanier kamen 92 Prozent der Pässe an. Die Statistiker der UEFA zählten 13 angekommene lange Pässe von Thiago - bei 16 Versuchen.

Auch daher rührt, dass die Bayern bei der Passgenauigkeit mit 84 zu 77 Prozent deutlich vorne lagen. Beim Ballbesitz war das Übergewicht mit 61:39 Prozent noch deutlicher. Das ist teilweise auch auf die verschiedenen Ansätze der Trainer zurückzuführen, aber zu einem größeren Teil auf das vorzügliche Pressing, das die Bayern unter Hansi Flick so erfolgreich gemacht hat.

Bemerkenswert ist, dass die Bayern vier Kilometer mehr liefen als der Gegner, obwohl durch das notwendige Verschieben häufig die Mannschaft einen höheren Aufwand betreibt (und betreiben muss), die seltener am Ball ist.

Offiziell weniger Schüsse aufs Tor

In einer Kategorie allerdings lag auch die Mannschaft von Thomas Tuchel vorn. Sie kam laut der offiziellen Statistik auf drei Schüsse aufs Tor, die Bayer nur auf zwei. Bizarrerweise gilt aber ein Pfostenschuss - wie der von Robert Lewandowski Mitte der ersten Halbzeit - nicht als "shot on target", insofern relativiert sich auch dieser Vorteil von PSG.

Noch gibt es bei der UEFA keine Angaben über die Qualität der Chancen, den sogenannten xG-Wert (xG für "expected goals", also die Anzahl an Toren, die je nach Güte der Möglichkeiten zu erwarten sind). Es war ziemlich ausgeglichen, denn PSG hatte drei sehr gute Möglichkeiten, zwei davon resultierten aus Angriffen mit schnellen, flachen Pässen. Manuel Neuer wehrte die Schüsse ab. Er wäre ja auch noch dagewesen, wenn Thiago in einer möglichen Verlängerung gefehlt hätte.

Stand: 24.08.2020, 06:00

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