Ein Unterhaus auf Wachstumskurs

Eckball des HSV

Zweite Liga

Ein Unterhaus auf Wachstumskurs

Von Frank Hellmann

Die Schwergewichte Hamburger SV und 1. FC Köln spielen mit, die Fernsehgelder steigen: Die zweite Bundesliga steht wirtschaftlich vor einer Rekordsaison. Allerdings macht sich mittlerweile auch eine große Kluft bemerkbar.

Das Vorwort im neuesten Stadionmagazin des Hamburger SV ("HSV live") liest sich wie eine Lobpreisung auf etwas ganz Besonderes: "Dauerkarten-Boom, zigtausende neue Mitglieder, ausverkaufte Heim- und Auswärtsspiele, die 1.000er Marke bei den offiziellen HSV-Fanklubs geknackt – die letzten Wochen waren teilweise verrückt."

Wohl wahr. Schließlich hat der stolze Traditionsverein seinen Dinosaurier-Status in der Fußball-Bundesliga nach 55 Jahren eingebüßt, doch vom Aussterben ist dieser Klub bestimmt nicht bedroht. Im Gegenteil. Die Macher der Stadionzeitung konstatieren nicht zu Unrecht: "Doch so sehr der Abstieg auch wehgetan hat, so viel Kraft hat er auch freigesetzt."

HSV erteilt Nachhilfe

Der HSV will zwar aus der zweiten Liga ganz schnell wieder raus, aber er will auch die Genesung beschleunigen, die Bodenständigkeit zurückgewinnen, die Identifikation stärken, um dann bald wieder ein etabliertes erstklassiges Mitglied zu werden.

Vorsorglich werden im Stadionheft zum ersten Heimspiel gegen Holstein Kiel (Freitag, 20.30 Uhr, Live-Ticker bei sportschau.de) gleich alle 17 Konkurrenten mitsamt ihren Stadien, Trainern und Besonderheiten vorgestellt. Es ist ja nicht davon auszugehen, dass jeder Hamburger Anhänger das Hardtwaldstadion in Sandhausen oder Daniel Meyer als Coach in Aue kennt und weiß, dass die SpVgg Greuther Fürth die Ewige Zweitliga-Tabelle anführt.

Ein Run auf die zweite Liga

Auch wenn der Europapokalsieger von 1983 nur eine Ehrenrunde in der für ihn ungewohnten Spielklasse drehen sollte, färbt einiges von der Strahlkraft ab. Das Auftaktspiel im Volksparkstadion ist ausverkauft. Was für ein Gegensatz zur vergangenen Saison, als sich auf einmal mitten in der Malaise zum Nordderby gegen Werder Bremen etliche freie Plätze auf den Rängen fanden.

Und das nicht nur die Eröffnung zieht, zeigt sich schon daran, dass sowohl das Kontingent für HSV-Fans fürs erste Auswärtsspiel am 2. Spieltag beim SV Sandhausen als auch am 4. Spieltag bei Dynamo Dresden restlos vergriffen ist. Binnen weniger Stunden. Selbiges gilt übrigens auch für das DFB-Pokalspiel in Erndtebrück.

Lizenzspieleretat fast halbiert

HSV-Trainer Titz beim Training

HSV-Trainer Titz beim Training

"Man hat in den letzten Spielen der Vorsaison gesehen, dass wir einen guten Schulterschluss mit den Fans haben. Wir versuchen, dies konsequent beizubehalten", verspricht HSV-Trainer Christian Titz. Er weiß, dass trotz umfangreicher Abspeckungsmaßnahmen - der Lizenzspieleretat schrumpfte von 55 auf 30 Millionen Euro - sein Verein als Schwergewicht antritt.

Genau wie der Mitabsteiger 1. FC Köln, der im Grunde mit Jahresbeginn mit den Zweitligaplanungen beginnen konnte und eine ähnliche Begeisterung verbuchte: Rund 50.000 Anhänger pilgerten zur Saisoneröffnung in den Stadtteil Müngersdorf. "Der Aufstieg ist unsere einzige Option", weiß Torhüter Timo Horn.

Hier wie dort haben sich gestandene Nationalspieler - in Hamburg der Japaner Gotoku Sakai, in Köln der WM-Fahrer Jonas Hector - oder renommierte Bundesliga-Profis  - wie Lewis Holtby und Aaron Hunt, Marcel Risse oder Marco Höger - darauf eingelassen, den Betriebsunfall zu reparieren.

Umsatz bald über 700 Millionen?

Die Zuschauer dürfte es freuen. Es kündigt sich ein neuer Rekordbesuch an. Die Bestmarke von 21.700 Besuchern pro Spiel (2016/2017) könnte fallen. Zudem wird die zweite Liga in der kommenden Spielzeit so viel Geld umsetzen wie nie zuvor. Mit 635,2 Millionen Euro Umsatz erreichte sie 2016/2017 bereits einen neuen Höchstwert, nun könnte 2018/2019 vielleicht sogar die 700-Millionen-Marke fallen.

Die solidarische Verzahnung mit der Bundesliga bei der Verteilung der Medienerlöse macht eine Potenz möglich, die in Europa ihresgleichen sucht. Eigentlich müsste noch mehr als nur die Hälfte der Klubs ein positives Ergebnis erwirtschaften. Mit dem Umsatz stellt die zweite Liga nicht nur die englische Konkurrenz in den Schatten, sondern lässt auch die ersten Ligen in den Niederlanden, Dänemark, Schweden oder Österreich teilweise ganz weit hinter sich.

Die zweiten Ligen aus Spanien und Italien kommen zusammen nicht auf solche Erlöse wie hierzulande die 18 Zweitligisten. "Wir haben die stärkste zweite Liga in Europa", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert bei der Vorstellung des Liga-Reports. Vorbei die Zeiten, das Unterhaus als Armenhaus zu titulieren.

Sparsamkeit bei den Transfers

Sparsam sind die Vereine nur bei den Transferausgaben, die sich bislang erst auf rund 25 Millionen Euro summieren. Hohe Ablösen sind die Ausnahme, ablösefreie Wechsel oder Leihgeschäfte die Regel. Allein Cardiff City aus der englischen zweiten Liga hat 30 Millionen für Neuzugänge in den Markt gepumpt und stellt damit die gesamte deutsche zweite Bundesliga in den Schatten.

Allerdings bildet sich hier bei der Finanzkraft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus. Schon Hannover 96 und dem VfB Stuttgart gelang es vor zwei Jahren, dank ihrer Mittel dem Rest eine lange Nase zu drehen. Dieses Szenario könnte sich wiederholen, weil in die Verteilung der Medienerlöse ein Puffer eingebaut wurde, der speziell arrivierten Erstligisten im Abstiegsfall hilft.

Es geht ein Graben durch die zweite Liga

So kassieren Köln (23,95 Millionen Euro) und Hamburg (20,71) in der kommenden Saison nur unwesentlich weniger aus dem Fernsehgeldtopf als die Erstliga-Aufsteiger 1. FC Nürnberg (28,39) und Fortuna Düsseldorf (24,71). Wie sehr sich die Bundesliga-Absteiger damit von der Konkurrenz abheben, zeigt dieser Vergleich: Gestandene Zweitligisten wie der 1. FC Heidenheim (10,21) oder der FC St. Pauli (11,48) sind ungefähr bei der Hälfte der Summe angesiedelt.

Markus Anfang jongliert mit dem Ball

Markus Anfang jongliert mit dem Ball

Ergo: Gemessen an den wirtschaftlichen Startbedingungen müsste an Elbe und Rhein schon viel schieflaufen, um den sportlichen Ertrag nicht abzuschöpfen. "Der Hamburger SV und der 1. FC Köln kommen um die Bürde des Aufstiegsfavoriten nicht herum", sagt Robin Dutt. Der Trainer des VfL Bochum betont: "Beide Vereine haben einen mehr als doppelt so hohen Etat wie der dritthöchste der Liga."

Gleichwohl warnt gerade Titz: "Wir bekommen gemeinsam mit Köln die Favoritenrolle zugesprochen, das ist klar. Damit müssen wir umgehen, denn es wird bedeuten, dass unangenehmen Spiele auf uns zukommen. Tiefstehende Gegner, enge Stadien, laute Kulissen, Pokalspiel-Charakter."

Die "Störche" haben gelitten

Mag alles stimmen, aber gerade der HSV-Auftaktgegner Kiel hat besonders unter den prominenten Absteigern gelitten: Trainer Markus Anfang coacht nun in Köln und nahm gleich noch die Leistungsträger Dominick Drexler - kam über den Umweg Midtjylland für die diesjährige Zweitligarekordablöse von 4,5 Millionen Euro - und Rafael Czichos mit; Manager Ralf Becker lenkt die Geschäfte in Hamburg.

Nicht mal der Bundesliga-Aufstieg hätte diesen Aderlass auf der Kommandobrücke der "Störche" verhindert. Was nur einen Schluss zulässt: Für die zweite Liga ist der hinzugewonnene Glamourfaktor Fluch und Segen zugleich.

mit sid, dpa | Stand: 01.08.2018, 09:19

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