Nürnberg, Ingolstadt und die "Relegationsprofis"

Michael Wiesinger (l.) und Thomas Oral (r.)

2. Liga, Relegation 2020, Hinspiel

Nürnberg, Ingolstadt und die "Relegationsprofis"

Von Dirk Burkhardt

Es geht um einen Platz in der 2. Liga. Nürnberg gegen Ingolstadt. Beide Teams haben ihre Relegationsgeschichten und Trainer, die die Situation nur zu gut kennen.

Manchmal schafft es der Fußball, seine große Geschichte auf einen ganz kleinen Fleck zu verdichten. Im Fall des 1. FC Nürnberg und des FC Ingolstadt ist das bei knapp 100 Kilometern Entfernung der Städte zueinander nicht nur geografisch so. Vielmehr kämpfen am Dienstag (07.07.2020) und Samstag zwei Mannschaften um den letzten freien Zweitliga-Platz in der Saison 2020/21, für die das Thema Relegation bereits seine besonderen Geschichten hat.

Es fängt damit an, dass beide Klubs das Drama schon mit all seinen Facetten kennengelernt haben. Nürnberg war gleich bei der Wiedereinführung 2009 dabei und schaffte gegen Bundesligist Energie Cottbus den Aufstieg und ein Jahr später in der Nervenmühle gegen den FC Augsburg auch den Klassenerhalt. 2016 schließlich scheiterte der "Club" gegen Bundesligist Eintracht Frankfurt.

Ingolstadt zwei Mal dabei

Als Nürnberg 2010 gegen Augsburg den Bundesliga-Klassenerhalt bejubelte, hatte auch Ingolstadt seine Premiere und verdrängte Hansa Rostock aus der 2. Liga. 2019 scheiterten die "Schanzer" dann dramatisch gegen Drittligist SV Wehen Wiesbaden mit 2:1 und 2:3 wegen der Auswärtstorregel.

"Wir haben da etwas gutzumachen", sagt deshalb FCI-Trainer Tomas Oral, der vor knapp einem Jahr bei den Ingolstädtern an der Linie stand, zwischendurch für Jeff Saibene den Stuhl räumte und seit Mitte März zum insgesamt dritten Mal Cheftrainer bei den Bayern ist.

Bayern-Derby im Kampf um die 2. Bundesliga Morgenmagazin 07.07.2020 01:31 Min. Verfügbar bis 07.07.2021 Das Erste

FCI nach der Corona-Pause stabil

Dieses Mal sind die Vorzeichen in Ingolstadt aber andere als vor einem Jahr. "Die Mannschart ist topfit. Wir kommen aus einer starken Serie und den Jungs ist die Gier anzusehen, die Saison erfolgreich zu Ende zu bringen", so Oral.

Tatsächlich hat sich der FCI unter dem 47-Jährigen wieder gefangen. Nach der Corona-Zwangspause kassierten die "Schanzer" in zehn Spielen nur eine Niederlage, spielten sieben der jüngsten acht Partien zu Null. Thomas Oral: "Die Mannschaft hat sich gefunden, weiß, was zu tun ist".

Extrem stabile Defensive

Mit Torwart Marco Knaller, der seit der Gerhirnerschütterung von Stammtorwart Fabijan Buntic am 35. Spieltag zwischen den Pfosten steht, sowie der Viererkette mit Björn Paulsen - gegen Nürnberg nach Gelbsperre in der Relegation zurück - , Tobias Schröck, Nico Antonitsch und Marcel Gaus hat Oral eine routinierte Defensive gefunden, die mit 40 Gegentoren die stabilste der 3. Liga stellte.

Davor hat der FCI mit einer Mischung aus jungen Spielern wie Maximilian Thalhammer oder Stürmer Fatih Kaya und erfahrenen Profis wie Maximilian Beister und Stefan Kutschke eine Mannschaft zusammen, die nach der Corona-Pause zuverlässig für Tore gesorgt hat.

Drittligist psychologisch im Vorteil

"Ingolstadt hat seine Qualitäten", weiß auch Nürnbergs Michael Wiesinger. Auch der Interimstrainer des "Club", der nach dem Abrutschen auf Rang 16 am letzten Zweitliga-Spieltag Jens Keller für die beiden Entscheidungsspiele als Trainer ersetzt, hat seine Relegationsgeschichte. 2010 führte er Drittligist Ingolstadt bei seiner ersten Station als Profi-Trainer in den Entscheidungsspielen gegen Hansa Rostock nach dem Abstieg sofort zurück in die 2. Liga.

"Ich weiß noch gut, wie sich das angefühlt hat und wie man als Drittligist so ein Spiel angeht", erinnert sich Wiesinger. Damit weiß er auch, dass der psychologische Vorteil meistens bei dem klassentieferen Team liegt, weil es meistens - wie Ingolstadt auch - aus einer Erfolgsserie kommt. Und das zeigt auch die Statistik: Seit Einführung der eingleisigen 3. Liga konnte sich in bisher elf Duellen acht Mal der Drittligist durchsetzen.

Wiesinger: "Es wird kein offener Schlagabtausch" Sportschau 06.07.2020 00:45 Min. Verfügbar bis 06.07.2021 Das Erste

Nürnberger Extreme

Die Nürnberger hingegen haben nach der Corona-Pause in neun Spielen nur einen Sieg gefeiert. Der fiel mit 6:0 bei Wehen Wiesbaden zwar deutlich aus. Fünf Tage später gab es aber auch ein 0:6 gegen den VfB Stuttgart. Solche Extreme mag Wiesinger nicht. "Es wird keinen offenen Schlagabtausch geben", kündigte er vor dem ersten Duell am Dienstag (ab 18.15 Uhr im Live-Ticker) an.

Dabei steht für Nürnberg eine Menge auf dem Spiel. Der freie Fall aus der ersten durch die zweite in die dritte Liga droht. Deshalb will Wiesinger das Team auch gar nicht so sehr durcheinanderwirbeln. "Es geht darum, dass die Basics stimmen", sagte er im Kurz-Trainingslager in Bad Gögging.

Dann könnte es vielleicht so laufen, wie im DFB-Pokal, als Nürnberg im August in Runde zwei den FC Ingolstadt mit 1:0 ausschaltete. Auch das ist ein Teil dieser verdichteten Geschichte, die die Klubs und ihre Trainer in das Relegationsdrama begleitet.

Stand: 06.07.2020, 21:40

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