Thioune: HSV-Aus kein Scheitern, sondern "unerfüllte Mission"

Daniel Thioune

NDR-Sport

Thioune: HSV-Aus kein Scheitern, sondern "unerfüllte Mission"

48 Stunden nach seiner Beurlaubung beim HSV hat sich Daniel Thioune den Fragen zu seinem Ausscheiden gestellt. NDR 90,3 Reporter Lars Pegelow hat sie schriftlich gestellt, der Ex-Coach des Fußball-Zweitligisten antwortete per Mail.

Herr Thioune, wie sehr hat Sie die Beurlaubung durch Jonas Boldt getroffen?

Daniel Thioune: Ich glaube, dass es nachvollziehbar ist, dass die Enttäuschung nach so einer Entscheidung groß ist. Meine Bereitschaft weiterzuarbeiten und meine Überzeugung in meine Arbeit war ungebrochen, und ich hatte immer noch die Zuversicht, dass wir unsere Ziele erreichen.

Was für Resonanz haben Sie erhalten in den vergangenen Tagen?

Thioune: Ich habe unfassbar viel Zuspruch bekommen. Familie, Freunde, Trainerkollegen und auch viele beim HSV haben mich darin bestärkt, meinen Weg weiter zu gehen. Ich glaube, dass ich dem HSV vielleicht auch ein bisschen "Daniel Thioune" gegeben habe. Vielleicht auch dieses Maß an Demut, Zurückhaltung und respektvollem Umgang, das ich Tag für Tag vorgelebt habe.

Hatten Sie das Gefühl, noch die Kurve kriegen zu können?

Thioune: Ich bin mir sicher, dass wir es geschafft hätten. Wir haben vieles gut und richtig gemacht und sind nicht grundsätzlich von unserem Weg abgekommen. Aber natürlich hat uns in den letzten Spielen auch das Glück gefehlt, und alle waren aufgrund des Unentschiedens gegen Karlsruhe enttäuscht. Wenn man dann aber die Chance hat, ein bis zweimal durchzuschnaufen und das Spiel nochmal reflektieren und analysieren kann, dann wären wir wieder mit voller Kraft und voller Überzeugung in die neue Trainingswoche gestartet. Aber natürlich haben uns in den letzten Spielen die Momente gefehlt und wir hätten es für die letzten drei Spiele noch mehr erzwingen müssen.

Woran sind Sie aus Ihrer Sicht "gescheitert"?

Thioune: Ich empfinde mein Ausscheiden nicht als Scheitern. Mein Team und ich haben uns klare Ziele gesetzt, die wir spätestens in der kommenden Saison erreichen wollten. Sicherlich haben wir nach der guten Hinrunde alle gehofft, dass es schon in dieser Saison der Fall ist. Wenn man über Entwicklung redet, dann darf Entwicklung sicherlich auch mit Geduld und einer Toleranz für Rückschläge behaftet sein. Es ist daher im Ergebnis eher eine unerfüllte Mission.

Wo haben Sie Fehler gemacht?

Thioune: Das ist so kurzfristig natürlich schwer zu sagen, was ich anders machen würde. Vielleicht kann man es relativ einfach herunterbrechen, dass wir Dinge als Lösung erarbeitet haben, die auch sehr herausfordernd waren für die Spieler. Häufig war diese Herangehensweise von Erfolg gekrönt. Teilweise ist uns die Umsetzung aber auch nicht zu 100 Prozent gelungen. Ich bin mir trotzdem sicher, dass vieles richtig war und wir immer aus einer Überzeugung heraus Entscheidungen getroffen haben.

Ich trage die Verantwortung und entsprechend auch die Konsequenzen dafür. In Regensburg haben wir unsere Idee von Fußball etwas ausgesetzt, weil die Mannschaft in dieser Phase die Einfachheit des Fußballs mehr zu brauchen schien als komplexe Inhalte. Aber in solchen Spielen entscheidet das Momentum oder auch manchmal der Faktor Matchglück neben der Qualität, die wir an diesem Tag sicherlich dann auch nicht ausreichend auf dem Platz gebracht haben. Erst durch taktische und personelle Nachjustierungen in der Halbzeitpause haben wir ein verbessertes Bild abgegeben.

Jonas Boldt hat am Montag von fehlender Führungskraft Ihrerseits gesprochen und noch ein paar andere Dinge genannt - Ihr Kommentar?

Thioune: Ja, die Aussage, dass eventuell zum Ende etwas Führungskraft gefehlt habe, habe ich natürlich auch vernommen. Die Frage ist erstmal: wie definiert man Führungskraft und deren Fehlen. Ich investiere an jedem Tag, unabhängig vom Training oder Spiel sehr viel Kraft in meine Arbeit. Und wenn man dann nicht das Ergebnis erzielt, das man sich gewünscht und auf das man hingearbeitet hat, dann ist man enttäuscht. Nach dem KSC-Spiel waren wir alle enttäuscht und ich habe das auch gezeigt. Wenn man darin ein Zeichen für mangelnde Führungsstärke sehen will, muss ich das akzeptieren. Ich glaube, dass ich in vielen Momenten gezeigt habe, dass ich eine Mannschaft erfolgreich führen kann.

Der Saisonverlauf unter Ihrer Regie ähnelt den Vorjahren beim HSV. Was liegt da grundsätzlich im Argen?

Thioune: Ich glaube, dass es zum Ende einer Saison immer mehr um Ergebnisse geht. Ergebnisse sind dann oft ausschlaggebend dafür, ob man weiter ruhig und offen für bestimmte Dinge bleibt. Wenn sich die Ergebnisse aber nicht so einstellen wie erwartet, dann löst es etwas aus. Gerade wenn man diese Erfahrung schon mehrfach gemacht und dann vielleicht auch noch jeden Tag damit auch medial konfrontiert wird, dann macht es was, wie Jonas Boldt richtig sagt, mit den Menschen. Mit allen Menschen beim HSV und mit denen, die es mit dem HSV halten. Wir haben es in den letzten Wochen nicht geschafft, dies mit guten Ergebnissen abzuwenden

Was trauen Sie Horst Hrubesch bis Saisonende zu - glauben Sie noch an das "Wunder"?

Thioune: Ich traue Horst alles zu. Ich habe ein sehr starkes und enges Verhältnis zu ihm. Er ist wie ein väterlicher Freund für mich. Ich glaube, dass es kein Wunder wäre, wenn die Mannschaft die nächsten drei Spiele erfolgreich bestreitet. Ob sich damit dann die Ziele realisieren lassen, liegt auch an der Konkurrenz.

Was tun Sie in diesen Tagen und haben Sie schon Pläne für die Zukunft - wollen Sie beispielsweise bald wieder an der Linie stehen?

Thioune: Ich habe noch keine konkreten Pläne. Aber ich weiß, dass ich wieder als Trainer arbeiten werde. Fußball ist meine Leidenschaft. Und es wird eine neue Gelegenheit kommen, meine Idee dieses Spiels zu verwirklichen. Darauf freue ich mich und werde diese mit voller Überzeugung angehen. Mein Ziel und mein Wunsch ist es, als Fußballtrainer den Sonnabend um 15:30 Uhr als Regelspielzeit für mich zu erleben. Dieses Ziel ist ungebrochen und dafür werde ich weiter fleißig und beharrlich arbeiten.

Dieses Thema im Programm:
NDR 90,3 | Sport | 05.05.2021 | 20:00 Uhr

NDR | Stand: 06.05.2021, 11:18

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