Kommentar: Der schlechteste HSV aller Zeiten

Hamburgs Adrian Fein, Torwart Julian Pollersbeck und Josha Vagnoma (v.l.) sind frustriert.

NDR-Sport

Kommentar: Der schlechteste HSV aller Zeiten

Ein Kommentar von NDR Sportchef Gerd Gottlob

Immer wenn man glaubt, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, setzt der HSV noch einen drauf. Vorgeführt von Sandhausen! Dieser Zombiefußball war wahrscheinlich das Schlechteste, was jemals vom HSV geboten wurde. Die Chance zur Relegation noch vor Augen. Und Bielefeld liefert.

Der Sportchef des Norddeutschen Rundfunks, Gerd Gottlob

Und der HSV? Erbärmlich! Man kann nur hoffen, dass es sich um eine Art Blockade handelte. Denn wenn es das nicht wäre, müsste man von Aufstiegs-Sabotage sprechen. Aktive Verhinderung. Diese sich seit Wochen frei von fußballerischer Inspiration über den Rasen schleppende Mannschaft macht diesen einst ehrwürdigen Verein nun endgültig zum Gespött in Fußball-Deutschland.

Alle Gelegenheiten leichtfertig vergeudet

Nach Etat, nach Saisonverlauf, nach sportlichen Möglichkeiten im Vergleich zu allen Konkurrenten hätte der HSV schon vor zwei oder sogar drei Wochen als direkter Aufsteiger feststehen müssen.

Aber alle Gelegenheiten sind leichtfertig vergeudet worden. Warum ist das so? Warum ist Sandhausen schärfer auf einen Sieg? Warum will Osnabrück den Punkt mehr? Warum zerreißt sich Stuttgart beim 0:2 und geht "all in", während Hamburg wie das Kaninchen vor der Schlange darauf wartet, gefressen zu werden? Warum schießt vergangene Woche Stuttgart Nürnberg mit 6:0 aus dem Stadion, während der HSV trotz Führung gleichzeitig die erste riesengroße Relegations-Chance in Heidenheim liegenlässt? Ist das Arroganz oder Unvermögen oder Gleichgültigkeit oder alles zusammen? Es ist auf jeden Fall eine mangelhafte Einstellung und Haltung.

Hecking hat seine Chance beim HSV vertan

Es fehlt der Instinkt für den Moment, es fehlt der Wille, der unbedingte Wille, in jedem Spiel Vollgas zu geben und bei den großen, wichtigen Spielen den Big Point zu machen. An dieser Stelle war Dieter Hecking als erfahrenes Trainer-Schlachtross gefragt, seine zum Teil sehr junge Truppe darauf vorzubereiten, sie heißzumachen oder auch mal abzukühlen, zum Beispiel ein dreckiges Unentschieden in Stuttgart oder Heidenheim mitzunehmen. Das hat er nicht geschafft. Er hat seine Chance beim HSV vertan.

Verheerende Wirkung auf die Fans

Ich nehme allen Beteiligten die Enttäuschung ab. Aber das ist als Freispruch für dieses Debakel nicht akzeptabel. Das gilt für die Spieler, den Trainer, die gesamte Führung.

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Schon in der Ersten Liga hat es nicht geholfen, sich mit einer Dino-Aura vor dem Abgrund retten zu wollen. So wird man sich in den nächsten Jahren daran gewöhnen müssen, dass der HSV ein Zweitligist ist, vielleicht sogar ein guter. Frank Wettstein hat ja schon versichert, dass der HSV ohne Probleme noch mehrere Jahre die Zweite Liga finanziell überstehen könnte. Toi, toi, toi. Der geschasste Vorstandschef Bernd Hoffmann wird sich seinen Teil denken.

Verheerend ist die Wirkung auf die Fans, die sich angesichts solch armseliger Leistungen verraten fühlen dürfen. Was bleibt, ist ein schwacher Trost angesichts der verpassten Relegation: Der HSV wäre absolut chancenlos gewesen. Und so bleibt ihm die Blamage gegen Werder erspart.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 28.06.2020 | 22:30 Uhr

NDR | Stand: 28.06.2020, 22:59

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