Teamcheck Dynamo Dresden: Krise, Comeback, Klassenerhalt?

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Fußball | 2. Bundesliga

Teamcheck Dynamo Dresden: Krise, Comeback, Klassenerhalt?

Von Jonas Schlott

Dynamo Dresden zehrt weiter vom starken Saisonauftakt. Auch die erste Krise im Herbst wurde erfolgreich überwunden. Zuletzt zeigte die Formkurve aber wieder nach unten. Warum der Aufsteiger dennoch alle Chancen hat, die Klasse zu halten.

So lief die Hinrunde

Dynamo startete wie entfesselt in die neue Spielzeit. Nach drei Siegen und einem Remis aus den ersten vier Partien lag die SGD auf einem Aufstiegsplatz. Der Erfolg in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Paderborn steigerte die Euphoriewelle. Dem sommerlichen Hoch folgte jedoch ein tieftrüber Herbst. Zwischen Ende August und Anfang November kassierte Schwarz-Gelb acht Niederlagen in neun Partien und schlitterte in eine handfeste sportliche Krise. Zwei knappe Pleiten gegen die Kellerkinder Sandhausen und Kiel markierten den Höhepunkt der Negativspirale, an deren Ende sich die Sachsen nur knapp vor der Abstiegszone wiederfanden. Hinzu kam das bittere Zweitrunden-Aus im Pokal gegen St. Pauli.

Dabei agierte man während der Niederlagen-Serie keinesfalls chancenlos. Es fehlten oft nur Nuancen und das nötige Spielglück. Ratlosigkeit machte sich angesichts des sportlichen Absturzes bei den Verantwortlichen dennoch breit. "Es ist eine Katastrophe", schimpfte Abwehrspieler Sebastian Mai nach der Niederlage gegen Sandhausen. "Wir haben uns bemüht. Bei uns kommt im Moment aber nicht viel rum." Trainer Alexander Schmidt, stark angezählt, schien mit seinem Latein am Ende, wurde von den sonst üblichen Mechanismen des Profigeschäfts aber verschont. Der Aufstiegstrainer erhielt von der Führungsetage um Sportchef Ralf Becker das Vertrauen und zahlte es mit drei Siegen aus vier Spielen zum Hinrunden-Abschluss zurück. Die Kirsche auf der Torte: Der Derbyerfolg gegen Erzgebirge Aue.

Fazit: In puncto Klassenerhalt sind 22 Zählern und Rang elf nach der Hinserie die halbe Miete. Rein sportlich ist Dresden die Rückkehr ins Unterhaus gelungen. Die Sommerneuzugänge, allen voran Innenverteidiger Michael Sollbauer und Rechtsaußen Morris Schröter, wussten zu überzeugen. Stimmt die Tagesform, kann Dynamo jedem Team der 2. Bundesliga gefährlich werden. Neben den schwankenden Leistungen bereitet aber vor allem die eklatante Standardschwäche Sorgen: wettbewerbsübergreifend fiel jeder dritte Gegentreffer nach einem ruhenden Ball.

Wer kommt, wer geht?

Dass es dem Dresdner Kader womöglich an Tiefe fehlt, wurde bereits im Krisen-Herbst zum Thema gemacht. Vor allem in der Offensive, wo Christoph Daferner mit seinen acht Toren quasi den Alleinunterhalter gibt, sahen die Verantwortlichen Handlungsbedarf. Mit Oliver Batista Meier und Vaclav Drchal hat Dynamo im Winter noch einmal nachgerüstet. Vor allem Meier, der von Bayern München II fest verpflichtet wurde, kommt mit einigen Erwartungen an die Elbe. Für einen Platz im Profikader des deutschen Rekordmeisters reichte es zwar nicht, sein Talent ist aber unbestritten. Seine Verpflichtung darf vor allem als Investition in die Zukunft verstanden werden.

Drchal kommt mit der Empfehlung von zwölf Toren in 32 Spielen für Sparta Prag. Bei Tschechiens Rekordmeister kam er in dieser Spielzeit kaum zum Zug. Bis zum Saisonende ist er an Dresden verliehen. Der 22-Jährige wird wohl zunächst als Ergänzungsspieler fungieren und dem etablierten Daferner und Dynamos aufstrebendem Talent Ransford-Yeboah Königsdörffer die nötige Entlastung geben. Weitere Neuverpflichtungen sind nicht ausgeschlossen. Sportchef Becker ist gut vernetzt und könnte vor dem Ende der Transferperiode noch die ein oder andere Überraschung aus dem Hut zaubern. Erst recht, nachdem mit Luca Hermann eine weitere Option im Mittelfeld in den nächsten Wochen verletzungsbedingt ausfallen wird.

Zwei Abgänge sind bereits in Stein gemeißelt. Philipp Hosiner, der vergangene Saison noch maßgeblich zum Aufstieg beitrug, mittlerweile aber auf dem Abstellgleis steht, wechselt in die Regionalliga zu den Kickers Offenbach. Auch Pascal Sohm, der im Aufstiegsjahr mit zahlreichen Toren zur Stelle war, hatte zuletzt nicht die erhofften Einsatzzeiten bekommen und suchte sich eine neue Herausforderung. Er wird künftig bei Waldhof Mannheim spielen.

Zudem stehen bei Agyemang Diawusie stehen die Zeichen auf Abschied. Er kam zuletzt nur sporadisch zum Einsatz und soll die Freigabe für einen Wechsel erhalten haben.

Der Trainer

Die bisherige Saison hat gezeigt, dass Schmidt sich auf die volle Rückendeckung verlassen kann. Nicht nur von Sportchef Becker, der den gebürtigen Augsburger noch aus der gemeinsamen Zeit beim VfB Stuttgart kennt und schätzt. Auch das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer ist intakt. Das hat die Pleiten-Serie im Herbst, aus der Schmidt gestärkt hervorgegangen ist, gezeigt. "Ich erlebe tagtäglich, wie Mannschaft und Trainerteam arbeiten und welche Bindung zwischen ihnen besteht", sagte Becker damals. "Sie haben unsere volle Rückendeckung, konsequent die Dinge einzufordern, damit wir das nächste Level erreichen." Linksverteidiger Chris Löwe ergänzte: "Man hat nie das Gefühl gehabt, dass das Verhältnis zwischen uns und dem Trainerteam gestört ist. Das war intakt, das hat man auch bei den Spielen gesehen."

Dresdens Cheftrainer Alexander Schmidt (rechts) und Sportdirektor Ralf Becker

Schmidt hatte in der vergangenen Saison erst sechs Spieltage vor dem Ende das Ruder in Dresden übernommen und den Traditionsverein dank eines starken Schlussspurts zum direkten Wiederaufstieg geführt. Der 53-jährige gebürtige Bayer setzt auf ein intensives Angriffspressing, Ball und Gegner werden früh attackiert. Unter seiner Regie spielt Dynamo über die Außenpositionen zielstrebig nach vorne und hält sich nicht lange mit dem Spielaufbau im Mittelfeld auf. Die laut Schmidt "junge und hochtalentierte Mannschaft" hat sich mit dieser Spielidee identifiziert und damit durchaus Erfolg – auch wenn es gerade im letzten Angriffsdrittel nicht selten an der nötigen Kreativität und dem finalen Pass mangelt. Zudem erfordert die hohe Intensität eine ebenso hohe Laufbereitschaft. Mit bisher 2104,2 abgespulten Kilometern gehören die Dresdner zu den lauffreudigsten Mannschaften in dieser Saison – der Kräfteverschleiß könnte zum Saisonende eine entscheidende Rolle spielen.

Erwartungen an die Rückrunde

Eigentlich hätten die Dresdner sorgenfrei ins neue Jahr starten können. Doch der Auftakt in die Rückrunde kurz vor dem Jahreswechsel ging gründlich in die Hose. Gegen Schlusslicht Ingolstadt agierte Dynamo über die gesamte Spielzeit saft- und kraftlos. Zwei der drei Gegentreffer fielen (wieder einmal) nach Standards, nach vorne fehlte die Durchschlagskraft. Das Polster auf die Abstiegsplätze ist mit fünf Punkten noch einigermaßen beruhigend. Wie schnell die Talfahrt gehen kann, haben die Dresdner aber bereits erfahren. Dass man unter Schmidt die erste Krise im Herbst gemeinschaftlich überwunden haben, kann da nur von Vorteil sein. Überzogene Erwartungen an die Spielzeit hat an der Elbe sowieso niemand. Es zählt einzig und allein der Klassenerhalt.

"Fakt ist, dass wir uns eine Ausgangslage erarbeitet haben, um unser Ziel gemeinsam zu erreichen", sagte Schmidt zum Trainingsstart. Nun gilt es, die schwankenden Leistungen zu stabilisieren, mehr Durchschlagskraft nach vorne zu entwickeln und vor allem die Fehleranfälligkeit bei gegnerischen Standards zu beheben. Das gelang zumindest schon bei der Generalprobe. Im XXL-Testspiel gegen Aue siegte Dynamo nach 3x45 Minuten deutlich mit 5:0. "Die Mannschaft hat Selbstvertrauen getankt, wir dürfen es aber nicht überbewerten. Nächste Woche weht ein anderer Wind", blickte Schmidt auf den Start ins neue Jahr gegen den HSV voraus.

Alexander Schmidt: "Ein sehr positiver Test" 03:06 Min. Verfügbar bis 13.01.2023

Im Duell mit den Norddeutschen hatte die Sportgemeinschaft am 2. Spieltag ein beachtliches Remis erkämpft. Es folgten zwei überzeugende Siege gegen Hannover und Rostock, dank derer Dynamo frühzeitig den Grundstein für eine letztlich solide Hinrunde legte. Die drei Partien zum Auftakt haben erneut richtungsweisenden Charakter. Startet Dresden vergleichbar wie im Sommer, sollte man mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Ob Schmidt bei einem erneuten Negativlauf weiter das Vertrauen ausgesprochen bekommt, ist hingegen fraglich.

MDR | Stand: 13.01.2022, 16:45

2. Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
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