Teamcheck FC Erzgebirge Aue: Klassenziel akut gefährdet

Aue-Chef Leonhardt: "Es geht um den Klassenkampf" 03:31 Min. Verfügbar bis 09.01.2023

Fußball | 2. Bundesliga

Teamcheck FC Erzgebirge Aue: Klassenziel akut gefährdet

Von Ronny Eichhorn

Hat sich Erzgebirge Aue verpokert? Das Experiment Aliaksei Shpileuski ging schief, Marc Hensel als Teamchef steht vor einer Herkulesaufgabe. Vor dem Start ins neue Jahr hängen die Veilchen auf dem vorletzten Tabellenplatz fest. Und trotz bislang einer Verstärkung hofft man beim FCE noch auf die Verpflichtung eines Knipsers. Das letzte Testspiel bei der SG Dynamo Dresden gab auch nicht gerade Selbstvertrauen.

Ein krachend gescheitertes Experiment

Oberstes Ziel bei Zweitligist FC Erzgebirge Aue ist in jedem Jahr der Klassenerhalt. Dem ordnet der Verein mit seinem stimmgewaltigen Präsidenten Helge Leonhardt alles unter. Und so musste der im Sommer als neuer Hoffnungsträger verpflichtete Trainer Aliaksei Shpileuski nach nur sieben Spieltagen wieder seine Koffer packen, weil auch der Aue-Boss erkannte: Der frische Wind entpuppte sich als laues Lüftchen, die Mannschaft konnte oder wollte nicht verstehen, was der 33-Jährige von ihr verlangte.

Dabei war Shpileuski mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht worden, als ihn Leonhardt im Juni 2021 aus dem Hut zauberte. Ein junger, ehrgeiziger Coach, der die Red-Bull-Philosophie bevorzugt und immerhin in Kasachstan mit Kairat Almaty Meister wurde. Doch der 33-Jährige schaffte es, die durchaus vorhandene Aufbruchstimmung praktisch im Keim zu ersticken. Gestandene Profis wurden vom Hof gejagt, ein Knipser vom Typ eines Pascal Testroet – im Juli zum SV Sandhausen abgeschoben – fehlt heute an allen Ecken und Enden. Jetzt in der Winterpause sucht der FC Erzgebirge Aue so einen Vollstrecker.

So lief die Hinrunde

Es war allen Verantwortlichen vor dem Start der Saison durchaus bewusst, welches Risiko man einging. In der Offensive kaum Erfahrung, viele sicher talentierte, aber noch grüne Jungs, die nun in der mit zahlreichen Topklubs gespickten 2. Bundesliga bestehen sollten. Neben Testroet ging mit Florian Krüger auch noch der torgefährlichste Angreifer. Dazu kamen mit der SG Dynamo Dresden und Hansa Rostock zwei starke Aufsteiger dazu. Nach einer eher holprigen Vorbereitung sah es zunächst so aus, als könnten die Spieler umsetzen, was Shpileuski verlangte. In den ersten drei Partien gab es drei durchaus vielversprechende Unentschieden gegen den 1. FC Nürnberg, den FC St. Pauli und den FC Schalke 04. Aber nach dem Aus im Pokal beim FC Ingolstadt nahm das Unheil seinen Lauf: Die Spiele gegen Sandhausen, Kiel, Düsseldorf und Paderborn gingen verloren.

Aue war ganz unten angekommen und Feuerwehrmann Marc Hensel musste erneut einspringen. Diesmal als Teamchef, da der 35-Jährige nicht über die nötige Fußballlehrer-Lizenz verfügt. Zunächst stimmten die Ergebnisse trotz deutlicher Verbesserung in der Spielanlage nicht. Dann folgte der goldene Herbst mit zehn Punkten aus vier Spielen. Doch letztlich kehrte die Tristesse zurück: die vier letzten Spiele des Jahres gingen verloren, zuletzt gab es ein 1:3 gegen den 1. FC Nürnberg. Das Ergebnis: 14 Punkte und Rang 17.

Der Trainer

 Im Bild von links; Teamchef Marc Hensel, Erzgebirge Aue, Sportdirektor Pavel Dotchev (Aue).

Aues Teamchef Marc Hensel (l.) und Sportdirektor Pavel Dotchev

Marc Hensel brennt für den Job und die Erzgebirger. Fünf Jahre kickte der gebürtige Dresdner selbst für die Veilchen, seit 2017 ist er Nachwuchs- und Co- und nun wiederholt Interimstrainer. Der Gymnasiallehrer war bereits nach der Entlassung von Daniel Meyer und Dirk Schuster vorübergehend eingesprungen. Diesmal soll Hensel langfristiger bleiben, als Teamchef. Hensel steht seit Oktober mit Pavel Dotchev ein ebenfalls Altbekannter zur Seite, der zudem den nötigen Trainerschein mitbringt. Der 56-Jährige war zwischen 2015 und 2017 bereits Trainer in Aue und hat den Kontakt zu Freund und Aue-Boss Leonhardt nie abreißen lassen. "Marc führt die Mannschaft und ich bin dafür da, ihn zu unterstützen", erklärte Sportdirektor Dotchev bei "Sport im Osten" die Rollenverteilung.

Wer kommt, wer geht?

Große Sprünge auf dem Transfermarkt sind vom FC Erzgebirge Aue nicht zuletzt aufgrund klammer Kassen nicht zu erwarten. Klar ist, es muss alles und zwar sofort passen. Gesucht wurden: ein flexibel einsetzbarer Offensivmann, der eine hohe Torgefahr ausstrahlt. Das gelang mit Jann George, der von Jahn Regensburg nach Sachsen wechselte. Der 29-Jährige war viereinhalb Jahre für den Jahn aktiv, hatte maßgeblichen Anteil am Aufstieg. Zuletzt spielte er nach einer Verletzung aber kaum noch eine Rolle und will sich in Aue beweisen. "Wir kennen ihn seit vielen Jahren. Ich weiß, was er kann", so Hensel über den Neuen.

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Weniger erfolgreich war bisher die Suche nach einem echten Mittelstürmer. Das hat mehrere Gründe: Aue braucht einen erfahrenen Mann mit Torgarantie. Nur die wollen nicht unbedingt bei einem arg abstiegsgefährdeten Verein unterkommen, der darüber hinaus nicht die großen Gehälter der Liga zahlt. Hier hofft Aue noch auf einen Glücksgriff. Und der wird nötig sein, wie ein Blick auf die Torausbeute in den ersten 18 Spielen zeigt. Aue brachte es da gerade einmal auf 15 Tore. Michael Seaton wird es jedenfalls nicht, der Testspieler verletzte sich beim Test in Halle und wird zunächst nicht verpflichtet.

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Auf unbestimmte Zeit nicht zur Verfügung stehen wird zudem Omar Sijaric. Der 20-jährige Offensivmann fällt nach Vereinsangaben wegen einer schweren Krankheit auf unbestimmte Zeit aus. Sijaric war im Sommer nach Aue gewechselt und absolvierte in der Hinrunde immerhin 16 Partien.

Erwartungen an die zweite Saisonhälfte

Ohne Sijaric und die noch länger verletzten Florian Ballas, Ognjen Gnjatic, Gaetan Bussmann und Ramzi Ferjani hat das Trainerteam in Aue eine Herkulesaufgabe vor sich. Immerhin ist Mittelfeldroutinier Clemens Fandrich wieder einsatzbereit. Der 30-Jährige war nach einer vermeintlichen Spukattacke im Spiel gegen den FC Ingolstadt gegen einen Schiedsrichterassistenten zunächst für sieben Monate gesperrt worden, später wurden daraus sieben Spiele. Bereits am 28. Dezember bat Hensel sein Team zum Trainingsauftakt. Ein erstes Testspiel beim Halleschen FC wurde durch Dimitrij Nazaraovs späten Treffer mit 1:0 gewonnen. Am vergangenen Samstag setzte es bei der SG Dynamo Dresden jedoch eine ernüchternde 0:5-Klatsche.

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Klar ist mit Blick auf die Tabellenkonstellation: Alle Spieler müssen in jeder Partie an ihre Grenzen gehen. Langfristige Hänger kann sich der FC Erzgebirge Aue nicht mehr erlauben. Das sieht auch Sportchef Dorchev so: "Es geht nur noch um Endspiele, jedes Spiel hat Pokalcharakter. Wir hatten zuletzt einige Spiele hintereinander verloren, darf uns nicht mehr passieren." Sechs Punkte beträgt der Rückstand auf einen direkten Nichtabstiegsplatz, drei zum Relegationsrang – dem Minimalziel.

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Was stimmt positiv – was bereitet Sorgen?

Was stimmt positiv? Bis auf das allzu deutliche 0:4 bei Bundesliga-Absteiger Werder Bremen gab es in der Hinrunde kaum Spiele, in denen die Veilchen deutlich unterlegen waren. Kämpferisch, aber auch bei erarbeiteten Torchancen ist man unter Hensel auf Augenhöhe.

Was bereitet Sorgen? Wie bereits erwähnt, sind die Veilchen vor dem gegnerischen Tor bislang einfach zu ungefährlich. Es fehlt ein Knipser und der ist bislang nicht in Sicht. Ob Jann George die Lücke allein schließen kann, ist zumindest fraglich. Das Auftaktprogramm im Januar hat es gleich in sich. Zunächst geht es zu Spitzenreiter FC St. Pauli, danach kommt der FC Schalke 04 in den Schacht. Aber eines ist sicher: Kampflos werden sich die Erzgebirger nicht ergeben.

MDR | Stand: 09.01.2022, 12:16

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