2. Bundesliga - der Druck der Favoriten

Haben beide nur die Bundesliga im Blick? Mario Gomez (VfB Stuttgart) und Waldemar Anton (Hannover 96)

Vor dem Saisonstart

2. Bundesliga - der Druck der Favoriten

Von Frank Hellmann

Beim Einlaufen werden die Sehnsüchte der beiden Klubs nach höheren Zielen zwangsläufig geweckt werden. Wenn der VfB Stuttgart und Hannover 96 am Freitagabend (26.07.2019/20.30 Uhr im Live-Ticker bei sportschau.de) die 46. Saison der 2. Bundesliga eröffnen, kommen zwei Torhüter ins Bild, die jeweils mit einem Titel der Traditionsvereine verknüpft sind.

Bei den Schwaben repräsentiert Timo Hildebrand, der zwischen 1999 und 2007 in 221 Bundesligaspielen das Trikot mit dem roten Brustring trug und 2007 zum Abschluss seiner Zeit in Stuttgart mit dem VfB deutscher Meister wurde, die besseren Zeiten.

Die Niedersachsen werden von Torwarttrainer und Vereinslegende Jörg Sievers vertreten, der 384 Partien in der Bundesliga und 2. Bundesliga für die "Roten" bestritt und 1992 als Elfmeterheld den Gewinn des DFB-Pokals sicherte. Alles schon eine ganze Weile her.

VfB Stuttgart: Mission Wiederaufstieg

Geblieben sind die hohen Ambitionen, mit denen die beiden Bundesliga-Absteiger ins Eröffnungsspiel gehen. Stuttgarts neuem Trainer Tim Walter bleibt gar nichts anderes übrig, als sich hinter die Mission des direkten Wiederaufstiegs zu stellen. "Wir wollen den Verein weiterbringen. Das heißt in dem Fall auch, dass wir aufsteigen wollen."

Die Bürde des Favoriten will der neue Hoffnungsträger, der vom Zweitligisten Holstein Kiel nach Stuttgart kam und zuvor bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern arbeitete, gar nicht wegschieben. Im Gegenteil: "Wir sind gerne Favorit - ich war die ganzen Jahre davor kein Favorit." Der 43-Jährige sieht den VfB für den Auftakt "gut gewappnet", seine Mannschaft um Ex-Nationalspieler Mario Gomez habe sein anspruchsvolles Spielsystem "verinnerlicht".

Die Harmonie in der Mannschaft steht konträr zum Umfeld. Auf der Mitgliederversammlung brach der Unmut vor allem aus der Ultra-Szene heraus. Die Anfeindungen gegen Ex-Präsident Wolfgang Dietrich führten zu schweren Verwerfungen. Dennoch begreift Sportvorstand Thomas Hitzlsperger die Dietrich-Demission als Befreiung. Selbst rückt der ehemalige ARD-Experte mehr hinter die Kulissen, denn Sportdirektor Sven Mislintat soll den Verein in der Öffentlichkeit repräsentieren.

Dank der Finanzspritzen von Daimler und der Ausgliederung ist der Verein handlungsfähig und nicht aus finanziellen Gründen zum Aufstieg verdammt. Aber das Anspruchsdenken bleibt hoch. Ansonsten wären auch nicht 30.000 Dauerkarten verkauft worden.

Hannover 96: Hommage an die alten Helden

Skeptischer ist das Umfeld bei Hannover 96. Die Konflikte rund um die Übernahmepläne von Vereinsboss Martin Kind haben das Umfeld entzweit. Der Hörgeräteunternehmer aus Großburgwedel ist immer noch der tonangebende Mann am Maschsee, will sich aber mehr zurücknehmen. Dennoch hat Kind den Wiederaufstieg als Ziel ausgegeben, "aber wir sind realistisch, dass es unter Umständen ein weiteres Jahr dauern kann."  Es sollen die Helden richten, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch Atletico Madrid und dem FC Sevilla in der Europa League die Stirn boten.

Mit Jan Schlaudraff ist seit Mai eines der damaligen Gesichter Sportvorstand, dazu ist 2014er-Weltmeister Ron-Robert Zieler zurück im Tor. Und: Der neue Trainer Mirko Slomka steht für die erfolgreichste Zeit bei 96. Seine Mannschaft sieht der 51-Jährige "außergewöhnlich gut vorbereitet".

Mit Torhüter Ron-Robert Zieler (VfB Stuttgart), Marvin Ducksch (Fortuna Düsseldorf), Marcel Franke (Norwich City) und Sebastian Jung (VfL Wolfsburg) ist der Kader zumindest konkurrenzfähig. "Mit dem Kader wollen, müssen und können wir vorne dabei sein."

Hamburger SV: Selbst Lotto King Karl ist verbannt

Dasselbe behauptet aber auch der Kollege Dieter Hecking beim Hamburger SV, der mit einem Heimspiel gegen den SV Darmstadt 98 (Sonntag 13.30 Uhr) startet. Vieles, was an die Bundesliga erinnerte, ist abgeschafft: Dazu zählt die Uhr, die im Volksparkstadion abgebaut wurde.

Auch das Stadionlied "Hamburg, meine Perle" von Lotto King Karl wird nicht mehr gespielt, weil darin der HSV den Bayern die Lederhosen auszieht. Zu viel Nostalgie, findet Klubchef Bernd Hoffmann. Man sei zur Erkenntnis gelangt, "dass das Lied, das uns viele Jahre begleitet hat, in der aktuellen Situation überhaupt nicht mehr zum HSV und zu unserer Haltung passt".

Zeigt beim HSV jetzt die Richtung an: Dieter Hecking

Zeigt beim HSV jetzt die Richtung an: Dieter Hecking.

Nach der katastrophalen Rückrunde soll beim einstigen Bundesliga-Dino vieles auf Null gestellt werden. Und da zählt offenbar auch die akustische Begleitung dazu. Ob’s hilft? In erster Linie steht stehen Trainer und Spieler in der Bringschuld.

"Das zweite Jahr ist oft schwieriger als das erste", warnt Hecking, der zusammen mit Sportvorstand Jonas Boldt den sportlichen Bereich neu ordnen soll. Der Vertrag des Trainers läuft zwar über drei Jahre, gilt aber ab dem 1. Juli 2020 nur für die Bundesliga.

Auch wirtschaftlich ist der Ballast bei rund 85 Millionen Verbindlichkeiten immens. Bei Nicht-Aufstieg würde der auf 25 Millionen Euro zusammengekürzte Spieleretat noch weiter schrumpfen. Hecking spürt diesen Druck. Zu den Kandidaten für die Aufstiegsplätze gab der 54-Jährige diese Antwort: "Ich möchte dazu keine Angaben machen. Es nennen sowieso alle dieselben vier Vereine, da muss ich das ja nicht auch noch tun."

1. FC Nürnberg: Aufstieg als Zweijahresprojekt

Exquisiter Gast: In der Saisonvorbereitung spielte der "Club" gegen Paris St. Germain

Exquisiter Gast: In der Saisonvorbereitung spielte der "Club" gegen Paris St. Germain

Vierter im Bunde ist Heckings einstiger Arbeitgeber: der 1. FC Nürnberg. Der "Club" hat sich finanziell durch das Bundesligajahr ein Polster zugelegt, das entsprechend gut tut. Der Aufstieg ist kein Muss. Diese Spielzeit wird die 18. Saison in der Zweitklassigkeit - da kann sich schon ein Gewöhnungseffekt einstellen.

Den Franken, die mit einem Auswärtsspiel bei Dynamo Dresden (Samstag 13 Uhr) starten, dürften die wenigsten den direkten Wiederaufstieg zutrauen, vielleicht liegt allerdings genau darin die große Chance.

"Wir haben Ziele, aber wir haben dieses Projekt auf die nächsten zwei Jahre ausgelegt und wollen uns natürlich weiterentwickeln", sagt Trainer Damir Canadi. Der Anhang trägt den Kurs mit, erwartet aber Herz und Leidenschaft - und dürfte doch wieder von der Bundesliga träumen, wenn die Franken in Schlagweite zu den ersten drei Plätzen gelangen.

Für fast 30 Millionen Euro neue Spieler

Die Ausnahmestellung der vier Klubs belegen auch die bisherigen Transferaktivitäten. Während der Rest bislang insgesamt etwa fünf Millionen Euro investierte, holten die vier Favoriten für fast 30 Millionen Euro neue Spieler. In Europa arbeitet nur die englische Championship (846 Millionen Euro Umsatz in 2017/2018) wirtschaftlich auf vergleichbarem Niveau wie die 2. Bundesliga.

Im Unterhaus summierten sich die Erlöse auf 608 Millionen bei einem positiven Ergebnis (26,7 Millionen) und lagen damit das dritte Mal über der 600-Millionen-Marke. Mit den weiter steigenden Medieneinnahmen und der namhaften Besetzung kündigt sich für die neue Saison ein Umsatzrekord an.

mit sid, dpa | Stand: 25.07.2019, 08:42

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