Fehlentscheidungen gegen Würzburg - der Check, die Folgen, der Interessenkonflikt

Thorsten Fischer (r.), Felix Magath

Sponsor kündigt dem DFB Konsequenzen an

Fehlentscheidungen gegen Würzburg - der Check, die Folgen, der Interessenkonflikt

Von Marcus Bark

Der mächtige Mann der Würzburger Kickers hat Alarm geschlagen mit Anschuldigungen gegen den DFB. Das brachte ihm Aufmerksamkeit, erzeugt Druck für die Schiedsrichter und zeigt einen Interessenkonflikt auf.

Die 2. Liga hat aufgrund von Mannschaftsquarantänen bei drei Vereinen Terminnöte. Auch am 29. Spieltag fallen drei Partien zunächst aus. Am Samstag (17.04.2021) wird daher um 13 Uhr nur das Spiel zwischen dem FC St. Pauli und den Würzburger Kickers angepfiffen. Die beste Mannschaft der Rückrunde trifft auf den ziemlich abgeschlagenen Tabellenletzten, der glaubt, dass er nur deshalb abgeschlagen Tabellenletzter ist, weil der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das so will.

So jedenfalls lassen sich die Äußerungen von Thorsten Fischer deuten, dem Aufsichtsrat der FC Würzburger Kickers AG und vor allem Chef des Sponsors Flyeralarm. Fischer ließ am Sonntag (11.04.2021), nur ein paar Minuten nach dem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg verbreiten, dass er als Sponsor beim DFB aussteigt. "Elf spielentscheidende Fehlentscheidungen" in dieser Saison hätten das Fass zum Überlaufen gebracht. "Ich habe den Glauben wie Hoffnung an eine Gleichbehandlung und seriöses Geschäftsgebaren verloren", hieß es wörtlich, Fischer sprach von "krassen" und "mittlerweile mutwilligen Fehlentscheidungen".

Belege blieb er schuldig. Auf Anfrage der Sportschau ließ Fischer mitteilen, dass alles gesagt sei. Die Entscheidung, im Jahr 2023 auslaufende Verträge mit dem Verband nicht zu verlängern, soll unumstößlich sein. Das Volumen des Sponsorings liegt bei etwa vier Millionen Euro. Über ein weiteres Engagement als Namensgeber und damit Sponsor der Frauen-Bundesliga werde gesondert entschieden.

Spektakulärer Aufschlag

Das war ein spektakulärer Aufschlag von Thorsten Fischer, und wäre er der Quasi-Boss eines traditionsreichen Bundesligisten, hätte das Thema unter der Woche mit dem Wechsel von Adi Hütter zu Borussia Mönchengladbach und der Beziehung zwischen Hansi Flick und Hasan Salihamidzic konkurrieren können.

So verstummte der Alarm nach zwei Tagen, in denen Thorsten Fischer sich darüber freuen durfte, dass der Name seiner Firma in aller Munde, er selbst aber in den Medien schlecht weggekommen war. Die schweren Vorwürfe gegen den DFB samt der Ankündigungen bezüglich des Sponsorings seien "reines Marketing" gewesen, schrieb die "Main-Post", die in Würzburg erscheint. Die "Süddeutsche Zeitung" nannte es "Geschäftskalkül".

In der "Frankfurter Rundschau" war von einem "falschen Alarm" die Rede, der Kommentar lenkte den Blick auch auf die Folgen für den DFB, allerdings nicht wirtschaftlicher Art: "Beim nächsten Auswärtsspiel des Zweitligaletzten Würzburger Kickers am Samstag beim FC St. Pauli möchte man lieber kein Schiedsrichter sein. Dort unabhängig und unparteiisch zu pfeifen, dürfte zu einer extremen Herausforderung werden."

Durch die Absage der zwei zunächst für Samstag außerdem vorgesehenen Spiele wird der noch zu benennende Schiedsrichter noch mehr in den Blickpunkt rücken, genau wie der Videoassistent.

Bemerkenswerte Fehler und Folgen

Die Motive Fischers ausgeblendet, ist der Würzburger Ärger über Schiedsrichterentscheidungen nachzuvollziehen. Die von den Kickers erstellte Liste mit den angeblich spielentscheidenden Fehlern zeigt vor allem in den vergangenen Wochen Situationen auf, die auch bei möglichst neutralen Beobachtern Kopfschütteln hervorrufen. Der DFB gestand einige Fehler ein.

Bemerkenswert war, dass er den Videoassistenten des Würzburger Spiels bei Holstein Kiel für eine Bundesligapartie am nächsten Tag absetzte. Dem Elfmeter, den die Kieler zum 1:0-Sieg nutzten, war eine so hanebüchene Entscheidung vorausgegangen, dass im Fachmagazin "kicker" über Schiedsrichter Thorben Siewer geurteilt wurde: "Rüttelte im Zusammenspiel mit dem VAR bei seinem spielentscheidenden Elfmeter-Fehlpfiff (...) an den Grundfesten dieser Sportart."

Würzburg wütet gegen Fehlentscheidungen Sportschau 16.04.2021 01:22 Min. Verfügbar bis 16.04.2022 Das Erste

Die Würzburger hatten früh in der Saison begonnen, ihr Leid zu klagen. Der ehemalige Meisterspieler und -trainer Felix Magath, als Chef für die Fußballunternehmungen von Thorsten Fischers Online-Druckerei angestellt, sprach schon im November von "grundsätzlichen Benachteiligungen". Im Rückblick waren die von Magath monierten Szenen aber deutlich weniger eindeutig zu bewerten als die zuletzt tatsächlich hanebüchenen Entscheidungen.

Es dürfte bei Betrachtung aller Spiele der Saison jedoch Konsens sein, dass strittige Entscheidungen überwiegend gegen die Würzburger Kickers getroffen wurden. In den Schiedsrichterbewertungen des "kicker" findet sich bis zum 28. Spieltag kein Fall, in dem die Franken von einer Fehlentscheidung profitierten.

Sponsoren bei Vereinen und Verbänden

Der Bruch zwischen Thorsten Fischer und dem DFB rückt zudem erneut auch einen Interessenkonflikt in den Vordergrund, der zuletzt in Vergessenheit geraten war. Sponsoren, die sowohl mindestens einen Verein wie auch den dazugehörigen Verband mit Geld unterstützen. Anteilseigner des FC Bayern machen das, der Trikotsponsor des 1. FC Köln macht das, Thorsten Fischer macht das auch seit vielen Jahren.

Das prominenteste Beispiel ist VW. Der Autokonzern ist der zweitgrößte Sponsor des DFB, unterstützt viele Vereine, an der ausgegliederten VfL Wolfsburg Fußball GmbH, die in der Bundesliga spielt, hält er 100 Prozent.

Ein Interessenkonflikt sei durchaus vorhanden, sagt Yvonne Thorhauer, Professorin für Wirtschaftsethik an der privaten "accadis Hochschule" in Bad Homburg, die auch an der Uni Frankfurt/Main lehrt. "Ich sehe allerdings kein Problem darin, dass jemand mehrere Vereine und auch Verbände sponsert", so die Expertin für Compliance im Sport.

Wenn, dann müsse sich in diesem Fall der Verband entscheiden, ob er einen Sponsor ins Boot holt und die Frage entscheiden: "Wie werde ich beeinflusst?" Von einem Verbot gleichzeitiger Engagements hält Yvonne Thorhauer nichts: "Das würde die Freiheit zu sehr einschränken."

Keine "unmittelbare Einflussnahme"

Auch Jürgen Mittag sieht "eher begrenzten Regelungsbedarf". Der Professor für Sport und Politik an der Kölner Sporthochschule sagt: "Interessenkollisionen sind bei einer Sponsorentätigkeit für mehrere Akteure in einer Branche nicht immer zu vermeiden, stellen aber aus Governance-Perspektive auch kein grundsätzliches Ausschlusskriterium dar. Anders als bei Beratungsaktivitäten (etwa Spielerberater, die gleichzeitig einen Verein und einen Spieler vertreten), ist im Fall einer Sponsorenaktivität nicht in gleicher Form von einer unmittelbaren Einflussnahme auszugehen."

DFB bleibt Antworten schuldig

Die Sportschau bat den DFB um eine Stellungnahme, erhielt aber auf die explizite Frage keine Antwort. Auch die Frage, ob es ein direktes Gespräch zwischen dem Verband und Thorsten Fischer nach dem Würzburger Spiel gegen Nürnberg gegeben habe oder dies angedacht sei, blieb offen. Immerhin kam eine indirekte Antwort auf die Frage nach der heftigen Kritik des Sponsors, der den Alarmknopf drückte: "Schiedsrichterentscheidungen werden grundsätzlich unabhängig getroffen. Dass diese in der Öffentlichkeit Emotionen hervorrufen können, ist im Fußball völlig normal."

Stand: 16.04.2021, 10:00

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