Bielefeld und Stuttgart - das erwartet die Bundesliga

Die Aufsteiger-Trainer 2019/20 von Arminia Bielefeld und dem VfB Stuttgart

Das sind die Aufsteiger

Bielefeld und Stuttgart - das erwartet die Bundesliga

Von Robin Tillenburg

Wucht und Umschaltspiel, viele Debüts, Premieren und ein laufender Umbruch. Die beiden Bundesligaaufsteiger sind in vielen Aspekten sehr verschieden und bringen so einiges mit ins Oberhaus.

Arminia Bielefeld: Wucht und viel Moral

Der souveräne Zweitligameister hatte am Ende der abgelaufenen Spielzeit zehn Punkte Vorsprung auf Rang zwei und ganze 13 auf den Relegationsplatz. So große Abstände gab es zuletzt in der Saison 2012/13, als Hertha BSC das Unterhaus dominierte. Das Torverhältnis der Mannschaft von Uwe Neuhaus war mit +35 auch um 14 Treffer besser als das des VfB Stuttgart. Der beste Angriff, die beste Abwehr, den Torschützenkönig im Team - erwartet die Bundesliga eine Mannschaft, die auch dort eine gewichtige Rolle mitspielen kann?

Ganz so wie es auf dem Papier aussieht, verhält es sich dann doch nicht mit den Ostwestfalen, die zuletzt 2009 in der Bundesliga spielten und zwischenzeitlich sogar bis ins Mittelfeld der 3. Liga abgerutscht waren. Denn es war nicht so, dass die Bielefelder ihre Gegner in der 2. Liga konsequent an die Wand spielten - auch wenn das auch mal vorkam. Sie erdrückten sie eher mit ihrer Wucht. Und selbst in schlechten Spielen erzwangen die Arminen oft noch mit viel Moral einen späten Ausgleich und rutschten somit nie in ein echtes Loch. Gegen St. Pauli, Bochum, den KSC und Stuttgart gelang der Punktgewinn nach zuvor mäßiger Leistung erst in der Schlussphase.

Uwe Neuhaus etabliert auch kurze Pässe

Als der heute 60-jährige Hattinger Uwe Neuhaus die Bielefelder im Dezember 2018 übernahm, standen diese auf Rang 14. Ab da ging es quasi konsequent bergauf. Neuhaus hielt die Truppe zusammen und verbesserte sie stetig. Leistungsträger wie Fabian Klos (seit 2011), Brian Behrendt (seit 2015), Andreas Voglsammer, Florian Hartherz, Manuel Prietl (seit 2016) und Torwart Stefan Ortega (seit 2017) sind allesamt schon lange in Diensten der Bielefelder und extrem eingespielt.

Neuhaus gelang es, die langen Bälle auf die wuchtigen Klos und Voglsammer vom Allheilmittel zur Option zu machen. Er vermittelte dem Team Passsicherheit in der Defensive, die den Gegner beim Pressing dazu zwang, Räume zu öffnen. Obwohl Neuhaus über 500 Spiele als Trainer absolviert hat, ist die Bundesliga für den ehemaligen Dynamo-Dresden- und Union-Berlin-Trainer Neuland.

"Funkturm" Klos und seine späte Premiere

Fabian Klos wurde mit 21 Toren bester Torschütze der Zweitligasaison. Der Kapitän ist die Identifikationsfigur, scheut auch in Interviews das offene Wort nicht und ist mit seiner Physis, seiner stetigen Arbeit gegen den Ball und seinem hervorragenden Abschluss der Funkturm und die Anspielstation in vorderster Front. Mit 32 Jahren wird auch er sein erstes Bundesligaspiel bestreiten.

Genau wie quasi alle anderen Top-Akteure im Aufgebot: Prietl, Ortega, Voglsammer - keiner von ihnen hat Bundesligaerfahrung. Linksverteidiger Florian Hartherz ist mit seinen 20 Einsätzen in dieser Kategorie ein echter Routinier. So eingespielt und stabil die Arminen also sind - es wird für die meisten ein aufregender Ritt im nächsten Bundesligajahr.

VfB Stuttgart: Der radikale Umbruch

Nach dem zweiten Abstieg in vier Jahren ließ man beim VfB Stuttgart kaum einen Stein auf dem anderen. Der gerade erst im Februar verpflichtete Sportvorstand Thomas Hitzlsperger hatte schon im April Sven Mislintat als Sportdirektor geholt und installierte in Tim Walter einen neuen Trainer. Der musste im Dezember auf Rang drei liegend schon wieder gehen und auch Präsident Wolfgang Dietrich wurde nach drei Jahren im Amt von Claus Vogt beerbt. Neuer Trainer wurde Pellegrino Matarazzo, der zuvor bei der TSG Hoffenheim als Co-Trainer gearbeitet hatte, ansonsten aber ein im Profifußball quasi unbeschriebenes Blatt war.

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Damit aber nicht genug: Durch den Abstieg waren Hitzlsperger und Mislintat auch gezwungen, etliche Leistungsträger zu ersetzen. Benjamin Pavard, Ozan Kabak, Ron-Robert Zieler und im Januar 2020 auch noch Santiago Ascacibar. Etliche neue Spieler wurden geholt - ein klassischer Umbruch. Mitten in diesem ist der VfB, der in der zweiten Liga natürlich rein vom Namen her schon zu den Aufstiegsfavoriten gehörte, schließlich aufgestiegen. Weil die Konkurrenz in entscheidenden Momenten patzte, weil aber auch einige Neuzugänge einschlugen.

Neuzugänge sind die Leistungsträger

Pascal Stenzel war einer davon und konnte nach seiner Leihe aus Freiburg inzwischen auch fest verpflichtet werden.Torwart Gregor Kobel, der nach Stenzel die meisten Einsatzminuten abspulte, kehrt erst einmal zurück zur TSG Hoffenheim. Auch Orel Mangala, Philipp Förster, Atakan Karazor, Silas Wamangituka, Wataru Endo und Hamadi Al Ghaddioui waren allesamt neu im Kader der Schwaben - und sie alle wurden zu Leistungsträgern. Und sollen es auch in der nächsten Saison gerne sein.

Atakan Karazor jubelt mit seinen Mitspielern über seinen Treffer

Atakan Karazor jubelt mit seinen Mitspielern über seinen Treffer.

Genauso übrigens wie Sasa Kalajdzic, der nach einer langen Verletzungspause im Sturmzentrum den nicht mehr aktiven Mario Gomez ersetzen soll und auch ein gefühlter Neuzugang ist. Bis auf Gonzalo Castro und Holger Badstuber verfügt kein Spieler im Kader über viele Jahre Erfahrung auf höchstem Niveau.

Das Budget ist knapp - Thommy und Kalajdzic sind Hoffnungsträger

Während die Bielefelder sich auf dem Zenit ihrer Eingespieltheit und womöglich auch Leistungsfähigkeit befinden, ist man bei den Stuttgartern immer noch in der Entwicklung. Die wird nun im Oberhaus auf eine harte Probe gestellt werden, denn wie die Verantwortlichen jüngst verkündeten, das Budget ist durch die Corona-Krise extrem knapp. Und einige Verstärkungen und Weiterentwicklungen braucht es, wenn die Stuttgarter im Oberhaus bestehen wollen.

Gut möglich, dass der aus Düsseldorf zurückkehrende Erik Thommy so eine sein soll und der bisher beste Torschütze Nicolas Gonzalez auch mal vom Flügel in die Mitte rückt und sich mit Kalajdzic abwechselt.

Matarazzo setzt aufs Umschaltspiel

Viel Erfahrung hat Matarazzo als Chefcoach auf höchstem Niveau noch nicht. Er hat es aber geschafft, der Mannschaft relativ schnell seinen Spielstil nahezubringen: schnelles Umschaltspiel nach Ballgewinn und Pressing gegen den Ball. In der Bundesliga könnte der Faktor, dass eine Matarazzo-Mannschaft nicht zwingend über lange Strecken den Ball braucht, um gefährlich nach vorne zu spielen, ein Trumpf sein. Denn soviel Ballbesitz wie der VfB in der 2. Liga trotz des Systems hatte (Spitzenwert von 61,5 Prozent im Schnitt), wird es wohl eher nicht mehr geben. Vorgänger Walter hatte eher auf Ballbesitzfußball gesetzt. Das Pressing und die Systemumstellung brachten auch Stabilität: Die Anzahl der Gegentore wurde deutlich reduziert.

Im Umfeld ist man jedenfalls begeistert vom Trainer, der von 2012 bis 2017 im Jugendbereich in Nürnberg und Hoffenheim aktiv war. "Unser Weg ist nicht in einem Jahr gegangen, sondern frühestens in drei. Und Rino wird der Trainer sein, mit dem wir dabei zusammen arbeiten werden", sagte Mislintat. "Ich persönlich werde diesen Trainer selbst im Falle eines schlechten Saisonstarts oder bei einem möglichen Abstiegskampf nicht in Frage stellen." Der Umbruch soll also weitergehen - es braucht aber definitiv noch ein paar Säulen, um ihn auch tragen zu können. Die will man am liebsten aus den eigenen Reihen entwickeln. Das kann nachhaltig sein - oder total danebengehen.

Stand: 07.07.2020, 09:30

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