Gemischte Gefühle in der Autostadt

Josip Brekalo vom VfL Wolfsburg

VfL Wolfsburg - 1. FC Köln 4:1 (1:1)

Gemischte Gefühle in der Autostadt

Von Frank Hellmann

Der VfL Wolfsburg besinnt sich gerade noch rechtzeitig auf seine Grundtugenden, aber das 4:1 gegen den 1. FC Köln wendet die zweite Relegation hintereinander für den Werksverein nicht ab. Gegen Holstein Kiel braucht es eine Steigerung. Die Analyse.

Vor dem letzten Spieltag hat Bruno Labbadia einfach mal den Rat eines Anhängers angenommen, der gewusst zu haben schien, wie sich die Untergangsszenarien beim VfL Wolfsburg vertreiben lassen: indem der Gastgeber in der werkseigenen Arena einfach mal die Ersatzbank wechselt. Und sich in einem Heimspiel mit Trainerteam und Auswechselspielern dort platziert, wo gemeinhin die Gäste hocken. Rechts von der Haupttribüne.

"Wir haben einfach mal was Neues probiert. Wir wollten nichts unversucht lassen", sollte Labbadia hinterher sagen und von dem Dialog mit einem Fan in seinen Anfangszeiten in der Autostadt erzählen. Der habe ihm schon damals nahegelegt, die Flaute mit diesem Seitenwechsel zu vertreiben. Tatsächlich hat das beim 4:1 (1:1)-Heimsieg gegen den feststehenden Absteiger 1. FC Köln nun noch verspätet Glück gebracht.

Mehr als in Spurenelementen erstligareif

Über den Aberglauben hinaus ist am Samstagnachmittag (12.05.2018) auch die Erkenntnis zurück, dass der VfL nicht nur in Spurenelementen erstligareif ist. Sondern - wenn sich alle Beteiligten an den Riemen reißen - durchaus auf Bundesliganiveau Fußball spielen kann. Was deshalb eine wichtige Erfahrung ist, weil sich die Fußball-Tochter des VW-Konzerns das zweite Mal in der Relegation wiederfindet, in der ein Jahr nach dem nervenaufreibenden Nachbarschaftsduell gegen Eintracht Braunschweig nun gegen den Emporkömmling Holstein Kiel die Versäumnisse einer beinahe saisonübergreifenden Fehlplanung ausgebadet werden müssen.

"Wir haben getan, was wir tun mussten: unser Spiel zu gewinnen", sagte Labbadia hinterher erleichtert. Selbstvertrauen könne man eben nicht trainieren, deshalb tue das Erfolgserlebnis vor den Entscheidungsspielen gegen den Zweitliga-Dritten – zuerst am kommenden Donnerstag (17.05.2018) am Mittellandkanal, dann am Pfingstmontag (21.05.2018) an der Förde - enorm gut. Labbadia: "Es war wichtig, die vergangenen Tage kein Tam-Tam zu machen. Wir haben die Ruhe behalten."

Wolfsburger Vorsänger fordert das Publikum auf

Doch es war auch nicht schädlich, dass der Wolfsburger Vorsänger Chris Heise wie ein Marktschreier vor Anpfiff das Publikum in Wallung versetzte. "Wir sind es, die die ganze Maschinerie am Laufen halten. Wir hauen hier alles raus - 90 Minuten für die erste Liga." Der flammende Appell aus der Nordkurve sollte seine Wirkung insofern nicht verfehlen, dass die Grundtugenden wieder zum Vorschein kamen.

Tatsächlich verkörperten die "Wölfe" endlich jene Werte, die überall im Stadion so plakativ verbreitet werden. "Arbeit, Fußball, Leidenschaft", heißt das Motto, das am 34. Spieltag spät, aber nicht zu spät endlich mit Inhalt gefüllt wurde. 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 18:7 Torschüsse zeugten von einer lange vermissten Dominanz, die allerdings durch das weitgehend körperlose Kölner Auftreten begünstigt wurde. So blieb auch der freiwillige Verzicht Labbadias auf seinen nicht vollständig fitten Offensivmann Daniel Didavi ("Er hat mir gesagt, er ist nicht bei 100 Prozent.") folgenlos.

Josip Brekalo überragt – und ist an allen Toren beteiligt

Neben dem Rückhalt von den Rängen – obgleich die Arena mit 26.112 Zuschauern nicht ausverkauft war – beflügelte vor allem das Blitztor von Josuha Guilavogui (1. Minute) die Heimelf. Die Vorarbeit leistete der flinke Josip Brekalo, der auch das 2:1 von Divock Origi mit seinem Tempodribbling einleitete (54.) und den Ball beim 3:1 per Freistoß punktgenau auf den Kopf von Robin Knoche servierte (71.), ehe der 19-jährige Flügelflitzer seine überragende Vorstellung mit dem 4:1 krönte (90.+1).

Brekalo: "Haben gekämpft bis zur letzten Minute"

Sportschau | 12.05.2018

Dem kroatischen WM-Kandidaten - übrigens beobachtet vom ehemaligen VfL-Stürmer Ivica Olic, der mittlerweile Teil des Trainerstabs der Nationalmannschaft Kroatiens ist - kam im 4-3-3-System die Schlüsselrolle zu. Weil er sich über die linke Seite viel besser in Szene setzte als sein Gegenüber Renato Steffen, indem er mit seinen tiefen Läufen immer wieder Lücken in die unaufmerksame Kölner Deckung riss und mit seinen Körpertäuschungen für den hüftsteifen Aushilfsverteidiger Marcel Risse nicht zu greifen war.

Nicht nur Maxi Arnold im Zwiespalt

"Er ist ein Toptalent. Aber eine Entwicklung ist in unserer Situation nicht einfach", räumte Labbadia ein, der nach Brekalos verschluderter Chance zum vielleicht schon vorentscheidenden 2:0 (19.) einen "typischen Hänger" beobachtet hatte. Deshalb sei Brekalos Tor so wichtig gewesen. Er kann in einer Relegation der Spieler sein, der dann den Unterschied macht. Und auch Mittelstürmer Origi wirkte trotz einiger sinnfreier Egotrips deutlich verbessert: Die Leihgabe vom FC Liverpool hatte sich der Ex-Stürmer Labbadia vorher im Einzelgespräch gepackt: "Er hat einiges davon umgesetzt."

"Im Fußball muss man positiv sein. Ein 4:1 ist ein gutes Resultat, um positiv zu bleiben", sagte Origi. Aber nicht alle Begleiter des Belgiers wirkten so zufrieden:  "Ich weiß nicht, ob man zu Platz 16 gratulieren kann: Es ist ganz komisch mit den Gefühlen", gab Kapitän Maximilian Arnold zu. Und Torwart Koen Casteels bemerkte: "Natürlich sind wir erleichtert. Das ist das Positive. Das Negative: Es ist noch nicht vorbei. Wir können uns nicht feiern lassen."

Warnung kommt von Armin Veh

Von einer "Teilfreude" sprach Torschütze Knoche. "Wir wissen, dass noch zwei Spiele zu gehen sind. Das muss der Grundstein sein, dass wir dasselbe Feuer, dieselben Emotionen zeigen. Wir haben schwierige Wochen hinter uns", erklärte Knoche, "jetzt gibt uns das hoffentlich Sicherheit." Doch das Eigengewächs weiß auch: "Relegation macht nie Spaß."

Eine weitere Leistungssteigerung wird Wolfsburg vermutlich brauchen. Am Sonntag wird Labbadias Co-Trainer Eddy Sözer zur letzten Beobachtung nach Kiel reisen, das dann gegen Eintracht Braunschweig antritt. Sein Chef geht am selben Tag in die detaillierte Vorbereitung auf die zweite Relegation seiner Trainer-Karriere. Dass der 52-Jährige vor drei Jahren den HSV auf dramatische Art und Weise rettete, sei gewiss nicht verkehrt, sagte Labbadia auf Nachfrage von sportschau.de: "Die Erfahrung ist als Trainer unbezahlbar."

Auf der anderen Seite hat der Gegner so gut wie gar nichts zu verlieren: Kiel hat ja nicht mal ein Stadion, das für die Bundesliga zugelassen ist. Kölns Sportdirektor Armin Veh warnte nichtsdestotrotz: "Die Kieler haben einen klaren Plan und automatisierte Abläufe im Spiel nach vorne. Das wird für Wolfsburg kein Selbstgänger." Nicht umsonst hat er ja bereits Holstein-Coach Markus Anfang für den Neuanfang in der zweiten Liga in die Domstadt gelotst.

Statistik

Fußball · Bundesliga · 34. Spieltag 2017/2018

Samstag, 12.05.2018 | 15.30 Uhr

Wappen VfL Wolfsburg

VfL Wolfsburg

Casteels – Verhaegh (16. Gerhardt), Knoche, Brooks, William – Guilavogui, Arnold – Steffen (71. Blaszczykowski), Malli (84. Rexhbecaj), Brekalo – Origi

4
Wappen 1. FC Köln

1. FC Köln

T. Horn – Mere, Heintz, J. Horn (15. Bittencourt) – Risse, Jojic (63. Clemens), Höger, J. Hector – Koziello – Terodde, Pizarro (72. Osako)

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Guilavogui (1.)
  • 1:1 J. Hector (32.)
  • 2:1 Origi (54.)
  • 3:1 Knoche (72.)
  • 4:1 Brekalo (90.+1)

Strafen:

  • gelbe Karte Steffen (3 )
  • gelbe Karte Koziello (3 )
  • gelbe Karte J. Hector (4 )
  • gelbe Karte Arnold (8 )
  • gelbe Karte Mere (6 )

Zuschauer:

  • 26.112

Schiedsrichter:

  • Markus Schmidt (Stuttgart)

Stand: Samstag, 12.05.2018, 17:26 Uhr

Stand: 12.05.2018, 20:58

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