Bundesliga in England: Die Euphorie ist verflogen, der Respekt geblieben

Mo Dahoud (l.) im Zweikampf mit Leon Goretzka

Re-Start in den Ligen

Bundesliga in England: Die Euphorie ist verflogen, der Respekt geblieben

Von Marco Schyns

Zum Re-Start der Bundesliga stürzte sich die britische Presse auf den deutschen Fußball. Davon ist zwei Wochen später nicht mehr viel zu spüren. Ein englischer Journalist erzählt von der britischen Sicht auf die Bundesliga.

Es hatte etwas von Euphorie. Vor dem Re-Start der Bundesliga Mitte Mai druckten die britischen Zeitungen Sonderseiten. Die Bundesliga, sonst nur selten beachtet, rückte plötzlich in den Fokus der Berichterstattung. "Normalerweise findet die Bundesliga nicht großartig statt. Die Fans kennen Bayern und Dortmund aus der Champions League, nur ganz wenige haben wirklich Kenntnis über die Bundesliga", sagt Mark Ogden im Gespräch mit der Sportschau. Der englische Journalist arbeitet für ESPN UK und kennt den internationalen Fußballmarkt.

In England müssen sie sich noch gedulden, haben aber seit wenigen Tagen ein Fixdatum für den Re-Start. Am 17. Juni geht die Premier League weiter. Bis dahin bleibt an Live-Fußball nur die Bundesliga - oder internationale Ligen wie die der Faröer Inseln, von Weißrussland oder Südkorea. So gesehen war ein erhöhtes mediales Interesse an der Bundesliga nur logisch. Drei Spieltage und knapp zwei Wochen später ist aber klar: Es war nur ein kurzes Strohfeuer.

Re-Start-Pläne wichtiger als die Bundesliga

Schuld daran hat gar nicht mal die Bundesliga selbst, sondern schlichtweg der Re-Start-Plan im eigenen Land. In den vergangenen zwei Wochen ging es sehr schnell: vom Kleingruppentraining ohne Kontakt hin zu normalem Trainingsbetrieb und einem fixen Re-Start-Termin - während in kurzen Zeitabständen alle Spieler und das Personal getestet werden. Viele Profis kritisierten zuletzt die Pläne, blieben teilweise freiwillig vom Training fern.

"Mit Trainingsbeginn wurden die kritischen Stimmen weniger", sagt Ogden, der sich wie die meisten Briten auf die Rückkehr der Premier League freut: "Die britischen Fußballfans gieren nach Fußball. Das war besonders stark im Lockdown vor wenigen Wochen. Genau das hat die Bundesliga kurzzeitig populär gemacht. Viele haben sich sogar ein Team rausgesucht, mit dem sie mitfiebern konnten."

Premier League - Störgeräusche vor Re-Start Sportschau 23.05.2020 04:24 Min. Verfügbar bis 23.05.2021 Das Erste

Das Problem vieler Briten mit der Bundesliga: Sie ist zu "berechenbar", wie Ogden sagt: "Die Fans denken sich - und das stimmt ja meistens auch: Eigentlich gewinnt immer Bayern." Der deutsche Rekordmeister ist ebenso präsent auf der Insel wie der BVB. Damit ein Spieler große Beachtung findet, sind schon phänomenale Leistungen nötig - so wie zuletzt bei Erling Haaland. "Für die Briten ist er aktuell der größte Star in Deutschland", erzählt Ogden.

Ogden: "Deutschland hat den Weg vorgegeben"

Normalerweise muss sich die Bundesliga auf der Insel noch hinter Spanien und Italien anstellen. Die Premier League aber ist omnipräsent und für die Briten - da sind sich Experten, Presse und Fans einig - wichtiger als die Champions League. Der kurze Ausflug in die Welt des deutschen Fussballs könnte aber trotzdem einen nachhaltigen Effekt haben.

"Deutschland gibt der Welt, was sie liebt", sagte Tottenhams Coach José Mourinho kürzlich. Ogden fügt hinzu: "Deutschland hat den Weg vorgegeben, das erkennen selbst die wichtigen Leute bei der FA an." Die Menschen in England würden der Bundesliga "viel Respekt" entgegenbringen. "Sie haben die Corona-Krise sehr gut gemeistert. Das Modell scheint zu funktionieren. Dieser Eindruck wird bleiben", sagt Ogden.

Die Euphorie vom Re-Start ist verflogen

Die Euphorie ist also verflogen. Selbst das hierzulande viel beachtete Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern am Dienstag (26.05.2020) fand medial ebenso viel Beachtung, wie es ein Bundesliga-Spiel von diesem Format auch zu "normalen Zeiten" gefunden hätte. Zurück also zum Status quo?

"Rein sportlich betrachtet wird sich alles spätestens dann normalisieren, wenn die Premier League wieder läuft", glaubt Ogden. "Selbst aktuell gewinnt Bayern alles und wird wohl Meister, das bestätigt die englischen Fans in ihrer Sicht, die Bundesliga sei berechenbar und langweilig." Die Situation sei mit der in England vor vielen Jahren vergleichbar. "Was Deutschland gut tun würde, auch in der Außenansicht, wäre, wenn die Bayern mal zwei oder drei Jahre Probleme haben würden", so Ogden: "Seit Manchester United in der Post-Ferguson-Ära schwächelt, wurde die Premier League weniger berechenbar. Die Leute haben sich wieder neu für die Liga begeistert."

Ob eine solche Entwicklung wirklich englische Fußball-Fans nachhaltig für die Bundesliga begeistern würde, könnte auch er nicht sicher sagen. Ogden ist sich aber sicher: "Es würde helfen." Bis dahin bleibt also alles beim Alten: Die Bundesliga hat kaum sportliche Relevanz auf der Insel, der Respekt für ein Modell in der Corona-Krise aber bleibt. Immerhin.

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Stand: 01.06.2020, 08:00

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