FC Bayern - Wendepunkt Wolfsburg

Serge Ganbry im Zweikampf mit Anthony Brooks

Meiterschaftskampf

FC Bayern - Wendepunkt Wolfsburg

Von Frank Hellmann

Nie stand Trainer Niko Kovac so sehr unter Druck wie in der Hinrunde vor der Partie beim VfL Wolfsburg. Nun könnte das Heimspiel gegen denselben Gegner für den FC Bayern zum Überholmanöver in der Meisterschaft führen.

Vielleicht muss Bruno Labbadia solche Sätze sagen: "Wir gehören zu den auswärtsstärksten Mannschaften in der Liga. Auch wir sind nicht so einfach zu knacken. Von daher wird es ein sehr interessantes Spiel."

Der Trainer des VfL Wolfsburg will eingedenk der positiven Entwicklung seiner Mannschaft natürlich nicht klein beigeben, nur weil es zum FC Bayern geht (Samstag, 15.30 Uhr). Aber die Statistik spricht eben gar nicht für den Fußballlehrer, der in aktiven Zeiten auch mal das Bayern-Trikot trug: Seit 14 Spielen ist der 53-Jährige persönlich gegen die Bayern sieglos.

Einmal traf Robert Lewandowski fünfmal

Der VfL Wolfsburg hatte gegen die Bayern - bis auf ein 2:2-Remis in der vergangenen Saison - zuletzt nur eine Reihe frustrierender Niederlagen zu verkraften. 14 der jüngsten 15 Begegnungen gegen die Bajuwaren gingen verloren. Oft wie zahnlose Wölfe ergaben sich die VfL-Kicker, verloren zwischendrin auch mal 0:6, 0:5 oder 1:6.

Einmal, beim 1:5 am 22. September 2015, schoss Robert Lewandowski zwischen der 51. und 60. Minute alle fünf Treffer. In der Hinrunde der laufenden Saison ging es am achten Spieltag für Wolfsburg etwas glimpflicher aus: Mit 3:1 setzten sich die Bayern am 20. Oktober vergangenen Jahres durch.

Legendäre Pressekonferenz einen Tag vorher

Es war allerdings eine Partie, in der in München alles auf dem Prüfstand kam: Zuvor waren die Nationalspieler mit heftiger Schelte von zwei verlorenen Nations-League-Länderspielen nach München zurückgekehrt. Mats Hummels und Jerome Boateng waren nach einem 0:3 in den Niederlanden zu Sündenböcken und Altherrenfußballern ernannt worden, weshalb wiederum die Bayern-Bosse beschlossen, eine mittlerweile denkwürdige Pressekonferenz zu geben: einen Tag vor dem Auswärtsspiel in der Autostadt.

Die von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge aufgetischten Thesen und Zitate gehören jetzt schon zu jedem Saisonrückblick, aber damals hatten sie dem Trainer Niko Kovac eine hohe Bürde aufgehalst: Der selbst unter Beschuss geratene Coach hatte ja noch die Hypothek einer 0:3-Abreibung im eigenen Stadion gegen Borussia Mönchengladbach als Ballast vor der Länderspielpause mit sich herumgetragen.

Kovac hat sich seitdem geändert

In der Krise trat Kovac damals die Flucht nach vorne an: Der gebürtige Berliner vertraute Niklas Süle statt Boateng, stellte Serge Gnabry für Müller auf und konnte in  der Wolfsburger Arena nach der Partie gestehen: "Es war schon ziemlich viel Druck vor diesem Spiel. Deswegen möchte ich der Mannschaft gratulieren." Nur zur Erinnerung: Die Bayern hatten in diesem stürmischen Herbst 2019 tatsächlich vier Pflichtspiele hintereinander nicht gewonnen, sie hatten in der Liga mehr als vier Stunden lang kein Tor erzielt.

Obwohl es bei den Bayern danach noch einige Wellenbewegungen gab - etwa die Diskussionen nach einem vogelwilden 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf am zwölften Spieltag - war Wolfsburg so etwas wie ein erster Wendepunkt für den Rekordmeister. Weil ihr aus Frankfurt losgeeister Trainer erkannte, dass er es unmöglich allen Münchner Stars recht machen konnte. Das Leistungsprinzip ersetzte von diesem Tag an wieder den Rotationszwang.

Wieder stört die Nationalmannschaft

Insofern würde es passen, wenn die Bayern nun am 25. Spieltag zum Überholmanöver ansetzen. Zeitgleich spielt der nur noch mit der zwei Treffer besseren Tordifferenz geführte Spitzenreiter Borussia Dortmund daheim gegen den VfB Stuttgart. Von der Papierform hätten es die Westfalen sogar einfacher - die Schwaben sind 16., die Niedersachsen Siebter - aber das scheint nicht zwangsläufig zu zählen.

Noch eine Parallele wirkt vor dem Duell Bayern versus Wolfsburg auffällig: Wieder schwappen Irritationen rund um die Nationalmannschaft und die Bayern-Repräsentanten in den Klub. Mit der endgültigen Ausbootung von Hummels, Müller und Boateng hat Bundestrainer Joachim Löw für den Paukenschlag in dieser Woche gesorgt. Die Bayern drückten erst am Tag danach per Pressemeldung - unterzeichnet von Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic - ihr Unverständnis über den Zeitpunkt aus.

Jerome Boateng, Thomas Müller und Rafinha beim Training an der Säbener Straße

Jerome Boateng, Thomas Müller und Rafinha beim Training an der Säbener Straße

Kovac riet dem Trio am Donnerstag (07.03.2019): "Die Gegenwart und die Zukunft kann man beeinflussen, und die heißt FC Bayern München." Statt Kraft in einer Gegenattacke zu vergeuden, wollen die Protagonisten eine Trotzreaktion herbeiführen, die dem eigenen Klub nutzt. Tatsächlich könnte Löw damit indirekt dem noch in drei Wettbwerben vertretenen Branchenführer geholfen haben.

Hoeneß schweigt zu Löw

Selbst Präsident Uli Hoeneß vermied diesmal eine Beschimpfung. "Ich habe mich dazu bisher nicht geäußert, und das werde ich noch einige Wochen durchhalten, bis unsere wichtigen Spiele vorbei sind", sagte Hoeneß, fügte aber an, "dann wird's schon nochmal einen Kommentar geben."

Hoeneß erklärte in der Halbzeitpause des Basketballspiels der Bayern gegen Maccabi Tel Aviv (70:77), dass bei der Übermittlung der Entscheidung durch Bundestrainer Joachim Löw "sicherlich einige Dinge nicht so gut gelaufen" seien. "Aber deswegen sollten wir nicht den Stab über Jogi Löw brechen", sagte der 67-Jährige. Er setzte hinzu: "Die richtige Antwort muss ich mir noch überlegen." Wenn das Oberhaupt des FC Bayern erst nachdenkt und dann reden will, steht das beinahe symbolisch für den Reifeprozess, denn offenbar der gesamte FC Bayern vom Hinrunden- bis zum Rückrundenspiel gegen den VfL Wolfsburg durchlebt hat.

mit sid | Stand: 08.03.2019, 11:56

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