Franzosen in der Bundesliga - Weltmeisterlicher Einfluss

Moussa Niakhate (FSV Mainz 05), Jean-Philippe Mateta (FSV Mainz 05) und Jean-Paul Boetius

Immer mehr Spieler aus Frankreich in der Bundesliga

Franzosen in der Bundesliga - Weltmeisterlicher Einfluss

Von Frank Hellmann

Frankreich ist zu einem der wichtigsten Zulieferer für den deutschen Fußball geworden. Immer mehr Bundesligisten setzen auf Spieler aus dem Weltmeisterland. Der Sportvorstand des FSV Mainz 05, Rouven Schröder, erklärt die Vorzüge dieses Marktes.

Der französische Einfluss ist in Mainz noch heute an vielen Ecken und Plätzen mit Händen zu greifen. Die Region Rheinland-Pfalz war im Laufe der wechselhaften Geschichte gleich mehrfach von Frankreich besetzt, und im 18. Jahrhundert war Mainz, das auf Französisch Mayence heißt, sogar die Hauptstadt des Départements du Mont-Tonnere. Durch den Fußball wird der historische Bezug gerade wieder aktuell.

Denn mit französischer Hilfe hat sich der FSV Mainz 05 in den vergangenen Jahren zum kerngesunden Klub aus dem Mittelbau der Bundesliga verbessert. Spieler aus dem Weltmeisterland Frankreich sind es, die den Verein sportlich und wirtschaftlich wachsen ließen.

Rouven Schröder über die Vorzüge von Fußballern aus Frankreich

Sportschau 25.07.2019 08:17 Min. Verfügbar bis 08.08.2020 ARD

Der französische Markt scheint perfekt

Die Erfolgsgeschichte begann vor drei Jahren, als Rouven Schröder als neuer Sportvorstand in die großen Fußstapfen des prägenden Managers Christian Heidel trat. "Mit Jean-Philippe Gbamin haben wir vor drei Jahren gestartet, er kam vom Zweitligisten RC Lens zu uns. Wir sahen bei ihm eine große Robustheit und Dynamik und er passte in unser Gehaltsbudget", sagt Schröder zu sportschau.de: "So kam vieles perfekt zusammen: ein leistungsstarker Spieler mit viel Entwicklungspotenzial aus Frankreichs zweiter Liga zu einem für uns erschwinglichen Preis." Nun wechselt der ivorische Nationalspieler für die kolportierte Mainzer Rekordablöse von 30 Millionen Euro zum FC Everton.

Abdou Diallo

Abdou Diallo im BVB-Trikot

Wichtig sei im folgenden Jahr der Transfer von Abdou Diallo gewesen, "der sehr schnell seinen Weg gemacht hat (Wechsel zu Borussia Dortmund 2018 für 28 Millionen Euro, Anm. d. Red.)." Der gebürtige Sauerländer Schröder: "Das Beispiel hat gezeigt, wie alle Seiten profitieren können. Ein Spieler, der für rund fünf Millionen Euro damals vom AS Monaco verpflichtet werden konnte, hat sich schnell integriert, wohl gefühlt und den richtigen Cheftrainer gehabt, der ihn gefördert hat." Diesen Sommer ist der Innenverteidiger vom BVB zu Paris St. Germain gewechselt. Grundsätzlich solle die Entwicklung eines Spielers sich bei den Rheinhessen aber eher in einem Zeitrahmen von zwei oder drei Jahren abspielen, betont Schröder.

Der deutsche Markt ist zu teuer - und nicht so vielfältig

Den Blick ins Nachbarland zu richten, geschah zwangsläufig, wie der bestens vernetzte Mainzer Macher erläutert: "Wir schauen als erstes auf dem deutschen Markt, aber wir merken natürlich auch, dass wir gewisse Profile und bestimmte leistungsstarke Spieler nicht bekommen, weil die Konkurrenz sehr groß ist, und wir nicht am Ende der Nahrungskette sind und teilweise trotz Einigung mit dem Spieler und Management die Ablösesummen nicht stemmen können."

Hilfreich sei,  dass die sportliche Ausbildung und das Entwicklungspotenzial der Bundesliga als größer angesehen würden als in der eigenen Liga. "Die französischen Spieler, gerade wenn sie aus der zweiten Liga Frankreichs kommen, sind dankbar für die Professionalität, die Infrastruktur und die Organisation, die die Bundesliga anbietet. Natürlich bekommt man die Spieler nicht mehr geschenkt, aber man muss auch investieren, um einen Mehrwert zu schaffen", sagt Schröder.

Aus drei Spielern aus Frankreich sind 27 geworden

Die Zahl der Franzosen in der Liga steigt somit von Jahr zu Jahr. Aktuell sind es 27 (Stand 08.08.2019), der zweitgrößte Anteil an ausländischen Spielern in der Bundesliga. Nur Österreich (33) ist als Zulieferer noch wichtiger. Zum Vergleich: 2012/2013 waren gerade einmal drei Akteure aus dem Nachbarland in der Bundesliga beschäftigt. Jonathan Schmid (SC Freiburg), Franck Ribery (FC Bayern) und Matthieu Delpierre (TSG Hoffenheim) waren beinahe Exoten. 2016/2017 spielten bereits 14 Franzosen in der Bundesliga, die inzwischen um die Besten buhlt.

Benjamin Pavard

Benjamin Pavard

Der Branchenprimus FC Bayern ließ sich Weltmeister Lucas Hernandez die Rekordablöse von 80 Millionen Euro kosten und lotste gleichzeitig dessen Weggefährten Benjamin Pavard für 35 Millionen vom VfB Stuttgart an die Isar. Zusammen mit Kingsley Coman und Corentin Tolisso stehen nun vier Nationalspieler Frankreichs in München unter Vertrag, die einen Gesamtmarktwert von 190 Millionen Euro haben. RB Leipzig hat mit Christopher Nkunku (21), für zwölf Millionen Euro von Paris St. Germain verpflichtet, seine "French Connection" auf fünf Akteure ausgeweitet.

Bayer Leverkusen setzt große Hoffnungen in den ebenfalls von PSG für 15 Millionen geholten Moussa Diaby (20). Borussia Mönchengladbach glaubt, dass der vom EA Guingamp gelockte Marcus Thuram (21), Sohn des Weltmeisters Lilian Thuram, mit seinem Landsmann Alassane Plea ein harmonierendes Sturmduo bildet. "Er ist ein schneller, robuster und torgefährlicher Angreifer, der in der Bundesliga seinen Weg gehen wird", sagt Sportdirektor Max Eberl.

Die gute Ausbildung ist das größte Plus

Dass Frankreich sich in der Ausbildung einen Vorsprung verschafft hat, bestätigt Oliver Bierhoff. "Sie haben ein sehr gutes Fördersystem aufgebaut und viel in die Trainerausbildung investiert. In Frankreich haben sie spezielle Methoden entwickelt: Kylian Mbappé wurde im Alter von 15 Jahren ein Jahr zur Akademie des Verbandes in Clairefontaine abgezogen, er  war dann nur am Wochenende zu den Spielen bei seinem Verein", sagt der DFB-Direktor Nationalmannschaften und Fußball-Entwicklung.

Das Internationale Zentrum für Sportstudien (CIES) hat ermittelt, dass 18 der 53 besten europäischen Ausbildungsvereine inzwischen in Frankreich liegen. Talentspäher kämen mit dem Scouting fast kaum noch hinterher, wie vor einem Jahr Leipzigs Macher Ralf Rangnick, neuerdings "Head of Sport" im RB-Netzwerk, gestgestellt hat: "Wir können die Trainer der U-Nationalmannschaften dort nur beneiden. Wenn wir nach Spielern mit einer guten technischen und taktischen Ausbildung suchen, die auch Straßenfußballkultur haben, ist Frankreich ein guter Markt." Oft stammen die Talente aus sozial schwierigen Verhältnissen und haben sich bereits in jungen Jahren gegen viele Widerstände behauptet. Sie wirft mit 20, 21 Jahren nicht mehr viel aus der Bahn.

Aus Mainz 05 wird kein Mayence 05

Jean Philippe Mateta

Jean Philippe Mateta

Schröder hat vor einem Jahr mit dem Verteidiger Moussa Niakhaté und Stürmer Jean-Philippe Mateta zwei weitere Profis mit prächtigen Perspektiven vom Standort Mainz überzeugt. Der vom FC Metz verpflichtete Niakhaté (23) kostete genauso acht Millionen Euro Ablöse wie der vom AC Le Havre gelockte Mateta (22), der nach 14 Saisontoren bereits diesen Sommer für das Doppelte hätte transferiert werden können. Die Mainzer besserten lieber das Gehalt auf und verlängerten vorzeitig bis 2023. Weil Mateta nun nach einer Knieoperation monatelang ausfällt, sucht der Klub nach Ersatz. Kommt der nächste Franzose?

Mainz hat bereits Verteidiger Ronael Pierre-Gabriel (AS Monaco) verpflichtet, auch der Schweizer Edimilson Fernandes (AC Florenz) ist ein französischsprachiger Spieler.  "Französisch wird aber bestimmt nicht unsere neue Kabinensprache. Wir sind ein deutscher Verein und in der Kabine und im Training wird Deutsch gesprochen. Jeder bekommt hier seine Deutschstunden", sagt Schröder: "Ansonsten können sich alle in allen möglichen Sprachen unterhalten, gerne auch mit Händen und Füßen."

Kulturelle Vielfalt sei ja auch eine Stärke. Und Mainz 05 müsse auch nicht in Mayence 05 umbenannt werden. "Dafür ist der Verein zu sehr in der Stadt und der Region verwurzelt. Und es stehen dann doch auch zu viele Spieler in unserem  Bundesliga-Kader, die ihre Wurzeln in unserem Nachwuchsleistungszentrum haben", sagt Schröder.

Stand: 08.08.2019, 08:00

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