Wunderheilung ohne Risiken?

Niklas Süle muss mit Schmerzen vom Platz

Fußball - Comeback nach Kreuzbandriss

Wunderheilung ohne Risiken?

Von David Oswald

Niklas Süle, Sami Khedira, Marco Reus: Sie alle vereint der Fall eines Kreuzbandrisses. Viel Geduld und ein harter Weg der Genesung gehören dabei zum Weg der Heilung. Wenngleich ist es erstaunlich, dass Profis schon nach sechs Monaten wieder auf dem Platz stehen.

Es ist die neunte Minute im Spiel Augsburg – Bayern: Nach einem Zweikampf mit Augsburgs Stürmer Florian Niederlechner fasst sich Bayerns Verteidiger Niklas Süle mit schmerzverzerrtem Gesicht an das linke Knie. Minutenlang wird er behandelt und anschließend mit Hilfe des ärztlichen Teams vom Spielfeld begleitet.

Wenige Tage später ist die Diagnose bekannt: Kreuzbandriss. Dass die Hinrunde beendet ist, steht nicht zur Debatte. Die Frage lautet nur, ob Süle, der sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft zu einem klaren Leistungsträger im Defensivverbund gehört, rechtzeitig zur am 21. Juni beginnenden Europameisterschaft fit wird.

Uli Hoeneß erklärt wenige Tage nach der Verletzung, dass Süle die EM „vergessen kann“. Die nächsten vier Monate sind von harter Arbeit im Kraftraum geprägt und am 17. Februar dieses Jahres ist es dann soweit: 121 Tage nach der Verletzung steigt Süle wieder ins Lauftraining ein. Am "Sky"-Mikrofon lässt Süle zu diesem Zeitpunkt verlauten, sogar „schon im Saisonendspurt der Bundesliga eine Alternative darzustellen“.

Kreuzband vor allem im Fußball essenziell

Es stellt sich nun die Frage, wie es möglich ist, das Knie auf allerhöchstem Spielniveau schon wieder nach teilweise sechs Monaten, so wie Sami Khedira im Zuge der Weltmeisterschaft 2014, voll zu belasten. 

Grundsätzlich dient das Kreuzband zur Stabilisation des Knies sowie der Steuerung der umliegenden Muskulatur. Was viele nicht wissen ist, dass das Kreuzband im Sport vor allem dann wichtig wird, sobald viele Richtungswechsel in den Bewegungsablauf involviert sind. Reisst es, so wird üblicherweise eine körpereigene Sehne - meistens aus der Oberschenkelrückseite - entnommen und an Stelle des gerissenen Kreuzbandes eingesetzt.

Kreuzbandriss kann sich wiederholen

Sportschau 10.03.2020 00:21 Min. Verfügbar bis 10.03.2021 ARD Von David Oswald


Ex Arminia-Arzt empfiehlt späteres Comeback

In den Monaten danach wandelt der Körper durch das sogenannte „Remodeling“ die eingesetzte Sehne um. Dieser Prozess kann bis zu eineinhalb Jahre dauern und die Sehne ist zwischen dem sechsten und neunten Monat am schwächsten. Viele Fußballer steigen in genau dieser Phase wieder in den Wettkampfbetrieb ein.

Dr. med. Michael Dickob war von 1996 bis 2012 Mannschaftsarzt bei Arminia Bielefeld. Während dieser Zeit betreute er unter anderem Uli Stein, Arne Friedrich und Bruno Labbadia. Er sieht ein frühzeitiges Comeback kritisch: „Gesünder ist sicherlich der spätere Anfang, allerdings wird dieses Risiko auch vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Druckes vermehrt eingegangen“. 

Kreuzbandriss: "Frühzeitiges Comeback kann risikobehaftet sein.“

Sportschau 10.03.2020 00:39 Min. Verfügbar bis 10.03.2021 ARD Von David Oswald


Frauen fünf Mal anfälliger als Männer

Ob und wann ein Profisportler wieder ohne langfristige Folgeschäden am Wettkampfbetrieb teilnehmen sollte, liegt derzeit noch in der Macht von Spieler und Verein. Einen Ansatz, um dies zu garantieren, zeigt die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft mit dem „Return-to-Competition-Programm“. In einer Fülle von Tests wird die Leistungsfähigkeit des Sportlers ermittelt.

Ein weiterer Test zur Ermittlung der Verletzungsanfälligkeit des Knies ist das sogenannte STOP-X-Programm. Dabei wird die anatomische Struktur der Beinstellung untersucht. Sportler/innen, die zu X-Beinen neigen, sind deutlich anfälliger als Sportler/innen, die O-Beine haben. Deswegen und auf Grund der muskulären Beschaffenheit sind Frauen fünf Mal anfälliger, einen Kreuzbandriss zu erlangenerleiden, als Männer.

X-Beine anfälliger für Kreuzbandriss

Sportschau 10.03.2020 00:27 Min. Verfügbar bis 10.03.2021 ARD Von David Oswald


Selbstdisziplin als Schlüssel zur Heilung

Unabhängig von der Tatsache, dass sich der biologische Heilungsverlauf nicht beschleunigen lässt, kann nach einem Kreuzbandriss die umgebene Muskulatur erneut aufgebaut werden. Dabei sollte man laut Dickob neben der vorderen Oberschenkelmuskulatur die hintere Beinmuskulatur „nicht vernachlässigen“. 

Grundsätzlich zählt sowohl für den Profi als auch für den Amateur die Häufigkeit der Reha-Einheiten sowie die Selbstdisziplin, mit viel Geduld das verletzte Knie wieder aufzubauen. 

Stand: 11.03.2020, 18:15

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