Handspiel, Abseits, Emotionen - wie der Videobeweis die Liga spaltet

Videobeweis in der Bundesliga

Streitthema Videobeweis

Handspiel, Abseits, Emotionen - wie der Videobeweis die Liga spaltet

Handspiel oder nicht? Abseits? Höchstens mit dem Rand des Zehennagels. Torjubel? Erst mal verschoben. Der Videobeweis wird auch bis zur EM im Sommer ein Learning-by-doing-Projekt mit vielen Tücken bleiben.

Nicht im Kölner Keller, sondern in Lagos an der Algarveküste absolvieren die deutschen Spitzenschiedsrichter dieser Tage ihr Trainingslager. Nach einer Bundesliga-Hinrunde mit vielen Diskussionen um den Videobeweis müssen sich die Referees für die Rückrunde wappnen. Klar ist: Die Debatten um Handspiele und strittige Abseitspositionen werden weitergehen - auch auf internationaler Ebene.

Bei den Spielern ist die Unzufriedenheit jedenfalls ganz offensichtlich groß. In einer "Kicker"-Umfrage unter den Bundesligaprofis verneinten 63,2 Prozent der teilnehmenden Spieler die Frage, ob der Videobeweis nun besser klappe. Auch die neue Handspielregel ist für 61,5 Prozent der Befragten nicht besser nachvollziehbar.

"Es ist keine leichte Situation - weder für uns noch für die Schiedsrichter", sagte Bayerns Nationalkeeper Manuel Neuer dem "Kicker". "Grundsätzlich finde ich den Video-Assistenten gut, ja. Er ist schon eine gewisse Hilfe für die Schiedsrichter, den Wettbewerb nicht zu verzerren."

Drees wirbt um Verständnis

Für Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), ist die aktuelle Interpretation des Handspiels ein "absolutes Ärgernis. Keiner weiß noch, was Hand ist und was nicht."

Für großes Unverständnis sorgen neben den Handspiel-Entscheidungen und den Wartezeiten auf dem Platz, wenn der Schiedsrichter das Spiel unterbricht und einen Bildschirm in die Luft malt, vor allem die Abseitsentscheidungen. Dabei soll die kalibrierte Linie im Studio des VAR in Köln helfen.

Jochen Drees, Projektleiter Videobeweis beim DFB, bemüht sich um Gelassenheit. "Das ist ein immer weiter gehender Prozess, die FIFA hat auch Arbeitsgruppen, die sich damit beschäftigen. Also werden wir in den nächsten Jahren auch noch Änderungen erleben", sagte Drees.

Frust bei Gomez

Mario Gomez hingegen wird sicher kein Freund des VAR mehr werden. Fünf Treffer in drei Spielen sind dem Ex-Nationalstürmer des VfB Stuttgart zuletzt wegen knapper Abseitsstellungen aberkannt worden. Gomez schimpfte fortan über den "bescheuerten Videobeweis". Dabei stellte Drees klar, dass bei vier der fünf nicht anerkannten Tore der Linienrichter die Situation als Abseits bewertet hatte und nicht vom Video-Assistenten in Köln korrigiert wurde.

"Aus meiner Sicht hat sich der Videobeweis deutlich positiv entwickelt. Die Schwerpunkte, über die wir reden, sind meines Erachtens hauptsächlich immer mal wieder das Thema Abseits", sagte der frühere Bundesliga-Referee Knut Kircher.

"Abseits ist Abseits"

Bei knappen Abseitsentscheidungen planen die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) jedenfalls keine weitreichenden Änderungen. "Wenn die Bilder mit kalibrierten Linien und dem Lot zeigen, dass eine Abseitsstellung vorliegt, dann soll sich der Video-Assistent weiterhin melden", hat IFAB-Geschäftsführer Lukas Brud kürzlich im Gespräch mit sportschau.de gesagt. "Auch wenn es nur um einen Zentimeter geht. Abseits ist Abseits."

Zuvor waren Aussagen von Brud in englischen Medien so interpretiert worden, dass minimale Abseitsstellungen nicht mehr geahndet werden sollen. Eine derartige Direktive solle am 29. Februar in Nordirland beim jährlichen IFAB-Treffen ausgegeben werden. Eine Toleranzgrenze komme nicht in Frage, sagte Brud nun. Er habe lediglich an das Prinzip erinnern wollen, dass der Video-Assistent nur bei klaren, offensichtlichen Fehlern eingreifen solle.

Kircher warnt vor falscher Erwartungshaltung

"Ich glaube, dass durch den Videobeweis suggeriert wurde, jetzt wird alles, einfach alles aufgelöst. Jetzt werden alle Entscheidungen in Schwarz und Weiß geteilt. Aber das ist nicht so, das ist eine falsche Erwartungshaltung", sagte Kircher. Zurück könne man nun ohnehin nicht mehr, meint Kircher, der noch als Schiedsrichter-Beobachter unterwegs ist. "Dinge wie Phantomtore, die könnten wir dann wieder haben, aber dahin wollen wir nicht zurück", sagte er.

Die Wartezeit bis zur Entscheidung in Köln, so kritisieren Fans und Profis weiter, nehme dem Fußball die spontanen Emotionen. Den bangen Blick zum Unparteiischen, ob er den Finger ans Ohr legt, um via Headset den VAR besser zu verstehen, haben mittlerweile die meisten Torschützen. Manchmal hilft ein bisschen Hohn und Humor, um die hitzige Debatte um die technischen Hilfsmittel gelassener zu ertragen. So wie es in einem Lied des Sportsatire-Youtube-Kanals "Woom" im "Videobeweis Song" heißt: "Der lässt dem Spiel die ganze Luft raus, schönen Daaank. Du wartest 1, 2, 3, 4, 5 Minuten laaang."

dpa | Stand: 10.01.2020, 18:51

Darstellung: