Union gegen Leipzig: Zwischen Kult und Kommerz

Protest-Choreo von Union Berlin Fans

Kontroverses Ost-Duell

Union gegen Leipzig: Zwischen Kult und Kommerz

Von Frank Hellmann

Die Konstellation schürt Unmut: Dass Union Berlin gleich zum Bundesligadebüt gegen RB Leipzig antritt, bringt viele Fans auf die Barrikaden. Mehr Sachlichkeit würde den Debatten guttun. Denn wirtschaftlich steht der Aufsteiger gar nicht so schlecht da.

Die Klassifizierung scheint vordergründig recht einfach. Wenn Union Berlin gegen RB Leipzig antritt, dann spielt ein Kultklub gegen ein Kunstprodukt, Fußballkultur gegen Fußballkommerz, Arm gegen Reich. Und am besten noch Gut gegen Böse.

Längst sind die Debatten mit einem fast schon ideologischen Unterton unterlegt, wenn einflussreiche Ultra-Gruppierungen dazu auffordern, beim ersten Bundesligaspiel der Geschichte, dem Ost-Duell Union gegen Leipzig (Sonntag, 18 Uhr, Live-Ticker auf sportschau.de), an der Alten Försterei erst einmal einen Protest loszuwerden.

Stimmungsboykott zum Auftakt

Ein für das ganze Stadion gültiger Stimmungsboykott soll die Anfangsviertelstunde dauern. Bei den Initiatoren heißt es: "Es schmerzt, das erste Bundesligaspiel unseres Vereins in einem solchen Rahmen begehen zu müssen. Und doch liegt hier die große Chance zu beweisen, dass wir genau deshalb ein Gewinn für die Bundesliga sind - weil wir bereit sind, für unsere Werte und unsere Art der Vereinskultur zu kämpfen." Die Union-Ultras wollen nicht akzeptieren, "dass RB scheinbar in Teilen unserer Fanszene und Öffentlichkeit ein Stück weit 'angekommen' ist". Für sie ist beispielsweise die Mitbestimmung durch die Mitglieder heilig, die in der Konstruktion des vor zehn Jahre gegründeten Vereins RasenBallsport Leipzig e.V. ausgeschlossen ist.

Leipzigs Vorstandsvorsitzender Oliver Mintzlaff kann mit dem Oberbegriff Klassenkampf wenig anfangen, zumal es die Gefahr von Gewalt auf den Rängen aus seiner Sicht erhöht: "Wichtig ist, dass die Fans und alle Beteiligten ein friedliches Spiel erleben. Weil es hier um Fußball und einen sportlichen Schlagabtausch geht und nichts anderes. Da darf kein Platz sein für Gewalt und Aggression", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung" (Freitag-Ausgabe, 16.08.2019). RB Leipzig freue sich auf ein gefühltes Derby. Sein Rat: "Die Vorfreude muss doch riesengroß sein, da sollte man sich mit den positiven Dingen beschäftigen und nicht damit, ob die immer gleichen Teile der Fans den anderen Klub mögen oder nicht." Leipzigs neuer Trainer Julian Nagelsmann will sich von der Anti-Stimmung auf den Rängen beim Bundesligastart nicht aus dem Konzept bringen lassen. "Die Jungs freuen sich, wenn sie irgendwo hinfahren können, wo es laut ist. Es kann einen auch pushen, wenn das Stadion gegen einen ist".

Ermunterung vom Präsidenten

Unions Präsident Dirk Zingler hat den Anhang sogar noch ermuntert, seine Meinung kundzutun. "Wir haben gegen Leipzig klar Position bezogen in der zweiten Liga, und ich halte es für sehr ehrlich, das auch in der ersten zu tun. Es ist schmerzhaft für uns, dass es am ersten Spieltag ist." Zur Erinnerung: Im September 2014 erschienen die Union-Anhänger zum Heimspiel gegen RB Leipzig komplett in schwarz.

Dirk Zingler

Dirk Zingler

Doch dass die eigenen Fans es mit der Schwarz-Weiß-Malerei ein bisschen übertreiben könnten, räumt der 54-Jährige ein. "Wir sollten darauf achten, dass uns von außen kein Heiligenschein aufgesetzt wird." Man sei "nicht wirklich so viel anders als andere Profivereine". Ein bemerkenswertes Eingeständnis eines Unternehmers, der in Berlin eine florierende Logistikfirma betreibt, bei der mehr als 200 Fahrzeuge Beton, Baustoffe und Stahl ausfahren. Ohne das damit verdiente Geld wäre Union Berlin wohl nie Bundesligist geworden. Finanzielle Unterstützung war mindestens so wichtig wie die Tatsache, dass die Anhängerschaft beim Stadionausbau kräftig selbst Hand anlegte.

Funkel wundert sich über die wirtschaftlichen Möglichkeiten

Heimlich, still und leise hatte sich der mehrfach von der Pleite bedrohte Klub einiges an Speck angefressen. Bereits in der Saison 2017/18 setzte Union Berlin in der zweiten Liga 46,3 Millionen Euro um und stemmte Personalkosten von 19 Millionen Euro. Ganz so minderbemittelt, wie sich der Emporkömmling darstellt, ist er also auch nicht.

Zum Vergleich: Mitaufsteiger SC Paderborn lag in jener Spielzeit bei einem Gesamtumsatz von zwölf Millionen Euro in der dritten Liga. Tatsächlich wunderte sich nicht nur Friedhelm Funkel, Trainer von Fortuna Düsseldorf, über die Aktivitäten des Neulings auf dem Transfermarkt. Ein Spieler, um den sich auch die Fortuna bemüht hat - Funkel nannte keinen Namen -, wechselte zu Union Berlin.

Union Berlin und das Abenteuer Bundesliga Sportschau 14.08.2019 02:57 Min. Verfügbar bis 14.08.2020 Das Erste

"Ich kann nur staunen, welche finanziellen Möglichkeiten Union Berlin hat, die scheinen wirtschaftlich wirklich sehr gut aufgestellt zu sein und haben ja auch eine Menge Spieler geholt." Tatsächlich hat der Klub sich 14 Zugänge geleistet, die 7,4 Millionen Euro gekostet haben und einen Marktwert von 20 Millionen Euro besitzen. Darunter in Neven Subotic (AS St. Etienne), Christian Gentner (VfB Stuttgart) und Anthony Ujah (FSV Mainz) drei gestandene Bundesligaspieler.

Mintzlaff wehrt sich

Union Berlin Fan protestiert mit einem Banner: "Gegen RB"

Protest gegen RB bei Union Berlin

Dabei hat sich Subotic, der einst bei Borussia Dortmund zu den Stützen der Meistermannschaft zählte, auch seine Gedanken zum ersten Gegner gemacht, die ins Grundsätzliche gehen. Der 30-Jährige findet, dass die vom Red-Bull-Verein aus Leipzig angeschobene "Kapitalentwicklung nicht unbedingt förderlich für den Fußball" sei. Deshalb unterstützt der Innenverteidiger die Protestaktion, auch wenn sie im schlimmsten Fall Punkte kosten könnte. "Ein Protest, der nicht wehtut, ist ein Luxus-Protest", meint Subotic: "Wir zahlen den Preis, die Fans zahlen den Preis - und der ist hoch."

Mintzlaff wehrt sich gegen pauschale Vorwürfe, indem er fordert: "Ich bitte lediglich um eine differenzierte Betrachtung. Wir verschleiern doch gar nichts. Wir würden gar keine Lizenz bekommen, wenn wir unsere Verbindlichkeiten nicht tilgen würden. Das machen andere Vereine auch, die es von anderen Geldgebern bekommen. Borussia Dortmund ist eine Aktiengesellschaft, Hertha BSC hat einen Investor ins Boot geholt, Schalke 04 hat Clemens Tönnies."

RB Leipzig investiert wie ein Start-up

Im Geschäftsbericht 2017 waren für RB Leipzig gegenüber dem Konzern aber 134,2 Millionen Euro Verbindlichkeiten ausgewiesen, was Mintzlaff damit erklärte, dass man  als Start-up-Unternehmen einen Kredit aufnehmen musste, "um in Steine und Beine zu investieren". In der Saison 2017/2018 operierte RB Leipzig bereits mit 245 Millionen Euro Jahresumsatz, zahlte 105 Millionen gesamt an Personalkosten.

Fast exakt jene Größenordnungen, in denen sich ein Werksklub wie Bayer Leverkusen bewegte. Die aber sind inzwischen so lange fester Bestandteil der Bundesliga, dass sich bei Auswärtsspielen die Schmähungen meist auf einen Singsang beschränken, mit dem der Makel aufgegriffen wird, dass die Werkself nie mehr deutscher Meister werde.

mit sid | Stand: 16.08.2019, 10:24

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