Hoffenheim emanzipiert sich von Dietmar Hopp

TSG, Hoffenheim Eckfahne

Bundesligist vor der Rückrunde

Hoffenheim emanzipiert sich von Dietmar Hopp

Von Frank Hellmann

Zwei Europapokalteilnahmen und hohe Transfererlöse belegen, dass die TSG Hoffenheim sportlich und wirtschaftlich eine positive Entwicklung genommen hat. Vor dem Rückrundenstart gegen den FC Bayern besteht die Hoffnung, dass sich das Konstrukt im Kraichgau sogar dauerhaft selbst trägt.

Nur eine Halbserie benötigte die TSG Hoffenheim nach dem Bundesliga-Aufstieg, um einen markanten Fußabdruck zu hinterlassen. Unter dem energetischen Lehrmeister Ralf Rangnick katapultierten sich die Kicker aus dem Kraichgau zeitweise an die Tabellenspitze. Mit einem spektakulär anmutenden Angriffsstil, bei dem vielen Gegnern Hören und Sehen verging. Vedad Ibisevic schoss Tor um Tor.

Nebenbei legte der Dorfklub größten Wert darauf, nicht TSG sondern 1899 Hoffenheim genannt zu werden. Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte dazu: "1899 Hoffenheim - wo haben die sich eigentlich die letzten 100 Jahre versteckt?"

Keine Bedrohung für den FC Bayern

Trotz der flapsigen Bemerkung: das Establishment nahm den Emporkömmling ernst. Denn Rummenigge wusste: Wenn mit Dietmar Hopp der Milliardär und Mitbegründer eines Softwareriesen solch ein Pilotprojekt anschiebt, könnte Gefahr im Verzuge sein. Nun: Zur echten Bedrohung für den Rekordmeister taugte Hopps Heimatverein dann doch noch nicht.

Wenn die Rückrunde am Freitag (18.01.2019) mit dem Heimspiel gegen die Bayern (20.30 Uhr) eröffnet wird, sind Sticheleien eher nicht zu erwarten. Das Modell Hoffenheim hat seine Rolle im deutschen Fußball gefunden, auch wenn es weiterhin von einigen Traditionalisten abgelehnt oder sogar angefeindet wird, wie die hässlichen Auswüchse beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund offenbarten.

Wachstum aus eigener Kraft                          

Julian Nagelsmann am Spielfeldrand

Julian Nagelsmann

Wer das Konstrukt näher betrachtet, kommt um die Erkenntnis nicht umhin, dass der Klub zuletzt aus eigener Kraft immens gewachsen ist. Der in der Nische gereifte Trainer Julian Nagelsmann wuchs zu einem der begehrtesten Fußballlehrer heran. In Sachen Spielerverpflichtungen und Kaderplanung läuft unter dem oft unterschätzten Alexander Rosen vieles in die richtige Richtung.

Daran bedienen sich gerne die größeren Klubs. Der FC Bayern beschäftigt mit Niklas Süle, Serge Gnabry und Sandro Wagner drei Profis mit Hoffenheimer Vergangenheit. Weitere prominente Beispiele sind Firmino (FC Liverpool), Jeremy Toljan (Borussia Dortmund) oder Mark Uth (FC Schalke 04). Bald könnte auch Kerem Demirbay folgen, den es möglicherweise auch nach Liverpool zieht.

Transfers sind ein Teil des Modells

Außerordentliche hohe Transfererlöse mündeten 2017/2018 in eine Rekordbilanz. Das Betriebsergebnis stieg von einer Million auf gut 28 Millionen Euro, die Erlöse um fast 50 Prozent auf 163 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der SV Werder Bremen als Vergleichsgröße vermeldete im selben Zeitraum einen Umsatz von knapp 119 Millionen.

"Wir sind überaus zufrieden mit der sportlichen wie wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre", sagte Geschäftsführer Frank Briel bei der Veröffentlichung der Kennzahlen: "Zum dritten Mal könnten wir die 100-Millionen-Umsatzmarke überspringen und die erwirtschafteten Gewinne zur weiteren Stärkung und Entwicklung des Klubs einsetzen."

Tiefrote Zahlen sind schon länger her

Die Europapokalgelder und die höhere Beteiligung an der Auslandsvermarktung dienten darüber hinaus als Wachstumstreiber. Nachdem die Nagelsmann-Elf als Tabellenvierter 2017 in der Champions-League-Qualifikation noch am späteren Finalisten Liverpool scheiterte, gelang es ein Jahr später, sich als Dritter erstmals für die Königsklasse zu qualifizieren.

Oliver Baumann hält den Schuss von Gabriel Jesus

Oliver Baumann hält einen Schuss von Gabriel Jesus

Briel freute sich, "Grenzen zu durchbrechen und in die Phalanx der Liga-Größen einzudringen." Vorbei sind die Zeiten, als die TSG tiefrote Zahlen schrieb. 2014/15 wurde bei einem Umsatz von 71,5 Millionen Euro noch ein Verlust von 18,9 Millionen bilanziert. Das Minus glich stets der Mehrheitsgesellschafter Hopp aus, bei dem sich 94 Prozent der Stimmrechte und 99,9 Prozent des Kapitals sammeln.

Der Gönner ist seit 2015 mit einer Ausnahmegenehmigung für die 50+1-Regel ausgestattet, weil er seit mehr als 20 Jahren den Fußballsport des Muttervereins "ununterbrochen und erheblich gefördert hat", wie es heißt. Doch zunehmend wird der Klub von den Finanzspritzen des 78-Jährigen unabhängig - so wie es Hopp selbst als Zielsetzung formuliert hat. Ohne Sondereffekte ist inzwischen ein natürlicher Umsatz von 90 bis 100 Millionen Euro realistisch.

Leverkusen machte den Anfang, Wolfsburg und Leipzig zogen nach

Fremdes Kapital wird in beträchtlichen Maße auch woanders eingesetzt, um erstklassigen Fußball anzubieten. Als erster Werksverein etablierte sich ab 1979 Bayer Leverkusen, drang später dank der opulenten Ausstattung bis ins Champions-League-Finale vor, ehe die Bayer AG die Aufwendungen zurückfuhr. Die offen kommunizierte Unterstützung liegt inzwischen bei 25 Millionen Euro jährlich.

Der 1997 in die Bundesliga aufgestiegene VfL Wolfsburg hat seine VW-Tochter, die den Geschäftsbetrieb der Fußball GmbH führt, von der Offenlegungspflicht befreit. Die Konzernunterstützung kann nur geschätzt werden und dürfte derzeit 60 bis 70 Millionen Euro betragen. Auch das seit 2016 erstklassige Red-Bull-Gebilde RB Leipzig gibt keine Zahlen bekannt. Aber: Am 31. Dezember 2016 betrugen die Schulden gegenüber Red Bull lauf einem Geschäftsbericht 83 Millionen Euro. Vorstandschef Oliver Mintzlaff verglich RB Leipzig daraufhin mit einem Start-up-Unternehmen, bei dem eine Anschubfinanzierung unerlässlich sei.  

Arena und Trainingszentrum waren teuer

Die TSG Hoffenheim hat diese Phase schon hinter sich. Hopp wird ein Gesamtinvestment von 350 Millionen Euro zugerechnet. Darin nimmt die Infrastruktur mit der Arena in Sinsheim und dem Trainingszentrum in Zuzenhausen erhebliche Posten ein. Der Verein betont in diesem Zusammenhang gerne, dass der Stadionbau ohne Steuergeld erfolgte.

Briel stellt zudem heraus, dass der Ansatz ein anderer als in Leverkusen, Wolfsburg oder Leipzig sei: "Die TSG Hoffenheim ist keine Tochtergesellschaft eines global operierenden Unternehmens." Man sei auch keine Marketingplattform, PR-Vehikel oder gar Spekulationsobjekt.

Sind andere Vereine besser?

Und er fragt: "Sind Aktienemissionen wie in Dortmund, strategische Partnerschaften mit großen Playern wie in München oder Stuttgart bessere Investoren? Sind Partnerschaften mit Beteiligungsgesellschaften beziehungsweise Finanzinvestoren in Berlin oder Freundeskreise in Frankfurt moralisch makellos?" Der Fußball-Darwinismus sei doch längst entfacht  - unabhängig vom Erhalt und Wegfall der 50+1-Regel.

Sein Arbeitgeber, der in Hopps aktiven Zeiten nur auf Kreisebene kickte, will ein "ambitioniertes und dauerhaftes Mitglied in der Bundesliga" bleiben. Möglichst mit einem ausgeglichenen Geschäftsbetrieb. Sollte der Klub jedoch mal wieder rote Zahlen schreiben, sagte der Mäzen kürzlich der Frankfurter Rundschau, "würde ich natürlich zur Verfügung stehen". Denn: "Das wäre meine Verpflichtung."

Stand: 16.01.2019, 05:00

Darstellung: