Transfermarkt - Nichtstun als neue Tugend

Bas Dost

Spardiktat durch die Corona-Krise

Transfermarkt - Nichtstun als neue Tugend

Von Frank Hellmann

Die diesjährige Wintertransferperiode wird von großer Zurückhaltung geprägt sein. Es gibt gute Gründe, dass Klubs wie Eintracht Frankfurt erst Gutverdiener wie Bas Dost abgeben, bevor sie sich auf die Suche nach Verstärkungen begeben.

Das neue Jahr hätte bei Eintracht Frankfurt kaum besser beginnen können: Eine in jeder Hinsicht überzeugende Vorstellung mündete vergangenen Samstag (02.01.2021) in einen hochverdienten Heimsieg gegen Bayer Leverkusen (2:1). Trainer Adi Hütter war hinterher voll des Lobes über seine Mannschaft, die in der Defensive sicher stand und in der Offensive viele Varianten beherrschte.

Mit André Silva als einziger Spitze und Daichi Kamada und Amin Younes als doppelte Zehner lief die Eintracht auf. "Wenn wir so spielen wie heute", sagte Hütter hinterher, "sind wir in der Lage, noch einige Siege einzufahren." Und doch rief der Österreicher noch in derselben Pressekonferenz angesichts von sieben im Januar zu bestreitenden Pflichtspielen noch nach Verstärkung: "Wir können auch von André Silva nicht erwarten, dass er jedes Spiel macht. Wir sind gut beraten, noch jemanden zu holen."

Der Fall Bas Dost ist exemplarisch für die Liga

An Heiligabend hatten die Hessen nämlich Bas Dost an den FC Brügge verkauft, womit der Portugiese Silva der einzige Angreifer auf Bundesliga-Niveau im Frankfurter Kader ist. Nachwuchsmann Ragnar Ache braucht noch Zeit, Gonçalo Paciencia ist an den FC Schalke 04 verliehen. Am Mittelstürmer Dost hatte Brügge schon im Sommer gebaggert, damals wollte Frankfurt noch sieben Millionen Euro Ablöse für den niederländischen Hünen haben.

Nun kam der Deal für deutlich weniger Geld zustande, denn der Eintracht ging es schlicht darum, den 31-jährigen Topverdiener von der Gehaltsliste zu bekommen. Dost war bei seiner Verpflichtung im Sommer 2019 - die Eintracht hatte gerade seine Sturm-Troika mit Luka Jovic, Sebastian Haller und Ante Rebic an besser betuchte Großklubs verloren - angeblich ein Jahressalär von rund vier Millionen Euro zugesichert worden.

Die Einbrüche bei Klubs wie Eintracht Frankfurt sind enorm

Daher entlastet sein Verkauf in erster Linie das Gehaltsbudget - und genau darum ging es Sportvorstand Fredi Bobic: "Für uns war das von wirtschaftlicher Seite ein sehr gutes Paket. Sportlich hätte ich ihn am liebsten gar nicht gehen lassen. Wir müssen in diesen besonderen Zeiten auch ein bisschen anders denken." Und da zählen kaufmännische Aspekte inzwischen mehr. "In dieser Saison geht es nicht um einen oder zwei Tabellenplätze besser oder schlechter", erläutert der Eintracht-Macher. Es gehe nur darum, "das Schiff in ruhigen Gewässern zu halten." Bobic kann sich als Dost-Ersatz nur ein günstiges Leihgeschäft wie mit Joshua Zirkzee (FC Bayern) vorstellen.

Vorstandskollege Axel Hellmann hatte im Eintracht-Podcast kurz vor Silvester die Rahmenbedingungen so erklärt: "Die Eintracht hat zwei Weltkriege überlebt, jede wirtschaftliche und sportliche Krise - sie wird auch Covid 19 überstehen. Aber die Schneisen, die diese Krise schlagen wird, werden enorm sein." Dabei waren die Hessen durch zwei Europapokalteilnehmen in Folge und dem Vorstoß ins Europa-League-Halbfinale 2019 auf einem aufsteigenden Ast, hatten Ende 2019 einen Jahresumsatz von annähernd 300 Millionen Euro erreicht.

Doch dann kam Corona. Umdenken war angesagt: Bobic kündigte im Juli 2020 eine wirtschaftliche Vollbremsung an, Hellmann geht inzwischen von fehlenden Einnahmen von 80 bis 90 Millionen Euro aus. Um die Großprojekte wie den Stadionausbau oder die Errichtung eines Proficamps abzusichern, ist gar eine Landesbürgschaft in Höhe von 16 Millionen Euro gezogen worden. Jeder bei den Spielern gesparte Euro hilft also.

Die Hälfte der Bundesligisten ist bisher untätig

Bis 1. Februar dürfte in vielen Klubs daher wenig bis gar nichts passieren. Nichtstun als neue Tugend: Tatsächlich hatte am Montag (04.01.2021) die Hälfte aller Bundesligisten weder einen Neuzugang noch einen Abgang gemeldet. Rekordmeister FC Bayern hat den Transferaktivitäten bereits eine Absage erteilt, auch der Tabellendritte Bayer Leverkusen.

Vieles deutet darauf hin, dass die 20 Millionen Euro Sockelablöse, die RB Leipzig für den hochbegabten Ungarn Dominik Szoboszlai an den Schwesterverein in Salzburg überwiesen hat, sogar die Rekordinvestition dieses Winters bilden werden. Das war vor einem Jahr - als kaum ein Laie etwas vom Corona-Virus wusste - noch gänzlich anders. Im Winter 2019/2020 investierte die Bundesliga gut 190 Millionen Euro in neue Spieler, nahm aber nur rund 86 Millionen ein.

Auch Dortmund ist zur Zurückhaltung gezwungen

Prominenteste Neuverpflichtungen waren damals Erling Haaland (Dortmund), Dani Olmo (Leipzig), Edmond Tapsoba (Leverkusen), Krzysztof Piatek und Matheus Cunha (beide Berlin) oder Munas Dabbur (Hoffenheim). Allein die neureiche Hertha pumpte 77 Millionen in den Wintermarkt. Halaand, Olmo, aber auch Cunha sind Akteure, die - fast unabhängig von der Pandemielage - ihren Wert schon gesteigert haben. Aber selbst ihre Arbeitgeber scheuen das Risiko.

Borussia Dortmund rechnet beispielsweise mit einem Verlust im laufenden Geschäftsjahr von 75 Millionen Euro. "Wir befinden uns inmitten der Corona-Pandemie mit den daraus resultierenden Einnahmeausfällen über einen langen Zeittraum", sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke der "Funke Mediengruppe": "Der Transferwinter wird als solcher bei uns vor diesem Hintergrund kaum stattfinden."

Auf Schalke ist Handlungsbedarf

Es sei denn, die Not ist so groß wie beim Ruhrrivalen FC Schalke 04. Es passt zur verheerenden Situation, dass mit Mark Uth einer der Spieler die Verantwortlichen unter Druck setzte. "Die Verantwortlichen müssen auf dem Transfermarkt unbedingt tätig werden. Wir brauchen Spieler, die uns sofort helfen", lautete seine Ansage.

Sead Kolasinac

Kommt vom FC Arsenal: Sead Kolasinac

"Wir wollen und werden alles tun, wozu wir in der Lage sind", erklärte Sportvorstand Jochen Schneider, der bereits Linksverteidiger Sead Kolasinac vom FC Arsenal ausgeliehen hat. Trotz immenser wirtschaftlicher Nöte mit Verbindlichkeiten von 240 Millionen Euro werden wegen der sportlichen Notlage weitere Transfers vorbereitet. Ein Rechtsverteidiger und Torjäger stehen auf der Wunschliste.

Unter Druck steht auch der FSV Mainz 05, sportlich wie wirtschaftlich steckt der Vorletzte ebenfalls in der Bredouille. "Wir arbeiten intensiv im Hintergrund", hat der neue Sportchef Martin Schmidt gesagt. Letztlich könnte es auf Leihgeschäfte hinauslaufen, um den Kader zu verstärken. Ähnlich auch die Lage beim 1. FC Köln, wo Sportdirektor Horst Heldt wegen der finanziellen Situation Daumenschrauben angelegt hat. "Ich brauche nicht eine Nummer 17 und 28 und 29 zu verpflichten. Wenn, dann muss das sinnvoll sein", sagte Heldt. Erst müssen Spieler von der Gehaltsliste, bevor neue kommen.

Der Liga-Chef warnt vor immensen Umsatzeinbußen

Das Spardiktat kann eigentlich kein Verein außer Acht lassen. Bei der Vorstellung des Verteilmodells der Medienerlöse hatte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, Christian Seifert, bereits den Klubs ins Gewissen geredet, den Rotstift anzusetzen: "Die Zahlen auf der Umsatzseite sprechen eine klare Sprache." Die Einbußen von rund 275 Millionen Euro oder sechs Prozent des Gesamtumsatzes aus der Vorsaison seien nur ein "laues Lüftchen" im Vergleich zu dem "Sturm", der diese Spielzeit durch die Liga fegt. Für einige Vereine würde es, so Seifert, bereits im kommenden Sommer wieder "eng, sehr eng".

Der Liga-Chef rechnete vor, dass sich die Verluste durch fehlende Zuschauererlöse auf 650 Millionen Euro belaufen, zwischen 250 und 350 Millionen würden nach seiner Schätzung noch die Mindereinnahmen auf dem Transfermarkt ausmachen. Was insgesamt auf einen Umsatzrückgang von rund 20 Prozent im deutschen Profifußball hindeute. Bis Sommer 2022 würden summa summarum sogar zwei Milliarden Euro fehlen. Ein fetter Batzen. Offenbar erwägen erste Vereine im Sommer, mit den Profis und deren Beratern Änderungsklauseln oder Vertragsanpassungen zu vereinbaren, um die hohen Garantiegagen zu drücken. Juristisch ist das nicht einfach. Alternativen sind Notverkäufe wie im Fall Dost.

Stand: 05.01.2021, 07:05

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