Schalke nach Tönnies - Leere in schwierigen Zeiten

Clemens Tönnies und Dr. Jens Buchta vom Schalker Aufsichtsrat

Dem angeschlagenen Klub fehlt auch ein Finanzvorstand

Schalke nach Tönnies - Leere in schwierigen Zeiten

Von Marcus Bark

In schwierigen Zeiten verliert der FC Schalke 04 mit Clemens Tönnies den Mann, der den Verein in den vergangenen Jahren prägte. Diese Leere trifft den Verein überraschend, auch die Kritiker, die den Rücktritt herbeisehnten.

Was kommt nach Clemens Tönnies? Diese eine Frage hat viele Facetten. Bei einer Antwort hilft die Satzung des eingetragenen Vereins FC Gelsenkirchen-Schalke 04. Sie sieht vor, dass der "bei der letzten vorangegangenen Wahl stimmenhöchste Kandidat bis zur nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung" in den Aufsichtsrat rückt.

Am 30. Juni 2019, also genau ein Jahr vor dem Rücktritt von Tönnies, erhielt Matthias Rüter die meisten Stimmen hinter den beiden Gewählten. Er wird also bald einer von elf Räten sein.

Wo drückt der Schuh?

Bevor er sich zur Abstimmung stellte, beantwortete Rüter einen Fragenbogen der Ultras Gelsenkirchen. Auf die Frage, welche Ziele er nach einer möglichen Wahl verfolge, sagte der Unternehmensberater: "Ein wichtiger Teil meiner täglichen Arbeit ist die Analyse von Geschäftsmodellen: Wo drückt in einem Unternehmen der Schuh, wo liegen Potenziale brach, wo kann modernisiert werden, wo gibt es Einsparungspotenziale, wo muss investiert werden."

Es liest sich so, als sei Rüter eine gute Besetzung, denn seine Themen sind derzeit die Themen, die den Klub umtreiben. "Das Konzept zur zukunfstorientierten Neuausrichtung des FC Schalke 04 ist ausgearbeitet und geschrieben; es wartet auf seine Umsetzung", schreibt Tönnies in dem Brief, in dem er dem Ehrenrat, Aufsichtsrat und Vorstand des Klubs die Gründe für seinen Rücktritt nennt.

Schalke 04 angewiesen auf Landesbürgschaft? Mittagsmagazin 30.06.2020 01:34 Min. Verfügbar bis 30.06.2021 Das Erste Von Florian Kurz

Der Brief liegt der Sportschau vor. Dort ist auch zu lesen: "Wir (Ehrenrat, Aufsichtsrat, Vorstand) haben den FC Schalke 04 mit Herzblut und hohem persönlichen Engagment erfolgreich durch viele Krisen geführt, aus denen wir immer gestärkt hervorgegangen sind."

Das werden viele Fans des FC Schalke 04 anders sehen, vermutlich auch die wenigen Mitglieder der Gremien, die Tönnies mal kritisch sahen oder ihm kritische Fragen stellten. Eines ist Schalke nachweislich gelungen: Der Klub hat jede Krise überstanden, von denen es einige gab. Tönnies half hier und da aus, mit Krediten über eines seiner Unternehmen, auch mit Bürgschaften.

Jeden Tag ein neues Thema

Am Morgen, bevor Tönnies zurücktrat, war eine vermeintliche Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen das aktuelle Thema auf dem Schalker Markt der Schlagzeilen. Es hatte das Thema Gehaltsobergrenze abgelöst, das wiederum das Thema des desolaten Saisonabschlusses ablöste, der wiederum von den Fanprotesten überschattet worden war.

Clemens Tönnies tritt zurück Sportschau 30.06.2020 02:07 Min. Verfügbar bis 30.06.2021 Das Erste

Es ist auch erst ein paar Wochen her, dass es um einen Härtefallantrag ging, der selbst die Härte war, und um die Entlassung von Fahrern, die teilweise für wenig Geld Jugendspieler von der Schule zum Training kutschierten und damit ihre Rente aufbesserten.

Kumpel? Malocher?

Der Kumpel- und Malocherklub bekam ein gewaltiges Imageproblem, der nach seinem rassistischen Ausfall im Herbst 2019 ohnehin wieder sehr kritisch beäugte Clemens Tönnies bekam die größte Ladung Ärger ab. Die Situation eskalierte, als sich immer mehr Menschen mit dem Coronavirus infizierten, die für Tönnies' Unternehmen Schweine zerlegten.

Sammelsurium an Verfehlungen

Sein Neffe Robert, mit dem er seit Jahren um Anteile der eigenen Firma in einem Rechtsstreit liegt, forderte den Rücktritt, Politiker kritisierten ihn wegen der mangelnden Kooperation bei der Bekämpfung des Virus, Fußballfans kritisierten ihn für ein Sammelsurium an Verfehlungen. Der Druck wuchs, aber es gab bis zum Zeitpunkt des Rücktritts keinen Hinweis darauf, dass es passieren wird.

Warum jetzt? Die offzielle Begründung in seinem Brief lautet: "Meine Aufgabe ist es, mich aktuell voll und ganz auf mein Unternehmen zu konzentrieren, es erfolgreich durch die schwerste Krise seiner Geschichte zu führen." Dafür lässt Tönnies von seinem Verein los, der ebenfalls in einer schweren Krise steckt. Schalke braucht einen neuen Finanzvorstand, denn auch Peter Peters verlässt den Klub. Schlüsselpositionen zu besetzen, diese Aufgabe ließ sich Tönnies in den vergangenen Jahren nie aus der Hand nehmen. Er war der "Schalke-Boss", obwohl er doch nominell nur dem Aufsichtsrat vorstand.

Ein neues Gesicht ist nicht in Sicht

Clemens Tönnies hinterlässt ein Vakuum. Jochen Schneider als Sportvorstand dürfte genug mit dem Sport zun tun haben. Alexander Jobst tauchte zuletzt immer weiter ab. Das Ressort Kommunikation, das er außer seinem Kerngebiet Marketing als Vorstand besetzt, fiel durch Umstrukturierungen und misslungene Mitteilungen auf.

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Sportschau 30.06.2020 02:11 Min. Verfügbar bis 30.06.2021 ARD Von Jan Wochner

Am Mittwoch (01.07.2020) taucht Jobst wieder auf. Zusammen mit den zunächst lediglich vorgesehenen Schneider und Trainer David Wagner wird er bei einer Medienkonferenz Fragen beantworten. Aber Jobst als neues Gesicht des Klubs? Schwierig vorzustellen. Ein neuer starker Mann ist nicht in Sicht, auch keine Frau.

Alles schwierig, und dann auch noch Corona

Wie geht es weiter beim FC Schalke 04, der frisches Geld braucht, der eventuell einen Teil der Fußballabteilung in eine andere Rechtsform ausgliedern will. In Zeiten der Corona-Pandemie ist alles noch schwieriger. Die Mitglieder, der Souverän, werden in diesem Jahr kaum mehr physisch zusammenkommen können. Eine digitale Versammlung ist angesichts von mehr als 150.000 Mitgliedern äußerst schwierig umzusetzen.

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Es gab wohl Bestrebungen, so ist aus der Fanszene zu hören, eine Gruppe kritischer Geister aufzustellen. Der Zweck sollte sein, Tönnies aus dem Amt zu drängen. Das brauche aber Zeit, war auch zu hören. Jetzt gibt es keine Zeit - und Tönnies ist schon weg.

Stand: 30.06.2020, 19:04

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