Schaafs Spielmacher - und warum ein System kein Spiel gewinnt

Thomas Schaaf

Interview mit dem technischen Direktor von Werder Bremen

Schaafs Spielmacher - und warum ein System kein Spiel gewinnt

In seiner Amtszeit als Trainer von Bremen feierte Thomas Schaaf 2004 die Meisterschaft, perfektionierte die "Werder-Raute“ und trainierte innerhalb kurzer Zeit drei hochkarätige Spielmacher. Mit sportschau.de spricht er unter anderem über seine Zehner und die Entwicklungen im so genannten modernen Fußball.

sportschau.de: Herr Schaaf, Sie hatten eine Phase bei Werder Bremen, da trainierten Sie direkt aufeinanderfolgend mit Johan Micoud, Diego und Mesut Özil drei hochkarätige Spielmacher. Woran denken Sie, wenn Sie diese Namen hören?

Thomas Schaaf: An schönen Fußball. Das ist der erste Gedanke. Man verbindet ja auch mit Mannschaften oder Jahrgängen, die man trainiert hat, ein bestimmtes Bild von Fußball. Was man damals umsetzen, was man zeigen konnte mit seiner Mannschaft. Alle drei sind großartige Fußballer, die auf völlig unterschiedliche Art und Weise dem Fußball viel gegeben haben.

sportschau.de: Die klassischen Zehner, oft auch die Südamerikaner im Team, man denke an Diego oder Lincoln von Schalke, galten teils als schwierige Freigeister. Wie sind Sie mit Diego umgegangen?

Schaaf: Ich glaube, dass das gar nicht so schwierig ist. Natürlich gibt es auch kulturelle Unterschiede. Das differenziert sich dann nochmal je nach Person. Aber was die Arbeitsweise angeht, waren alle gleich. Alle waren sehr engagiert und wollten unsere Spielidee umsetzen.

sportschau.de: Was für Anweisungen gibt man so einem Spielmacher vor einem Spiel? Oder sagt man: "Junge, spiel einfach…"

Schaaf: Man muss natürlich einen Rahmen haben. Das gilt aber nicht nur für den Spielmacher, sondern generell für die Mannschaft. Und der Spielmacher hat dann sicherlich auch einen gewissen Freiraum, was die Handlungsweisen angeht. Also wenn man einem Abwehrspieler zum Beispiel sagt: "Wir müssen gut abgesichert agieren und kompakt stehen“, dann sagt man einem Spielmacher: "Nutze alle Möglichkeiten, die du hast."

sportschau.de: Diego war damals der direkte Nachfolger von "Le Chef", von Johan Micoud. Was waren die Unterschiede zwischen diesen beiden Spielern?

Schaaf: Damals wurde immer gesagt, "jetzt kommt der zweite Micoud", oder bei Mesut "jetzt kommt der zweite Diego". Nein, habe ich dann immer gesagt. Es gibt zum Beispiel nur einen Diego und nur einen Micoud. Natürlich steht ein bisschen dahinter, dass man ein Spiel lenken, führen und inszenieren soll. Aber wenn eine Mannschaft offensiv spielt, dann gibt es sechs, sieben, acht Möglichkeiten, das zu tun. Und darin gibt es nochmal individuelle Faktoren, was für denjenigen Offensive bedeutet.

Johan Micoud

Johan Micoud

Das Entscheidende war: Wir wollten unserem Grundgedanken treu bleiben, offensiv zu spielen, was damit verbunden ist, die individuellen Fähigkeiten eines jeden einzelnen Spielers zu nutzen. Diego war gegenüber Micoud ein ganz anderer Spieler, der diese Freiheiten in der Offensive völlig anders genutzt hat. Er war wesentlich länger am Ball und ist selbst noch stärker Richtung Tor gegangen. Wobei Johan die Kollegen viel mehr inszeniert und mehr von ihnen gefordert hat. Da war Diego eher der, der auch mal alleine die Aktionen erfolgreich zu Ende bringen wollte.

sportschau.de: Mesut Özil war bei Ihnen ein Zehner. Bei Arsenal muss er auch mal Links- oder Rechtsaußen spielen - müssen Fußballer heutzutage flexibler sein?

Schaaf: Das musste man früher auch, aber heute kommt es mehr zum Tragen. Wir hatten früher auch Spieler, die auf verschiedenen Positionen gespielt haben. Klassisches Beispiel: Die Außenstürmer sind sehr oft zu Außenverteidigern geworden. Ich glaube, das hat sich nicht verändert, aber es wird heute mehr verlangt, so eine Flexibilität zu bieten.

sportschau.de: Heutzutage ist der Fußball bei einigen Kritikern als Taktik-Schach verschrien. Laufarbeit, im System funktionieren, Pressing … Wie sehen Sie diese Entwicklungen?

Schaaf: Man muss auch da unterscheiden, was der Gedanke dahinter ist. Es gibt Spiele, in denen auf einmal die Taktik viel wichtiger ist als das Spiel selbst. Da frage ich mich: Na ja, letztlich begrenzt ihr euch selbst durch taktische Vorgaben oder dadurch, in einem Spiel drei-, viermal die Taktik zu wechseln, nur damit man vielleicht zeigen kann, dass man das beherrscht. Eine klare, starke Spielausrichtung zu haben und dabei besondere Facetten des Fußballs aufzeigen zu können, ist für mich das Schönste. Manchmal ist das heute schon zu sehr begrenzt und man taktiert, statt auch mal das Individuelle noch mehr zum Tragen kommen zu lassen.

sportschau.de: Bei all diesen Anforderungen, die heute an die Spieler gestellt werden, könnten Sie sich Diego oder Micoud auch heute noch vorstellen?

Schaaf: Diese Qualität kann man immer gebrauchen. Ein Micoud oder Diego würde heute genauso top funktionieren. Mesut Özil ist auch so ein Beispiel, der beim FC Arsenal und in vielen Spielen der Nationalmannschaft oder damals bei Werder Situationen aufgerissen und entschieden hat, zum Torerfolg gekommen ist oder den finalen Pass in die Schnittstelle gebracht hat. Und das sind individuelle Elemente, die braucht man heute genauso. Oder jemanden, der Situationen auflösen kann. Wie beispielsweise Leroy Sané oder Timo Werner, die losmarschieren und über individuelle Qualität den Erfolg suchen.

sportschau.de: Sinnbildlich für die taktischen Veränderungen steht die recht selten gewordene Raute im 4-4-2, die Sie mit Werder perfektioniert haben. Es wirkt, als sei dieses System in der Bundesliga ein wenig aufs Abstellgleis geraten …

Schaaf: Da widerspreche ich, die Raute taucht jetzt immer wieder auf. Man schaut immer, wie sich Systeme und Anordnungen verändern. Aber im Endeffekt sind das nur Nuancen. Es ist für mich viel wichtiger, wie die Spieler sich auf den Positionen verhalten. Im internationalen Top-Fußball kann man sicherlich eine Grundformation erkennen, in der die Mannschaft am Anstoßpunkt steht. Wenn das Spiel läuft, gibt es aber sehr viele Verschiebungen. Auf einmal ist es ein 4-3-3, ein 4-5-1 oder ein 5-4-1. Das sind Prozesse, die ineinander verschmelzen. Man muss halt dem Kind einen Namen geben. Es war für mich wichtiger, wie die Spieler die Spielidee ausgelebt haben.

sportschau.de: Also würden Sie sagen: Spielidee vor taktischem System …

Diego

Diego

Schaaf: ...ein System alleine gewinnt kein Spiel. Es ist die Frage, wie die Spieler ihre Fähigkeiten auf diesen Positionen realisieren und wie sie erkennen, wann man diese Ordnung auch mal verlassen muss, um ein Übergewicht in Offensive oder Defensive herzustellen.

sportschau.de: Werders Trainer Florian Kohfeldt lässt auch mal mit zwei in der Grundformation vorgezogenen Mittelfeldspielern, zum Beispiel mit Davy Klaassen und Maximilian Eggestein auf den Halbpositionen im offensiven 4-3-3 spielen. Hat das vielleicht auch Vorteile im Vergleich zum Spiel mit nur einem zentral offensiven Mann?

Schaaf: Davy und Maxi sind dann im Spiel vielleicht punktuell mal auf der gleichen Höhe. Sie gehen auch sehr weit ins letzte Angriffsdrittel rein, wo sich sonst eventuell nur ein "Zehner" bewegt. Ich finde es gut, dass Florian dadurch verdeutlicht: Wir wollen Offensive so leben, dass wir nicht nur einen, sondern zwei, drei oder auch mal fünf vorne haben. Wenn zwei Mittelfeldspieler im 4-3-3 nachrücken, hat man schon mal mit dem zentralen Stürmer drei Spieler. Das hat es aber früher bei uns im Meisterjahr 2004 auch gegeben. Dann war Micoud mal im halblinken Bereich und Tim Borowski mal im halbrechten, das hat man damals vielleicht nur nicht so wahrgenommen.

sportschau.de: Sie haben über 40 Jahre Erfahrung als Spieler und Trainer bei Werder Bremen. Gab es in Ihrer aktiven Zeit als Defensivspieler einige offensivstarke Spielmacher, bei denen Sie sich gedacht haben: "Gegen die macht das aber keinen Spaß zu verteidigen“?

Da gab es einige, da will ich jetzt keine mit Namen nennen (lacht). Aber natürlich hat jeder diese Gegenspieler, wo man weiß, der wird dir alles abverlangen. Da braucht man auch das nötige Glück und dass die Kollegen einen unterstützen. Bei gewissen Spielern hattest du das Gefühl, die wirst du schon irgendwie kontrollieren können und nachher hat man dann doch die Pappnase aufgehabt.

Das Gespräch führte Julian Tilders

Stand: 30.11.2018, 08:00

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