Torlinientechnik - Funktion, Zweifel und Aufklärung

Gladbachs Yann Sommer im Spiel gegen die Bayern

Knappe Entscheidungen in der Bundesliga

Torlinientechnik - Funktion, Zweifel und Aufklärung

Von Chaled Nahar

In Mönchengladbach und in Berlin gab es am Wochenende zwei äußerst knappe Tor-Entscheidungen. Die Torlinientechnik klärte die Fälle - aber einige Fans fühlten sich schlecht aufgeklärt.

Der Vergleich kam schnell - sein lang gestreckter Zeigefinger machte Yann Sommer zum Außerirdischen. "E.T." nannte man den Torwart von Borussia Mönchengladbach, nachdem er im Spiel gegen die Bayern mit der Spitze seines linken Zeigefingers den Ball denkbar knapp von der Linie gekratzt hatte. Die Torlinientechnik bestätigte: kein Tor! Einen Tag später war die Technik schon wieder gefragt: Der Kölner Spieler Sebastiaan Bornauw grätschte den Ball an der Torlinie weg. Hier zeigte die Technik ähnlich knapp ein Tor an - es war das 2:0 für Berlin.

Die Torlinientechnik suggeriert Zuverlässigkeit, sie ist in Zeiten des Video-Assistenten ein Teil des klinisch sauberen Fußballs. Aber viele Fans fragen sich: Wie läuft das ab? Und geht das mit rechten Dingen zu?

Das System: Mit sieben Kameras zum Ergebnis

Die Torlinientechnik bei Gladbach - Bayern (l.) und Union Berlin - Köln

Die Torlinientechnik bei Gladbach - Bayern (l.) und Union Berlin - Köln

Die Firma Hawk-Eye liefert die Torlinientechnik der Bundesliga, das System funktioniert nach Darstellung der Deutschen Fußball Liga (DFL) so: Im Umfeld von jedem der beiden Tore sind jeweils sieben Kameras installiert. Diese Kameras haben nur den Ball im Blick, werden im Zusammenspiel von einem Computer ausgewertet und bestimmen demnach so zuverlässig den Ort des Balles. Sollte der Ball vollständig die Torlinie überschritten haben, signalisiert das System dem Schiedsrichter auf einer Armbanduhr das Tor. Diese Uhr vibriert außerdem, sagt die DFL.

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Die DFL nennt das System von Hawk-Eye "milimetergenau". Ein von der DFL veröffentlichtes PR-Video zum Thema schließt mit den Worten: "Zweifel ausgeschlossen". Ist das wirklich so?

Die beste Perspektive ist manchmal nicht gut genug

Die beste Kameraperspektive, um Zweifel zu zerstreuen, ist auf den ersten Blick die auf Höhe der Torlinie. Doch auch sie ist keine hundertprozentige Lösung, weil sie nicht immer die Auflösung bieten kann. Deshalb kann sie in besonders engen Situationen Verwirrung stiften und soll offiziell auch kein ständiger Teil des Fernsehbildes sein. Auch wenn sie manchmal gezeigt wird, ist sie nur ein Teil der Technik - erst in Kombination mit den anderen sechs sogenannten "Messkameras" löst sie laut DFL die Frage nach der Torerzielung auf.

Die DFL-Produktionsfirma "Sportcast" liefert im Livebetrieb das Bild für die übertragenden Sender, inklusive Regie. Einige Regisseure schalten die Kamera auf der Linie zu, eine garantierte Regelmäßigkeit gibt es dabei aber nicht. Beim Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München wurde die Perspektive gezeigt, bei Union Berlin gegen den 1. FC Köln nicht.

Unbefriedigend für den Zuschauer: Einzig entscheidend soll die eingeblendete Grafik sein, die auf Grundlage der Technik von Hawk-Eye mitteilt: Tor oder eben nicht.

Schiedsrichter bei Union - Köln: "Technik funktionierte"

Kölns Sebastiaan Bornauw im Spiel bei Union Berlin

Kölns Sebastiaan Bornauw im Spiel bei Union Berlin

Beim Spiel des 1. FC Köln bei Union Berlin entstand im Fernsehen der Eindruck, dass die Torlinientechnik nicht funktioniert hätte, weil das Bild von der Linie fehlte. Schiedsrichter Patrick Ittrich blickte im Anschluss an die Szene aber sichtbar auf sein Handgelenk. Ittrich bestätigte sportschau.de, dass seine Armbanduhr das Tor anzeigte. "Hat alles funktioniert", sagte er.

Wäre die Technik tatsächlich ausgefallen, hätte Ittrich das Spiel als Hauptschiedsrichter ganz normal weitergeleitet, nur eben ohne die Technik, aber mit Unterstützung des Video-Assistenten. Probleme mit der Torlinientechnik wie auch mit dem Video-Assistenten dürfen laut Regelwerk auch niemals Grundlage für den Protest gegen eine Spielwertung sein.

Bislang gab es dafür bei der Torlinientechnik in der Bundesliga auch keinen Grund. Alex Feuerherdt, Schiedsrichterexperte vom Podcast "Collinas Erben", sagte im Gespräch mit sportschau.de: "Bei der Torlinientechnik ist zumindest in Deutschland bislang nichts über einen Ausfall oder eine Fehlfunktion bekannt geworden." Die Bundesliga kann sich bisher also offenbar auf das 2015 eingeführte System verlassen.

Torlinientechnik - der Skandal in Frankreich 2018

Dass man trotzdem keiner Technik blind vertrauen, sondern sie zumindest regelmäßig hinterfragen sollte, zeigt ein Vorfall aus Frankreich. Anfang 2018 wurden dort mehrere Fälle bekannt, bei denen die Torlinientechnik des deutschen Anbieters "GoalControl" Fehlfunktionen aufgewiesen hat.

Stand: 08.12.2019, 22:07

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