Clemens Tönnies: Noch ein Problem für den FC Schalke 04

Clemens Tönnies

Bundesliga

Clemens Tönnies: Noch ein Problem für den FC Schalke 04

Von Niklas Schenk

Mitten in einer der größten sportlichen Krisen der vergangenen Jahre steht nun auch noch der Schalker Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies in der Kritik. Mehr als 1.000 der Mitarbeiter seines Schlachtbetriebs haben sich mit dem Coronavirus angesteckt - was bedeutet das für den Verein Schalke 04?

Seit fast 20 Jahren führt Clemens Tönnies den FC Schalke 04 - seit 2001 ist er der Chef des Schalker Aufsichtsrates. Der Fleischverarbeiter aus Rheda-Wiedenbrück ist Miteigentümer der "Tönnies Holding". Ihm gehört außerdem die "Zur Mühlen-Gruppe", deren Tochterfirma "Böklunder" zu den Schalker Großsponsoren zählt.

Mit Fleisch hat Tönnies viel Geld gemacht. Sein Vermögen schätzt das Wirtschaftsmagazin "Forbes" auf über eine Milliarde Euro. Doch nun haben sich mehr als 1.000 Mitarbeiter am Tönnies-Hauptsitz mit dem Coronavirus angesteckt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Als geschäftsführender Gesellschafter ist Tönnies für Hygienestandards oder Wohnbedingungen mitverantwortlich. Er selbst hat Fehler eingestanden und betont, die Branche grundlegend verändern zu wollen.

Und der FC Schalke 04? Der Bundesligist kämpft mitten in einer der schwersten sportlichen Krisen seit langem mit 15 Bundesligaspielen ohne Sieg mit dem nächsten Problem. Denn Tönnies befindet sich nicht nur aktuell in Quarantäne und darf dadurch beispielsweise nicht ins Fußballstadion. Er muss sich um den Coronaskandal in seiner Firma kümmern - dabei könnte der Verein seinen Aufsichtsratsvorsitzenden aktuell gut gebrauchen.

Der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand

Denn dem Aufsichtsrat, dem Tönnies vorsteht, werden in der Schalker Satzung viele Aufgaben zugeschrieben. Er soll etwa die "Wahrnehmung der Vereinsaufgaben durch den Vorstand" kontrollieren, heißt es in der Satzung unter Punkt 7.5. Hat der Vorstand, der zuletzt beispielsweise für den Entwurf eines Härtefallantrags oder die Entlassung von 24 Vereinsmitarbeitern (darunter viele Rentner) in der Kritik stand, in den Augen des Aufsichtsrats dabei die Vereinsaufgaben verantwortungsbewusst wahrgenommen? Clemens Tönnies hat sich dazu bisher noch nicht geäußert.

Der Schalker Aufsichtsrat ist auch dafür zuständig, den bis zu vierköpfigen Schalker Vorstand zu bestellen. Aktuell gehören dem Vorstand noch an: Jochen Schneider (Sport), Alexander Jobst (Marketing und Kommunikation) und Peter Peters (Finanzen und Organisation). Die Betonung liegt jedoch auf noch, denn Peters hat zum 30. Juni seinen Rückzug bekannt gegeben.

Wer ersetzt Peters?

Wer aber soll Peters, der mehr als 20 Jahre für den Verein tätig war, ersetzen? Aus dem Verein hieß es zuletzt, dass dessen Vorstandsstelle auf jeden Fall neu besetzt werden und der Vorstand zukünftig nicht nur aus zwei Personen bestellen soll. Mehr ist zu den Plänen noch nicht bekannt.

Zudem hat der Aufsichtsratsvorsitzende laut Schalker Satzung noch eine weitere Funktion, die in der näheren Zukunft besonders brisant werden dürfte: Er leitet die Mitgliederversammlung. Und da dürfte es auch um das Riesenthema Ausgliederung gehen.

Es geht um die Ausgliederung des Vereins

Soll der FC Schalke 04 weiterhin im Alleinbesitz der mehr als 150.000 Mitglieder bleiben? Oder soll die Profiabteilung der Fußballer in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert werden? Und sich damit auch gegenüber neuen Sponsoren öffnen? Den Verein plagen fast 200 Millionen Euro Schulden. Wohl auch deshalb sprach sich Tönnies vor einigen Wochen für eine mögliche Reform der Geschäftsform aus: "Diese Diskussion müssen wir jetzt führen."

In einem traditionsbewussten Verein wie Schalke 04 wäre diese Diskussion schon immer leidenschaftlich und hitzig geführt worden – unter den aktuellen Vorzeichen des Vereins könnte die Stimmung bei den Fans endgültig kippen. Dabei steht in Paragraph 11 der Schalker Satzung, dass für eine Ausgliederung die Zustimmung "einer außerordentlichen Mitgliederversammlung mit einer Dreiviertelmehrheit der abgegebenen Stimmen" nötig sei.

"Ratlos und schockiert": Kritik von den Fans

Für eine Ausgliederung müsste bei den Fans mit Tönnies ausgerechnet der Mann werben, der nicht nur durch die Coronakrise, sondern auch durch seinen Rassismusskandal am Anfang der Saison heftig in der Kritik stand und steht. Die Schalker Fangruppe "Block 5" veröffentlichte am Wochenende ein Statement. "Ratlos und schockiert" seien sie angesichts der Vorfälle in ihrem Verein. "Zunehmend gewinnen wir das Gefühl, als ob die handelnden Personen des Vereins sowohl uns Fans und Mitglieder als auch das Leitbild im Grunde verachten und in keinster Weise ernst nehmen", schreibt die Fangruppe weiter. Dass die Fans damit auch Tönnies meinen, ohne seinen Namen direkt zu nennen, dürfte klar sein.

Ein weiteres Problem: Tönnies muss nicht nur die eigenen Fans von den Ausgliederungsplänen überzeugen – sondern auch Investoren und Sponsoren für den möglichen, neuen Weg finden. Dass Gazprom in der Vergangenheit als Großinvestor bei Schalke einstieg, wird oft Tönnies zugeschrieben. Die politische Nähe des Unternehmens zum russischen Präsidenten Wladimir Putin wird oft kritisiert. Aber dem Verein Schalke 04 bringt das Sponsoring wichtige Einnahmen.

Wie wirken sich die Skandale auf das Schalker Image aus?

Wer möchte aber zukünftig mit einem Fleischverarbeiter Deals abschließen, der für den bisher größten Corona-Ausbruch in Deutschland verantwortlich gemacht wird? Und wie wirken sich die Skandale um Clemens Tönnies auf das Gesamtimage des Vereins Schalke 04 aus?

In den sozialen Netzwerken halten viele Schalker Fans Tönnies für nicht mehr tragbar. Aus dem Verein hat sich dazu noch niemand geäußert. Als 2016 ein Aufsichtsratsmitglied Tönnies aufforderte, auf die Wiederwahl zu verzichten, leitete Tönnies gegen diesen ein Ehrenratsverfahren ein. Letztlich zogen beiden Parteien vor das Landgericht Essen.

Clemens Tönnies blieb der Schalker Aufsichtsratsvorsitzende. Vier Jahre später wird wieder über ihn diskutiert. Spätestens auf der nächsten Mitgliederversammlung wird diese Diskussion weitergeführt. Diese wurde wegen der Coronakrise Anfang Juni auf unbestimmte Zeit verschoben – laut Sportvorstand Schneider soll sie jedoch "am liebsten noch in diesem Jahr und hoffentlich nicht bei zwei Grad" nachgeholt werden.

Stand: 22.06.2020, 13:15

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