Jochen Schneiders traurige Bilanz bei Schalke 04

Jochen Schneider

Trennung vom Sportvorstand

Jochen Schneiders traurige Bilanz bei Schalke 04

Von Jörg Strohschein

Jochen Schneider ist nur noch bis Sommer Sportvorstand des FC Schalke 04. Die Bilanz des 50-Jährigen bei den "Königsblauen" ist alles andere als positiv. In der ersten Reihe fühlte sich Schneider nie so richtig wohl.

Wer Jochen Schneider in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt hat, der weiß, dass ihm der vergangene Freitagnachmittag (12.02.2021) auf der Geschäftsstelle des FC Schalke 04 besonders zugesetzt haben dürfte. Der Vorstand Sport und Kommunikation des Ruhrgebietsklubs sah sich einer Demonstration von rund 400 Fans ausgesetzt, die mit Sprechchören seine Ablösung forderten.

"Schneider raus" schallte es über das Vereinsgelände. Plakate unter anderem mit der Aufschrift "Egal ob Liga eins oder zwei, Jochen, Du bist nicht dabei!", unterstützten diese Proteste. Ein bisher einmaliger Vorgang auf Schalke. Nicht zuletzt auch diese massive Kritik an dem in den vergangenen Wochen zunehmend dünnhäutiger agierenden Funktionär führte am Dienstag (16.02.2021) zur Trennung.

Schneider fehlte es bei Schalke an so gut wie allem

Schneiders Bilanz bei den Gelsenkirchenern weist nicht gerade viel von dem auf, was gemeinhin als nachhaltiger Wert für einen Klub angesehen werden könnte. Als der heute 50-Jährige im März 2019 die Nachfolge vom ebenfalls glücklosen Christian Heidel antrat, sollte er diesen in vielen Facetten "entkernten" und bereits im Abstiegskampf befindlichen Verein wieder auf die Beine stellen. Es fehlte an so gut wie allem.

Unter anderem an einer sportlichen Führung, die eine positive Perspektive hätte aufzeigen können. An einer Mannschaft, die die Fähigkeit hätte, die hohen Ansprüche erfüllen zu können. An einer funktionierenden Scouting-Abteilung genauso wie an einer strukturierten Jugendabteilung, aus der der Klub einst so viele Talente entwickelte. Aber vor allem fehlte eine finanzielle Grundlage, die Schneider Handlungsspielraum eingeräumt hätte, um grundlegende Veränderungen einzuleiten.

Schneiders Entscheidungen für Talfahrt mitentscheidend

Dennoch versuchte der vom Ex-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies verpflichtete Sportvorstand mit viel Elan den Wandel - am Ende blieb aber auch er erfolg- und glücklos. Schneider verpflichtete etwa den renommierten Kaderplaner Michael Reschke. Er heuerte nach der Freistellung von Domenico Tedesco und nach der Interimszeit von Huub Stevens David Wagner als Trainer an.

Schalke und Schneider gehen getrennte Wege

Sportschau 16.02.2021 00:34 Min. Verfügbar bis 16.02.2022 ARD Von Jan Wochner


Das zeigte zunächst Wirkung. Im zweiten Halbjahr 2019 schien sich der Klub langsam zu erholen. Dann kam das Jahr 2020 und Corona - und der Klub rast seither ungebremst auf einer Talfahrt. Wann diese enden wird, ist nicht abzusehen. Und dafür sind Schneiders Entscheidungen mitentscheidend.

Verspätete Trennung von David Wagner

Der Sportvorstand versuchte im Sommer an Wagner festzuhalten, obwohl die Bundesliga-Rückserie desaströs mit nur einem Sieg endete und wohl niemand im Klub außer Schneider noch an eine Besserung unter dem sichtlich angeschlagenen Coach glaubte. Auch die finanzielle Krise spitzte sich im Angesicht der Pandemie weiter zu.

Nach der verspäteten Trennung von Wagner dann die nächste Entscheidung, die mutig erschien, aber keinen positiven Effekt hatte: Schneiders (Trainer-) Wahl fiel auf Manuel Baum, der den Absturz einer mittlerweile heillos überforderten Mannschaft nicht aufhalten konnte.

Weitere unglückliche Personalentscheidungen

Auch die Trennung von Reschke im November fiel in diesen Zeitraum. Schneider und der Kaderplaner hatten schon längere Zeit kaum noch ein Wort miteinander gewechselt, weil beide unterschiedliche Vorstellungen hatten. Auch der aktuelle Coach, Christian Gross, konnte bislang keine Wende herbeiführen mit der Mannschaft, deren Zusammenstellung Schneider verantwortet. Eine Aneinanderreihung vieler unglücklicher Personalentscheidungen.

Hinzu kamen Urteile über Spieler, an denen viele Fans zweifelten. So ließ Schneider den Leistungsträger Daniel Caligiuri Richtung Augsburg ziehen, während er den Vertrag des damals langzeitverletzten Benjamin Stambouli gleich um drei Jahre verlängerte. Er erhoffte sich damit offenbar Zustimmung vonseiten der Fans. Mit vorzeigbaren Leistungen konnte Stambouli dieses Vertrauen bislang so gut wie nicht rechtfertigen.

Worthülsen statt Taten

Nicht zuletzt Schneiders Interpretation seines weiteren Aufgabenfeldes als Kommunikationschef stieß zunehmend auf Verwunderung. Die öffentliche Ankündigung des gesamten Vorstandes, eine größere Transparenz an den Tag legen zu wollen, blieb nicht mehr als eine Worthülse.

Schneider schien es sich in seinen letzten Wochen in seiner Funktion vielmehr zur Aufgabe gemacht zu haben, möglichst nur noch ganz wenige Angelegenheiten des Klubs zu verkünden - noch nicht einmal die Einstellung einer neuen Kommunikationschefin. Vielmehr verbrachte er einige Zeit damit, sich kritisch und hochsensibel mit der Berichterstattung über den Klub zu beschäftigen.

Sportschau-Reporter Jan Wochner: "Dieser Schalke-Protest war außergewöhnlich"

Sportschau 13.02.2021 01:34 Min. Verfügbar bis 13.02.2022 ARD


Kein Mann für die erste Reihe?

Schneider hatte vor seiner Zeit beim FC Schalke 04 bei anderen Klubs gearbeitet: beim VfB Stuttgart und bei RB Leipzig. Stets in der zweiten Reihe. Dort wurde er jeweils sehr geschätzt. Bei Schalke konnte er indes nie nachweisen, dass er die innere Robustheit und den Einfallsreichtum besitzt, die neue Rolle in vorderster Linie bei einem traditionell unruhigen Großklub wie Schalke einer ist, auszufüllen. Damit fühlte er sich offenbar nie so richtig wohl.

Nun, nach dem Ende der Ära Schneider auf dem Berger Feld, sind die Schalker auf der Suche nach einem neuen Sportvorstand, einem Sportdirektor, einer neu zusammengestellten Mannschaft in Liga eins oder auch zwei. Die finanzielle Situation ist weiter äußerst angespannt. Seit dem 17. Januar gab es lediglich einen Sieg in der Bundesliga. Der Krisenmodus bleibt ein treuer Begleiter der Schalker.

Gross zu Bentaleb: "Er wird im Kader sein" Sportschau 11.02.2021 00:49 Min. Verfügbar bis 12.02.2022 Das Erste

Stand: 16.02.2021, 17:00

Darstellung: