Das war die wilde Bundesliga 2019/20

Das war die wilde Bundesliga 2019/20

Die Saison 2019/20 wird für immer mit dem Coronavirus und den Spielen vor leeren Rängen verbunden sein - aber auch mit weiteren erinnerungswürdigen Geschichten.

Jerome Boateng sieht rot, nach Notbremse gegen Goncalo Paciencia

Frankfurt demütigt die Bayern - Die sportlich wohl größte Sensation ereignete sich am 10. Spieltag. Der FC Bayern ging mit Trainer Niko Kovac in die Auswärtspartie bei Eintracht Frankfurt - und es wurde denkwürdig. Schon nach neun Minuten sah Jérôme Boateng nach einer Notbremse die Rote Karte, Filip Kostic und Djibril Sow erzielten noch vor der Pause zwei Treffer für die Eintracht, Robert Lewandowski verkürzte noch. Doch die Bayern bäumten sich nicht auf. David Abraham, Martin Hinteregger und Goncalo Paciencia stellten die Anzeigetafel auf 5:1. Es war die höchste Bayern-Pleite seit zehn Jahren ...

Frankfurt demütigt die Bayern - Die sportlich wohl größte Sensation ereignete sich am 10. Spieltag. Der FC Bayern ging mit Trainer Niko Kovac in die Auswärtspartie bei Eintracht Frankfurt - und es wurde denkwürdig. Schon nach neun Minuten sah Jérôme Boateng nach einer Notbremse die Rote Karte, Filip Kostic und Djibril Sow erzielten noch vor der Pause zwei Treffer für die Eintracht, Robert Lewandowski verkürzte noch. Doch die Bayern bäumten sich nicht auf. David Abraham, Martin Hinteregger und Goncalo Paciencia stellten die Anzeigetafel auf 5:1. Es war die höchste Bayern-Pleite seit zehn Jahren ...

... und das Aus für Niko Kovac als Trainer. Nach Meisterschaft und DFB-Pokal in der vorigen Spielzeit mussten er und sein Bruder Robert den Trainerstab verlassen. Eine richtige Liebesbeziehung wurde es irgendwie nie zwischen dem Trainer Kovac und Bayern München. Dass sein Nachfolger eine solche haben würde, schien zunächst auch unwahrscheinlich. Hansi Flick wurde befördert ...

... und Flick siegte sich zum Chef - Manchmal muss man zu seinem Glück offenbar gezwungen werden. Da hat man einen Trainer im Verein, der tollen Fußball spielen lässt, unglaublich erfolgreich dazu, und dann ist der Mann auch noch beliebt bei Stamm- wie bei Ersatzspielern, freundlich und nett. Wie lange die Bayern allerdings zögerten, Hans-Dieter Flick nach der Entlassung von Kovac endlich einen Chef-Vertrag zu geben - da hätte man ihnen fast schon gegönnt, dass vorher ein Premier-League-Klub zuschnappt. Aber dann am 3. April kam es doch zur Einigung, Ende April wurde der Vertrag bis 2023 auch schriftlich besiegelt. Flick nahm all das unaufgeregt, aber durchaus auch erfreut hin - und siegte auch nach der Corona-Pause einfach immer weiter.

Ära Funkel endet - Einen weiteren Trainerwechsel gab es weiter westlich und der wurde, so zumindest der Eindruck, von der Mehrheit deutscher Fußballfans eher mit einem weinenden Auge bedacht: Friedhelm Funkel und Fortuna Düsseldorf gingen nach Aufstieg und sensationell starkem Klassenerhalt nach fast vier Jahren im Januar getrennte Wege. Was im aktuellen Spitzenfußball durchaus eine lange Zeitspanne ist, ist gemessen an Funkels Karriere ein kleines Kapitel. Über 1.100 Spiele als Spieler und Trainer absolvierte der 66-Jährige in der ersten und zweiten Bundesliga - Rekord. 47 Jahre lang war "FF" aus dem Profifußball nicht wegzudenken, doch mit der Entlassung bei den schon damals abstiegsgefährdeten Düsseldorfern endete diese glorreiche Laufbahn. Funkel selbst entschied so - er hätte sicherlich noch einen Verein gefunden.

Ein Mann sieht Gelb - Einen ganz anderen Rekord hält Paderborns Mittelfeldmann Klaus Gjasula nun. Im Abstiegskampfduell mit Bremen wurde er am 31. Spieltag von Schiedsrichter Christian Dingert nach einem Foul an Bremens Joshua Sargent verwarnt. Für Gjasula war es die 17. Verwarnung im 28. Einsatz in dieser Saison - so viele hatte noch nie ein Bundesligaspieler vor ihm. Zuvor hatte er sich noch den Rekord mit Tomasz Hajto geteilt. Der Pole hatte in der Saison 1998/99 im Trikot des MSV Duisburg 16 Gelbe Karten gesehen. Dass der Abräumer der Ostwestfalen sich aber durchaus zu beherrschen weiß, zeigt eine weitere Statistik: Eine zweite Gelbe Karte erhielt er weder in den 17 Ligaspielen, in denen er verwarnt wurde, noch in den beiden Pokalspielen, bei denen er ebenfalls auf dem Notizkärtchen des Schiedsrichters auftauchte.

BVB taumelt gegen Paderborn - Im Spiel am 22. November erhielt Gjasula allerdings keine Verwarnung. Trotzdem dürfte er sich noch viele Jahre an die Partie erinnern. Seine Paderborner trafen in Dortmund auf den BVB - niemand hätte dem Schlusslicht vor der Partie echte Chancen auf einen Punktgewinn eingeräumt. Wohl auch die Dortmunder nicht, die ja in dieser Saison mehrfach dadurch auffielen, dass sie Gegner aus den unteren Tabellenregionen nicht mit voller Konsequenz bespielten. Das rächte sich. In furiosen 45 Minuten überrannte die Mannschaft von Steffen Baumgart die Borussia - ein Doppelpack von Streli Mamba und ein Treffer von Gerrit Holtmann sorgten für das 3:0 zur Pause. Am Ende gelang Dortmund in der Nachspielzeit noch das 3:3 durch Marco Reus, doch trotz des späten Gegentreffers trug der moralische Sieger an diesem Abend weiße Trikots.

Eine Einwechslung mit Gefühl - Für eines der größten emotionalen Highlights in der starken Saison von Borussia Mönchengladbach sorgte ein Spieler, der kein Tor schoss, nur Kurzeinsätze hatte und keinen großen Namen trägt: Mamadou Doucouré. Im Jahr 2016 verpflichtete Mönchengladbach das gerade 18 gewordene Talent von Paris Saint-Germain. Der als Rohdiamant geltende Abwehrspieler sollte langsam an das Bundesliga-Niveau herangeführt werden. Doch Doucouré hatte unglaubliches Verletzungspech. Immer wieder warfen ihn Muskelverletzungen zurück, wenn er gerade wieder fit genug für Einsätze schien. So dauerte es fast vier Jahre, ehe ihm dann Trainer Marco Rose am 31. Mai gegen Union Berlin noch eine Bundesligaminute und damit das Debüt schenkte. Standing Ovations gab es dafür von den Mitspielern und beim Jubel über den Sieg war Doucouré mittendrin.

Die unheimliche Tormaschine - Über Robert Lewandowski ist alles geschrieben und gesagt worden. Der Pole ist nicht nur der erfolgreichste ausländische Torjäger der Bundesligageschichte, sondern womöglich auch noch in der Form seines Lebens. Selbst in den Kommentarspalten englischer Sport-Berichterstattungs-Accounts, in denen die Bundesliga immer mal wieder als "farmers league" bezeichnet und Erfolge von Spielern dort abgewertet werden, lässt der Gegenwind merklich nach, wenn beispielsweise "SPORTbible" mal wieder eine neue Meisterleistung des Polen verkündet und/oder ihn als besten "Neuner" der Welt bezeichnet. Nach einer Saison mit 34 Toren - nur Gerd und Dieter Müller gelangen in den 70er Jahren mehr - gehen allen Zweiflern nun dann auch wirklich die Argumente aus.

Haaland, ein Stern geht auf - Dass kaum jemand über den besten deutschen Stürmer Timo Werner spricht, der mit seinen 28 Saisontreffern in der Spielzeit 2018/19 noch mit Abstand Torschützenkönig geworden wäre, liegt an Lewandowski, aber auch an Erling Haaland. Borussia Dortmund verpflichtete den 19-Jährigen im Januar von RB Salzburg und man hoffte darauf, dass er die starken Leistungen dort mittelfristig bestätigen würde. Aus mittel- wurde dann doch (sehr) kurzfristig: In seinen ersten zwei Bundesligaspielen gelangen ihm fünf (!) Tore. Das schaffte noch keiner vor ihm. Noch unglaublicher: Er spielte in diesen beiden Partien nur insgesamt 59 Minuten. Diese Quote konnte Haaland nicht ganz halten, aber 16 Pflichtspieltreffer in 18 Einsätzen sind ein Wert, der nicht nur für einen 19-Jährigen unglaublich ist. Egal, wie lange Haaland der Bundesliga erhalten bleiben wird, an sein Debüt wird man sich lange erinnern.

Klinsmann geht im Chaos - Selten war eine Trainerverpflichtung mit so großen Hoffnungen verbunden und selten ist sie so schnell, so desaströs und im Chaos geendet wie die von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC. Der Frontmann des Sommermärchens sollte das "Dicke B" endlich zu einem Big-City-Klub formen, dazu hatte er dank Investor Lars Windhorst Geld im dreistelligen Millionenbereich zur Verfügung. Doch sportlich ging unter Klinsmann wenig bis gar nichts, dazu kamen seine an die Öffentlichkeit lancierten Tagebuch-Bestandsaufnahmen des Klubs und vor allem des sportlichen Managements von Michael Preetz. Beispiele: "Die Mannschaft in einem katastrophalen körperlichen wie mentalen Zustand. Die Planung der Vorbereitung auf die Rückrunde, für die Michael Preetz verantwortlich ist, ist eine Katastrophe. Es gibt eine Lügenkultur." Erst Ende November kam Klinsmann, am 2. Februar warf er hin.

Mainz leidet gegen Leipzig - Dass Mainz 05 in der ersten Runde des DFB-Pokals am mittlerweile in seiner Existenz bedrohten 1. FC Kaiserslautern scheiterte, war für die Mainz-Fans sicher schlimm. Aber es hatte auch sein Gutes. Erstens konnte sich 05 fortan - und letztlich mit Erfolg - ganz auf den Abstiegskampf in der Bundesliga konzentrieren. Und zweitens konnte ihnen im weiteren Verlauf des Wettbewerbs nicht RB Leipzig zugelost werden. Schlimm genug für die Mainzer, dass es dieses Duell zweimal in der Liga gab: 0:8 verloren die Rheinhessen das Hinspiel, 0:5 das Rückspiel - in beiden Partien traf Timo Werner je dreimal.

Torunarigha rassistisch beleidigt - Es war ein Schandfleck auf dieser Saison, und es war ein Skandal, bei dem viele Fragen offen blieben: Im Pokal-Achtelfinale zwischen dem FC Schalke 04 und Hertha BSC wurde Berlins Jordan Torunarigha rassistisch beleidigt. Es gab keine Unterbrechung der Partie, angeblich wurden dem Schiedsrichtergespann die Vorfälle erst im späteren Verlauf der Partie zugetragen. Von der "lückenlosen Aufklärung", die Schalke-Boss Clemens Tönnies versprach, hörte man später auch nicht mehr viel. Torunarigha schrieb bei Twitter: "Ich kann Äußerungen von einigen Idioten nicht verstehen. Man kann sich seine Hautfarbe bei der Geburt nicht aussuchen und sie sollte auch völlig egal sein. Genauso selbstverständlich wie unterschiedliche Hautfarbe, Religion oder Herkunft unter uns Sportlern in der Kabine ist, sollte es auch in unserer Gesellschaft sein!"

Tönnies redet sich ins Abseits - Clemens Tönnies hatte zuvor bereits für einen handfesten Skandal gesorgt - und sich ebenfalls eindeutig rassistisch geäußert. Beim Tag des Handwerks in Paderborn am 1. August 2019 setzte Tönnies bei seiner Rede den Klimawandel mit der Überbevölkerung in Afrika in Verbindung und wehrte sich gegen Steuererhöhungen. Man solle lieber jährlich 20 neue Kraftwerke in Afrika finanzieren. "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren", sagte er. Später entschuldigte er sich öffentlich, trat aber nicht von seinem Amt zurück - er ließ es nur für drei Monate ruhen.

Thuram trifft und begeistert - Er ist der Sohn eines Weltmeisters - aber er tut alles andere, als nur seinen Papa Lilian zu kopieren. Marcus Thuram hat in Mönchengladbach so eingeschlagen wie schon ewig kein Transfer mehr. Nicht nur wegen seiner zehn Tore und zehn Assists, die er nur wegen einer Knöchel-Verletzung nicht mehr steigern konnte. Die Fans lieben ihn auch wegen der spontanen Sportlerehrung, die er nach jedem VfL-Sieg vor der Nordkurve zelebriert: Er reißt die Eckfahne heraus, kürt nach kurzer Beratung mit sich selbst den Mann des Spiels, holt sich - Widerspruch des Betroffenen ist zwecklos - dessen Trikot und spießt es auf die Fahnenstange, kurze Ehrenrunde inclusive.

Corona 1 - der Ball steht still - Das Thema, das am Ende alle anderen in den Schatten stellen sollte, nimmt Anfang März richtig Fahrt auf. Mit Bayern gegen Augsburg und Mainz gegen Düsseldorf finden am 8. März die bislang letzten Bundesliga-Spiele vor Publikum statt. Am 16. März teilt die DFL mit, dass die Bundesliga bis mindestens 2. April pausiert. DFL-Chef Seifert macht klar, dass eine Fortsetzung nur mit Geisterspielen möglich ist.

Corona 2 - aber ohne Zuschauer - Zuvor, am 11. März, bekommen die Fans schon mal einen Vorgeschmack darauf, wie es nach der Corona-Pause weitergehen wird. Das rheinische Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln findet ohne Zuschauer statt, ohne Fangesänge, dafür mit deutlich hörbarer Kommunikation zwischen Spielern, Trainern und Schiedsrichtern. Dann ist erstmal Schluss mit Fußball - bis zum 16. Mai.

Corona 3 - mit Kalou und Herrlich - Das aufwändige Hygiene- und Quarantänekonzept, das die DFL vor dem Re-Start entwickelte, sorgte für viel Lob, das zum Teil disziplinlose Verhalten der Protagonisten aber für genausoviel Kritik. Zunächst meinte Herthas Salomon Kalou, seine Fans mit einem Live-Video bei Facebook erfreuen zu müssen, allerdings unter völliger Missachtung aller Regeln. Dann berichtete Augsburgs neuer Trainer Heiko Herrlich arglos von seinem Ausflug in den Supermarkt, weil Handcreme manchmal wichtiger sei als Quarantäne.

Das Ende, wie immer - Nach aufregenden Monaten endete die Saison dann aber doch (fast) wie immer. Der FC Bayern holt sich die achte Meisterschaft in Folge, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach qualifizieren sich für die Champions League - wenn man sich nur die Tabelle anschaut, könnte man meinen, es sei gar nicht so viel Außergewöhnliches passiert ...

Stand: 27.06.2020, 17:42 Uhr

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