Bundesliga bei Auf- und Abstiegsfrage zerstritten

Geisterspiel

Heikles Thema vorerst vertagt

Bundesliga bei Auf- und Abstiegsfrage zerstritten

Von Frank Hellmann

Die Deutsche Fußball-Liga wollte auf der Mitgliederversammlung am Donnerstag (14.05.2020) bei Saisonabbruch über Auf- und Absteiger entscheiden. Doch das Thema ist zu heikel und verschwindet von der Tagesordnung - aus der Liga kommt Kritik.

Immerhin 46 Seiten umfasst die Spielordnung, abgekürzt SpOL, der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Sie regelt, heißt es in der Präambel, "den Spielbetrieb der ihm zur Nutzung überlassenen Vereinseinrichtungen Bundesliga und 2. Bundesliga (Lizenzligen)". Gleich vornean sind die Bestimmungen zur Meisterermittlung, Spielklassenstärke sowie Auf- und Abstieg festgeschrieben. Dabei heißt es in §2, Punkt 3, Absatz b): "Meister der Runde ist, wer nach Durchführung aller Spiele die meisten Gewinnpunkte erzielt hat. Absteiger sind die Mannschaften, die die wenigsten Gewinnpunkte erzielt haben."

In der Spielordnung findet sich bislang keine Regelung, was bei einem Saisonabbruch passiert. Für außerordentliche Krisenlagen, ob nun durch Kriege, Unruhen oder eine Pandemie, gibt es keine Statuten. Aber das sollte sich mitten in der Corona-Krise und vor dem Re-Start der beiden Lizenzligen am Samstag (16.05.2020) noch ändern.

Heftige Debatten am Mittwoch

Die DFL wollte am Donnerstag (14.05.2020) auf ihrer nächsten Mitgliederversammlung dieses heikle Thema angehen. Für den Fall eines Saisonabbruchs, weil mehrere Teams möglicherweise eine längere Quarantäne befolgen müssen oder es sogar ein erneutes Verbot von Kontaktsportarten wie dem Fußball durch die Politik gibt, sollte es trotzdem einen Meister und zwei Absteiger geben.

Das Fachmagazin "Kicker" berichtete am Mittwoch (13.05.2020) darüber, dass die entsprechende Beschlussvorlage des DFL-Präsidiums zu einem heftigen Streit geführt hätte. Auf einer Videokonferenz am Vormittag nur unter den 18 Erstligisten hätten zehn Vereine dafür gestimmt und acht dagegen. Weil die Liga derlei uneinheitliche Erscheinungsbilder nicht braucht und eine Kampfabstimmung vermieden werden soll, wird das Thema nun nicht auf der Tagesordnung auftauchen, berichtete der "Kicker" weiter.

Ein Bundesligist soll laut Medienberichten komplett gegen die Fortsetzung der Spielzeit auch nach dem 30. Juni gestimmt haben.

Schiedsrichter Timo Gerach freut sich auf den Wiederanpfiff

Sportschau 14.05.2020 01:41 Min. Verfügbar bis 14.05.2021 ARD Von Jan Ebling

Harte Kritik von Werder-Boss Bode

Werder Bremens Aufsichtsratschef Marco Bode kritisierte das Präsidium der Deutschen Fußball Liga für seine Vorgehensweise: "Das ist eine Regelung, die unglaublich viel nach sich zieht. Da kann man nicht einfach en passant wenige Tage vor der Wiederaufnahme des Spielbetriebs eine Entscheidung solcher Tragweite treffen", sagte Bode am Mittwochabend in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.

Bode sagte weiter: "Es ging einer relativ großen Zahl von Klubs so, dass die Kurzfristigkeit, die Art und Weise und die Sorgfalt des Antrages kritisiert wurden. Es gibt drei Optionen im Falle eines Abbruchs: die Wertung der aktuellen Tabelle, eine Annullierung der Saison oder eine Aufstockung der Liga. Alle diese Optionen muss man auch betrachten, da muss man auch juristische Fragen bedenken. Das war nicht der Fall. Das war eine wenig sorgfältige Art und Weise, nicht gut."

Kritik, Werder wehre sich nur gegen eine solche Regelung, weil die Bremer als Tabellen-Siebzehnter bei einem derzeitig Abbruch absteigen müssten, wies Bode zurück. "Das betrifft ja nicht nur uns, sondern auch Vereine, die um Europapokalplätze spielen. Es haben auch Spitzenclubs unsere Position eingenommen."

Thema mit Streitpotenzial

Zuvor hatte der DFL-Aufsichtsratsvorsitzende Peter Peters für das umstrittene Vorhaben geworben. Die Vereine sollten einer Auf- und Abstiegsregelung zustimmen, auch wenn die Saison nicht zu Ende gebracht werden kann. Eine Frage, die die Liga spaltet. Gerade im Tabellenkeller wird kein Konsens herrschen. Der SV Werder war wie viele andere Klubs über die Information aus Frankfurt zunächst überrascht, zudem alles andere als erfreut. Die Bremer liegen mit der DFL ohnehin wegen der Polizeikosten im Clinch.

Peters hatte gesagt: "Wir werden am Donnerstag wohl letztmals das Thema 'erzwungener Saisonabbruch' behandeln. Letztmalig deshalb, weil ich überzeugt bin, dass es dazu nicht kommen wird", erklärte der 57-Jährige, der von einem "absolut unwahrscheinlichen Fall" sprach. Aber ist es wirklich so unwahrscheinlich? Mit der Team-Quarantäne für den Zweitligisten Dynamo Dresden zeigt sich ja, auf welch tönernen Füßen selbst das ausgeklügelte Hygiene- und Sicherheitskonzept der DFL steht. Sollten von entsprechenden Beschlüssen der lokalen Behörden nach positiven Fällen mehrere Vereine betroffen sein, ist die Saison kaum mehr zu retten.

Heimspiel in fremden Stadien - DFL plant Satzungsänderungen

Sportschau 13.05.2020 03:05 Min. Verfügbar bis 13.05.2021 ARD Von Tim Brockmeier

Andere Regeln im Ausland

Zu Beginn der Corona-Krise hatte der für Fußballangelegenheiten zuständige Direktor Ansgar Schwenken darauf hingewiesen, dass ein Saisonabbruch nicht geregelt ist. Die Spielordnung erlaube nicht, offiziell einen Meister beispielsweise nach 30 Spieltagen zu küren.

Schwenken erklärte Anfang März gegenüber der Sportschau: "Das ist nicht vorgesehen. Wir müssten dafür neue Beschlüsse fassen." In einigen Amateurligen und vor allem im Ausland greifen andere Mechanismen: Dort wird die Saison annulliert, der Abstieg ausgesetzt und die Liga durch Aufsteiger aufgestockt.

Bei Aufstockung wird der Kuchen kleiner

Eine Erweiterung ihrer beiden Lizenzligen will die DFL in den Krisenzeiten allerdings unbedingt vermeiden, denn dann müsste ja auch der große Kuchen der Medienerlöse nicht an 36, sondern entsprechend mehr Klubs verteilt werden. In der Bundesliga haben der Letzte Paderborn (16 Punkte) und der Vorletzte Bremen (18 Punkte/ein Spiel weniger) einigen Rückstand. In Reichweite liegt Fortuna Düsseldorf (22 Punkte). Zum Tabellen-15. Mainz 05 (26), Augsburg (27), Hertha BSC (28) und Frankfurt (28) klafft schon eine beträchtliche Lücke.

All diese Vereine hätten bei einer Wertung vor Saisonende vielleicht sogar Vorteile, weil sie ihr Polster auf der Zielgeraden nicht mehr verspielen können. In der 2. Bundesliga trennen den Tabellenletzten Dynamo Dresden und den Zwölften VfL Osnabrück ganze fünf Punkte. Dort könnte sich jeden Spieltag im Abstiegskampf noch im Endspurt eine neue Konstellation ergeben.

Zudem ist Dresden wegen der vom Gesundheitsamt verfügten Quarantänemaßnahmen schon jetzt benachteiligt. Die Liga-Vertreter müssten also noch ein Modell entwerfen, wie mit einer unterschiedlichen Zahl ausgetragener Spiele umzugehen ist. In der Bundesliga steht noch das Nachholspiel Werder Bremen - Eintracht Frankfurt (2./3. Juni) aus.

Ferner will der Liga-Verband festzurren, dass es zu Heimspielen in fremden Stadien kommen kann, sollte dies in der Coronakrise aus "rechtlichen, organisatorischen und/oder sicherheitstechnischen Gründen" erforderlich sein. Der Ligaverband will folgende Bestimmung in den Statuten unterbringen: "Sofern keinen der beteiligten Klubs ein Verschulden an dem Wechsel des Stadions trifft, trägt der DFL e.V. die durch den Stadionwechsel entstandenen Mehrkosten für die Austragung des Spiels."

Berg von Problemen bei anderem Szenario

Heikelste Frage bleibt der Saisonabbruch: Peters fürchtet lange juristische Auseinandersetzungen, weil es in solch einem Fall immer "negativ Betroffene" gebe: "Dann müssten wir viele Regelungen treffen, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind. Das ginge nicht ohne große Komplikationen. Wenn man von Fairness spricht, ist es am besten, die Saison auf den grünen Rasen zu Ende zu bringen als Entscheidungen am grünen Tisch zu treffen."

Aber ist es fair, die wichtigsten Fragen einer Liga - Meisterschaft und Abstieg - vorzeitig aufgrund eines Zwischenstands zu beantworten? Diese Frage wird nun bei der kontaktlosen Mitgliederversammlung am Donnerstag nicht mehr gestellt.

Was machen Stadionsprecher bei Geisterspielen?

Sportschau 12.05.2020 03:04 Min. Verfügbar bis 12.05.2021 Das Erste Von Moritz Cassalette

mit dpa, sid | Stand: 14.05.2020, 10:21

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