Wenn die Regeneration im Fokus steht

Leiter Medizin und Prävention von Mönchengladbach Martin Meichelbeck (l.) und Christoph Kramer

Wenig Regenerationszeit für Fußball-Bundesligisten

Wenn die Regeneration im Fokus steht

Von Luise Kropff

Damit Borussia Mönchengladbach auch noch im April auf seine beste Mannschaft zurückgreifen kann, stehen vor allem Prävention und Regeneration im Fokus - und damit auch Martin Meichelbeck, Leiter für Medizin und Prävention bei Borussia Mönchengladbach.

Das Problem sei aktuell nicht die Anzahl der Spiele - sondern deren Taktung. Deswegen lautet ein ganz wichtiger Teil des Wettbewerbs in dieser Saison: Wer besser regeneriert, hält länger durch.

"Mein Regenerations-Trick? Rotwein!", lacht Martin Meichelbeck ins Telefon. Die Laune ist gut. Denn die Verletztenliste bei Borussia Mönchengladbach ist im Vergleich zu anderen Champions-League-Teilnehmern aus der Bundesliga kurz: "Wir sind im Moment ganz gut dabei". Jonas Hofmann (Muskelbündelriss), Yann Sommer (Adduktoren) - das war es dann auch schon.

Der magische Begriff: Regenerations-Management

Eins vorweggenommen: Der Rotwein-Trick ist es nicht. Es geht vielmehr um tägliche, präzise Untersuchungen. „Was bei uns sicherlich ein großes Thema ist, klar, ein gutes Regenerations-Management. Aber was bei uns im Verein auch wichtig ist, ist das Thema der Prävention“, sagt Meichelbeck.

Wie geht es dem Spieler? Wie ist die Statik? Alles wird bei Borussia Mönchengladbach erfasst: "Schon vor dem Training holen die Physiotherapeuten die Spieler zu sich und überprüfen den Muskelstatus. Der Muskel wird abgetastet, der Spieler gibt Rückmeldung. So können auch leichte Muskelverhärtungen frühzeitig behandelt werden, bevor der Muskel zumacht." Fällt eine Unregelmäßigkeit auf, geht es ganz schnell. Der Ultraschall wird ausgepackt oder der Spieler wird in die vereinseigene MRT-Röhre gesteckt.

Thema Rotation: Enger Austausch mit Trainer Marco Rose

Wer ist fit und kann belastet werden? Wer braucht vielleicht eine Pause? Vor jedem Spiel packen Meichelbeck und Trainer Marco Rose die Belastungs-Skala aus: "Spieler können nicht alle drei Tage 90 Minuten spielen. Rotation ist gerade bei so einer hohen Spielbelastung ein wichtiges Thema. Wir sind da in einem engen Austausch mit Cheftrainer Marco Rose." Nicht erst wenn ein Spieler auf dem Zahnfleisch läuft, wird er geschont, sondern vorher. So wechselte Rose in der Liga gegen Hertha BSC im Vergleich zum Spiel gegen Real Madrid auf sechs Positionen.

"Wie verbessert man das Regenerations-Potenzial? Das ist eines der heißesten sportwissenschaftlichen und medizinischen Themen im Augenblick," sagt Prof. Dr. Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Will eine Bundesliga-Mannschaft auch im April noch auf ihre Leistungsträger zurückgreifen, müssen einige regenerative Punkte beachtet werden.

Nach dem Spiel: Abendessen im VIP-Bereich

Regenerative Punkte können Schlaf, physikalische Rahmenbedingungen (Physio, Kältekammern, etc.), Trainingssteuerung und Ernährung sein. Für eine optimale Regeneration werden zum Beispiel die aufgebrauchten Kohlenhydratspeicher der Spieler schnellstmöglich wieder aufgefüllt: "Das ist nicht mehr nur Spaghetti vor dem Spiel und einmal die Trinkflasche angesetzt. Das wird sehr professionell gemacht, dafür haben die Profivereine Spezialisten", sagt Predel.

Bei Borussia Mönchengladbach vertraut Meichelbeck auf Ernährungsberater: "Wir haben ein sehr fundiertes, ausgeklügeltes und individuelles Ernährungsprogramm, dass unsere Spieler vor und nach dem Spiel unterstützt." Heißt: Direkt nach dem Spiel gehts für Kramer, Thuram, Emoblo und Co. in den VIP-Bereich des Stadions zum Abendessen - um schnell die Speicher wieder vollzumachen.

Regenerative Maßnahmen? So individuell wie die Spieler selbst

Regeneration - das heißt grob übersetzt: die Batterien wieder aufladen. Jeder Spieler hat dafür sein eigenes, individuelles Set-up. "Wenn es um physiotherapeutische, athletische und medizinische Themen geht, muss sich ein Spieler nach dem Verein richten. Aber Spieler haben auch eigene Fitnesstrainer, Yoga-Lehrer, Psychologen. Denn jeder entwickelt sein eigenes System, in dem er sich wohlfühlt und in dem er glaubt, gute Leistungen bringen zu können."

Martin Meichelbeck war früher selbst Profi, hat bei Greuther Fürth und dem VfL Bochum gespielt. Sein eigenes Regenerations-System bestand aus Musik, Yoga, Meditation und dem Studium, erzählt er.

Gymnastik, Dehnen - keine hohe Intensität im Training

Bis Weihnachten stehen bei Borussia Mönchengladbach noch drei Spiele im Kalender (Eintracht Frankfurt, TSG Hoffenheim, Elversberg). Ein Schlussspurt, wie Meichelbeck sagt: "Die Körner neigen sich dem Ende, der Spieler läuft im Akku-Bereich." Deswegen ist aktuell an ein intensives Training nicht zu denken: "Wir trainieren dosiert. Der regenerative oder taktische Aspekt steht im Vordergrund. Wir haben keine hohe Belastung in den Trainingseinheiten. Das heißt, wir bauen verschiedene Gymnastikübungen und Dehnübungen ein. Spielen ein fünf gegen zwei, machen leichtes Positionsspiel."

Kürzeste Winterpause der Bundesliga-Geschichte

Vom 24. Dezember bis zum 2. Januar hat die DFL die Winterpause in dieser Saison vorgesehen - kürzer war das Durchatmen in der Bundesliga nie. "Wir versuchen den Spielern trotzdem ein paar Tage freizugeben. Gerade über die Weihnachtszeit. Abstand ist wichtig im Regenerations-Prozess", sagt Meichelbeck. "Danach geht es genauso detailliert wie in den letzten Wochen und Monaten in der Spielerunterstützung weiter. Um die Ressourcen der Menschen gut zu pflegen." Denn das nächste Spiel steht bei Borussia Mönchengladbach eigentlich immer vor der Tür. Am 2. Januar geht es gegen Arminia Bielefeld in der Bundesliga weiter.

Einschätzung von Sportwissenschaftler Ingo Froböse zu Folgen von Überbelastung Morgenmagazin 09.12.2020 03:15 Min. Verfügbar bis 09.12.2021 Das Erste

Stand: 15.12.2020, 08:00

Weitere Themen

Darstellung: