"Fans sind nicht zu ersetzen" - Reaktionen nach dem Geisterspieltag

Die Dortmunder jubeln nach dem Derbysieg gegen Schalke 04 vor der leeren Südtribüne

Fußball-Bundesliga ohne Zuschauer

"Fans sind nicht zu ersetzen" - Reaktionen nach dem Geisterspieltag

Von Frank Menke

Keine Fans, keine Stadion-Atmosphäre, Partien mit Trainingsspiel-Charakter: Die Fußball-Bundesliga hat ihren ersten kompletten Geisterspieltag hinter sich gebracht. Sportschau.de hat nachgefragt, wie die Partien bei Fans ankamen.

Es war schon eine ziemlich bizarre Situation, als die Spieler von Borussia Dortmund nach dem 4:0 gegen Schalke 04 am Samstag (16.05.2020) zur berühmten Südtribüne liefen und vor leeren Rängen den Derbysieg feierten. Keine Spur von Ekstase, keine Spur von Gemeinschaftserlebnis. Der erste komplette Geisterspieltag der Fußball-Bundesliga ließ zwar noch Raum für gewohnte Rituale, aber gewöhnlich war daran nichts.

Verlust des Wir-Gefühls

Jan-Henrik Gruszecki ist seit Ewigkeiten aktiver BVB-Fan mit Stammplatz auf der Südtribüne. Seine Einschätzung gegenüber sportschau.de am Montagabend (18.05.2020): "Es ist komplett anders. Wenn man im Stadion ist, hat man das Gefühl, gemeinsam mit der Mannschaft das Spiel zu gewinnen. Bei Geisterspielen ist man nur Konsument und nicht Teil der Geschichte - nicht wir haben gewonnen, sondern die Spieler haben gewonnen. Da fehlt ganz viel an Emotionalität und Gemeinschaftserlebnis."

Hummels: "War eine ganz komische Atmosphäre"

Sportschau 19.05.2020 02:27 Min. Verfügbar bis 19.05.2021 ARD

Hinnehmen, ohne es schön zu finden

Trotz aller Vorbehalte ist Gruszecki dennoch bereit, die Kröte Geisterspiele zu schlucken, wenn auch widerwillig: "Geisterspiele sind natürlich keine gute Lösung, aber es gibt wohl keine bessere. Gar nicht zu spielen, bis ein Impfstoff entwickelt und verfügbar ist, das kann ja auch keine Lösung sein. Man muss Geisterspiele wohl hinnehmen, ohne dass man sie schön findet - es darf halt niemand erwarten, dass das nur im Ansatz das gleiche ist." Sein Wunsch an die Deutsche Fußball-Liga: "Mir ist wichtig, dass die DFL den Start der neuen Saison weit nach hinten legt, damit es wenigstens eine minimale Chance geben kann, wieder vor Zuschauern zu spielen."

Fanverband zu Geisterspielen Mittagsmagazin 18.05.2020 02:22 Min. Verfügbar bis 18.05.2021 Das Erste

Fan-Interessengemeinschaft "Unsere Kurve" beharrt auf Reformen

Zwiespältig, aber dennoch eher pragmatisch wie Gruszecki sehen nicht alle Fans das Bestreben der DFL, die Bundesliga-Saison aus wirtschaftlichen Gründen auf Gedeih und Verderb ohne Zuschauer zuende zu spielen. Die Fan-Interessengemeinschaft "Unsere Kurve" erneuerte noch einmal ihre Kritik an diesem Vorgehen. "Wir fühlen uns in unserer Haltung absolut bestärkt. Der letzte Spieltag hat deutlich gemacht, dass die Fans ein wesentlicher Bestandteil des Spiels und durch nichts - wie beispielsweise Tonspuren - zu ersetzen sind. Wir hoffen, dass das nun auch dem letzten Funktionär bewusst geworden ist und damit Reformen der Weg geebnet wird", sagte Sprecher Thomas Kessen sportschau.de.

Wie andere Fan-Verbände fordert "Unsere Kurve" unter anderem, dass sich die Vereine verpflichten, nachhaltig zu wirtschaften und Rücklagen zu bilden, dass die Anhänger ernsthaft in Entscheidungen einbezogen und die TV-Gelder unter den Klubs gerechter verteilt werden sowie eine Stärkung der 50+1-Regel.

Fanforscher warnt vor Entfremdung

Jonas Gabler

Fanforscher Jonas Gabler

Dass Deutschlands Fußballgemeinde bei der Bewertung der Geisterspiele keinen einheitlichen Standpunkt vertritt, unterstrich noch einmal der Diplom-Politologe Jonas Gabler von der "Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit" (KoFaS) auf Anfrage von sportschau.de: "Im Hinblick auf die Identifikation mit dem Verein und dem Fußball als solchen können Geisterspiele dazu führen, dass sich vor allem diejenigen Fans vom Fußball entfremden, die ins Stadion gehen, sich vorher mit ihren Freunden treffen und sich vor dem Spiel einsingen, die Emotionen vor Ort ausleben. Es gibt aber auch Leute, die den Fußball dermaßen vermisst haben, dass sie froh darüber sind, ihn wenigstens im Fernsehen verfolgen zu können. Für die ist das jetzt gar nicht mal ein so großer Unterschied."

Aber auch Gabler stellte klar, dass Geisterspiele für die Vereine, die Aktiven und die Fernsehanstalten nur eine ökonomische Notlösung seien, bei der atmosphärisch ganz viel fehle. Das könne nur so lange funktionieren, wie die Corona-Pandemie anhalte.

Nicht überrascht hat Gabler, dass sich nahezu alle Fans am ersten Bundesliga-Geisterspieltag verantwortungsvoll verhalten haben: "Die Statements von Fanvereinigungen im Vorfeld gingen ja schon eindeutig in diese Richtung: Geisterspiele ablehnen und sich gleichzeitig am Stadion versammeln, das wäre ja auch entgegen ihrer Logik gewesen."

NRW-Innenminister lobt Ultras

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bedankte sich sogar ausdrücklich bei den Fußballfans in seinem Bundesland: "Ich muss den Fans ein dickes Lob aussprechen. Das war trotz aller verständlichen Emotionen echtes Fair Play." Ausdrücklich bezog Reul die Mitglieder der Ultra-Bewegung in seine Bewertung mit ein: "Ich habe die Ultras in der Vergangenheit das ein oder andere Mal kritisiert. Aber an diesem Wochenende haben sie sich wirklich vorbildlich verhalten."

Anhänger auf dem Baum

Weder an den Stadien noch in den Innenstädten der NRW-Spielorte Dortmund, Düsseldorf und Köln hatte es nennenswerte Verstöße gegen Corona-Schutzvorschriften gegeben. Das sah in anderen Bundesländern ähnlich aus.

Einen kuriosen Zwischenfall gab es bei Union Berlin. Zwei Männer kletterten nach Angaben der Polizei während der Partie gegen den FC Bayern auf einen Baum neben dem Stadion, um einen Blick auf das Spiel zu erhaschen. Die Polizei bat die beiden Fans herunter, nahm deren Personalien auf und sprach Platzverweise aus. Auch eine Ansammlung von etwa 50 Menschen bei der Ankunft der Mannschaftsbusse löste die Polizei ohne Probleme zügig auf.

Schwolow: "Wie ein besseres Testspiel"

Und wie erlebten Spieler und Trainer die Geisterspiel-Atmosphäre? "Unsere Fans sind nicht da, die gelbe Wand ist nicht da, das ist sehr, sehr komisch", sagte etwa Dortmunds Trainer Lucien Favre. Freiburgs Torhüter Alexander Schwolow meinte: "Der Fußball lebt von den Fans und von den Menschen, die wir begeistern können. So fühlt es sich an wie ein besseres Testspiel." Ähnlich sah es Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt: "Der Druck vom Publikum ist einfach nicht da. Es fühlt sich für jeden ein bisschen an wie ein Trainingsspiel."

Stand: 19.05.2020, 05:45

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