Warum Hertha BSC Tayfun Korkut verpflichtet hat

Herthas neuer Coach Sven Simon. / imago images/Sven Simon

Fußball | Bundesliga

Warum Hertha BSC Tayfun Korkut verpflichtet hat

Von Till Oppermann

Hertha BSC hat einen neuen Trainer. Am Montag verkündete der Verein Pal Dardais Entlassung. Es übernimmt Tayfun Korkut. Taktisch haben beide Trainer ähnliche Ansichten. Kann Korkut Hertha aus der Krise führen?

Eine Derby-Niederlage ohne Gegenwehr, die zweitmeisten Gegentore und die wenigsten Torabschlüsse in der ganzen Bundesliga: Wer Gründe sucht, warum Hertha BSC Vereinsurgestein Pal Dardai entlassen hat, wird schnell fündig. Schon seit Dardai Ende August nach dem 0:5 gegen Bayern München sagte: "Ich will hier keine Last sein", war das Verhältnis zwischen dem Trainer und Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic gestört.

Trotzdem kam die Verkündung der Personalentscheidung am Montagvormittag (29.11.2021) überraschend. Einerseits weil Dardais Nachfolger Tayfun Korkut seit über drei Jahren arbeitslos war, andererseits weil Fredi Bobic noch vor wenigen Wochen berichtete, er hätte Dardai im Spätsommer die Treue gehalten, weil "wir Ruhe und Stabilität brauchen".

So wenige Abschlüsse wie kein anderes Team

Zumal der nun ehemalige Trainer in seinem letzten Spiel gegen Augsburg einen Lösungsansatz für das größte sportliche Problem seiner Mannschaft präsentierte: Seine Umstellung auf eine Dreierkette im Spielaufbau führte dazu, dass sich dieser deutlich verbesserte. Dass Hertha BSC mit nur 9,8 Schüssen pro Spiel am seltensten zum Abschluss kommt, lag zuvor in erster Linie an fehlender Kreativität im eigenen Ballbesitz und an großen Problemen im Aufbau- und Kombinationsspiel.

Obwohl Dardai mit bereits 27 verschiedenen Spielern die drittmeisten Akteure von allen Bundesliga-Trainern eingesetzt hat, fand er keine erfolgsversprechende Stammelf. Die späten Abgänge von Stars wie Dodi Lukebakio und Matheus Cunha, viele Verletzungen und Corona-Infektionen erschwerten seine Aufgabe.

Wo war die Spielidee?

So schien Dardai die Entwicklung einer konsequenten Spielidee nicht zu gelingen. In der Offensive war seine Mannschaft abhängig von Fehlern des Gegners oder der individuellen Klasse von Spielern wie Suat Serdar, Marco Richter oder Stevan Jovetic. Nur 22 Prozent von Herthas Aktionen fanden im Angriffsdrittel des Feldes statt. Zum Vergleich: Teams wie der 1. FC Köln der SC Freiburg oder Mainz 05 bewegen sich 30 Prozent der Spielzeit in dieser Zone.

Weil Dardais Mannschaft zuletzt aber auch in der Abwehr zu nachlässig agierte und späte Heimsiege mit späten Gegentoren gegen Leverkusen und Augsburg aus der Hand gab, muss der Trainer nun die Verantwortung tragen - auch für Fehler seiner Spieler.

Wie lässt Tayfun Korkut spielen?

Auf ihn folgt Tayfun Korkut. Bei seiner letzten Station in Stuttgart übernahm der 47-Jährige den VfB in einer ähnlichen Situation. Obwohl sich der Klub im Januar 2018 drei Punkte vor der Abwehrzone befand, beendeten die Schwaben die Spielzeit mit 51 Punkten als Tabellensiebter. Zu Korkuts Unglück war dieser Aufschwung nur von kurzer Dauer. Nach nur fünf Punkten aus den ersten sieben Spielen der Folgesaison wurde er entlassen.

Korkut steht für defensiven Ansatz

Drei Jahre wartete er auf eine neue Chance in der Bundesliga. Nun lobt sein neuer Chef Fredi Bobic, Korkut habe bewiesen, er können Mannschaften mit akribischer und leidenschaftlicher Arbeit und seiner Idee vom Fußball weiterentwickeln. Aber passt sein taktischer Ansatz zu Herthas Problemen? Wer sich von Tayfun Korkuts Verpflichtung stürmische Zeiten in Herthas Offensive erhofft, wird wohl enttäuscht werden. In Stuttgart stand Korkut für eine defensive Spielweise.

Keine linienbrechende Pässe

Im Spielaufbau bewegte sich seine Mannschaft in ähnlich tiefen Zonen wie Hertha. Aus einer Viererkette, in der die Außenverteidiger dazu angehalten waren, sich eher selten an Angriffen zu beteiligen, ließ Korkuts Team den Ball über die Sechser lange in der eigenen Hälfte kontrollieren. Linienbrechende Pässe oder Tiefenläufe in die Halbräume gab es kaum.

Stattdessen lauerte die Mannschaft regelrecht darauf, dass ihr Gegner die Nerven verlor und aggressiv presste. In diesen Fällen spielten die Schwaben lange Pässe auf zwei robuste Mittelstürmer, die den Ball in höheren Zonen festmachen sollten. Auch gegen den Ball war defensive Ordnung das oberste Gebot. Die Doppelspitze sollte nicht hoch anlaufen, sondern nur Passwege zustellen. Zwei Viererreihen in Mittelfeld und Abwehr begannen erst in der eigenen Hälfte zu pressen.

Auch offensive Probleme in den Griff bekommen

Bei seiner Vorstellung von Defensivarbeit kann Korkut direkt auf Dardais Arbeit aufbauen. Dessen Mantra, dass sich gegen den Ball kein Spieler mehr als 30 bis 40 Meter von seinem am weitesten entfernten Mitspieler bewegen darf, verfolgten auch Korkuts Teams. Spannender wird hingegen, wie der ehemalige türkische Nationalspieler die offensiven Probleme in den Griff bekommen möchte.

Angesichts der zahlreichen Fehlpässe und Konzentrationsschwächen ist es aktuell schwer vorstellbar, wie das Team in Zukunft unfallfrei in der eigenen Hälfte hin und her passen soll, bis andere Mannschaften zu aggressiv anlaufen.

Manche Spieler passen zu Korkut

Zumindest einige von Herthas Spielern passen zu Korkuts Ideen. Santiago Ascasibar war in der erfolgreichen Anfangsphase von Tayfun Korkuts Stuttgarter Tagen ein Stabilisator auf der Sechs. Christian Gentner fungierte im rechten VfB-Mittelfeld als Bindeglied zwischen den sechs hauptsächlich defensiv und drei hauptsächlich offensiv denkenden Spielern in Korkuts 4-4-2. Eine ähnliche Rolle könnte Suat Serdar übernehmen. Defensive Stabilität, kein aggressives Pressing, wenig Spieler in der Offensive: Korkuts Philosophie erinnert verdächtig an Pal Dardais fußballerische Prioritäten.

Dufner und Korkut sind alte Bekannte

Wenn Fredi Bobic also sagt: "Mit Tayfun Korkut möchten wir der Mannschaft nun neue Impulse und neuen Input geben", darf man gespannt sein, wie genau das aussehen wird. Vielleicht gibt es einen weiteren nicht unwesentlichen Grund für Korkuts Engagement. Herthas Kaderplaner Dirk Dufner gab Korkut 2014 in Hannover seine erste Chance als Chefcoach. Damals bezeichnete Dufner die Verpflichtung als "bewusste Entscheidung für die Zukunft" des Vereins. Tayfun Korkut sei top ausgebildet, hoch motiviert und habe mit seiner Persönlichkeit überzeugt.

Sendung: rbb UM6, 29.11.2021, 18 Uhr

rbb | Stand: 29.11.2021, 21:00

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