David Wagner ist der Schalke-Flüsterer

David Wagner umarmt seinen Torwart Markus Schubert

Topspiel gegen Bayern

David Wagner ist der Schalke-Flüsterer

Von Jan Wochner

Nach einer Katastrophen-Saison ist Schalke 04 aktuell Champions-League-Kandidat. David Wagner gilt längst als Vater des Erfolgs beim Tabellenfünften. Jetzt steht das Topspiel bei Rekordmeister Bayern München auf dem Programm.

Es ist keine Übertreibung, wenn man David Wagner als kommunikativ bezeichnet. Wer dem 48-Jährigen eine Frage stellt, muss damit rechnen, dass Wagner womöglich länger ausholt. Antworten, die länger als eine Minute dauern, sind beim Schalker Trainer keine Ausnahme. Wagner hat viel zu erzählen und weiß genau, was er seinem Gegenüber vermitteln will.

Wenn Wagner über Fußball spricht, dann kommt er in der Regel recht schnell auf sein Leitmotto zu sprechen: "Ich möchte mich nicht nach dem Gegner richten, sondern unser Spiel durchdrücken." Das wiederholt Wagner. Immer und immer wieder. Tagein, tagaus. Was bei anderen Fußballlehrern zu einer gelegentlich genutzten Fußballphrase zählt, ist für Wagner so etwas wie sein Mantra.

Wagner hat vorgesorgt

Der Schalker Trainer hat klare Vorstellungen, wie der Fußball auszusehen hat, den seine Mannschaft spielen soll. Frühes Pressing, eine hohe Verteidigungslinie und möglichst viele Ballgewinne schon in der Hälfte des Gegners kennzeichnen seine Philosophie. Für die Spieler bedeutet das ein erhöhtes Laufpensum und hohe taktische Disziplin.

Wagner hat für beides vorgesorgt. So wirkt die Mannschaft deutlich fitter als in der Vorsaison. Das zeigt sich auch statistisch. Aus der sprintschwächsten ist die sprintfreudigste Mannschaft der Liga geworden. Und auch die Abstimmung auf dem Rasen funktioniert, sodass Schalkes Pressing Wirkung zeigt. Ballgewinne, noch ehe der Gegner die Mittellinie überquert hat, sind keine Seltenheit.

Vertrauensvorschuss vom Trainer

Die große Stärke von Wagner ist seine offene, klare, zielgerichtete Kommunikation. Wagner ist klar in der Ansprache. Er weiß genau, was er von seinen Spielern verlangt und vermittelt das eindrücklich. Nach zahlreichen Trainerwechseln in den Vorjahren trifft er bei seinem Kader vielleicht auch einen Nerv: "Es gab hier permanent Veränderung und nur ganz wenig Kontinuität", erklärt er. "Für uns ist aber Mut der Schlüssel. Wir wollen alle im Verein dazu animieren, sich Dinge zu trauen, keine Angst vor Fehlern zu haben."

Wagner gewährt seinen Spielern deshalb zunächst einen Vertrauensvorschuss. Das zeigt Wirkung. Bestes Beispiel ist die fast wundersame Auferstehung von Amine Harit. In der vergangenen Saison war der junge Marokkaner ein Schatten seiner selbst. Verunsichert, wankelmütig in seinen Auftritten auf dem Rasen, und, wie er heute versichert, auch tief betroffen und schwer mitgenommen von einem Autounfall mit Todesfolge im Urlaub, bei dem Harit am Steuer gesessen hatte.

Gregoritsch macht's wie Harit

Nach 18 Bundesliga-Spielen in dieser Saison aber ist Harit der vielleicht größte Gewinner dieser Spielzeit. Schalkes Dribbler verzückte die Liga mit traumhaften Toren, brillanten Zuspielen und großer Spielfreude. David Wagner sei für ihn "der beste Trainer", versicherte er jüngst in der "Sport-Bild". "Vor der Saison führten wir ein Gespräch, wir sprachen wie Männer. Er sagte mir: 'Wenn du hart arbeitest, dann spielst du bei mir auch.' Ich habe ein spezielles und enges Verhältnis zu ihm." Und mehr noch, sagt der 22-Jährige: "Er fordert viel - zum Beispiel in der Defensivarbeit, aber er fördert mich auch und gibt mir viele Freiheiten auf dem Platz. Ich bin David Wagner wirklich zu tausend Dank verpflichtet." 

Wagner über Gregoritsch: "Ist sehr, sehr fußballschlau"

Sportschau 17.01.2020 02:17 Min. Verfügbar bis 17.01.2021 ARD

Eine ähnliche Entwicklung wie die von Harit gelang auch Michael Gregoritsch auf Schalke unter Wagners Leitung. Schalke verpflichtete den Österreicher in der Winterpause, nachdem Gregoritsch in Augsburg aufs Abstellgleis geraten, zeitweise sogar suspendiert worden war. Nur zwei Wochen nach seinem Wechsel jedoch überragte Gregoritsch beim Rückrundenauftakt gegen Borussia Mönchengladbach mit einem Tor und einem Assist. Schalke schlug die Borussia 2:0. "Er ist eben ein sehr spielschlauer Profi", antwortet Wagner auf die Frage, wie er Gregoritsch so schnell an sein System gewöhnen konnte. Gregoritsch hatte in stundenlangen Videositzungen vor seinem ersten Pflichtspiel exakt aufgezeigt bekommen, wie seine Rolle auf dem Platz auszusehen hat.

Wagner ist ein Kommunikationsprofi

Dass Wagner auch anders kann und seine Vorstellungen knallhart durchzieht, zeigt der Fall Nabil Bentaleb. Den auf Schalke in Ungnade gefallenen Algerier begnadigte der Schalker Trainer nicht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Wagner bereits vor seinem Wechsel zu den "Königsblauen" keine allzu hohe Meinung von dem zentralen Mittelfeldspieler mit Starallüren gehabt hatte. Bentaleb gelobte Besserung zur neuen Saison, Wagner aber verhinderte seine Rückkehr ins Profiteam. In dieser Woche verlieh Schalke Bentaleb schlussendlich nach Newcastle. In der Öffentlichkeit hielt sich Wagner zum Umgang mit Bentaleb so weit wie möglich zurück.

Schalkes Trainer ist eben ein Kommunikationsprofi. Zielsicher äußerte er sich auch zu anderen kritischen Fragen. Wie beim verbalen Fehltritt und der folgenden Rassismusdebatte rund um Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies im Spätsommer. Oder wie beim Wechseltheater und der folgenden Absetzung als Kapitän von Torwart Alexander Nübel in der Winterpause. Spannend wird sein, wie Wagner seine erste sportliche Krise auf Schalke moderieren wird. Diese ist momentan aber nicht in Sicht. Wagners guter Kommunikation sei dank.

David Wagner über Nübel: "Das Thema ist langweilig" Sportschau 16.01.2020 00:22 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 Das Erste

Stand: 24.01.2020, 08:40

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