Pleiten, Pech und Schalke

Die Schalker Mannschaft im Trainingslager

Schalke 04 im Trainingslager

Pleiten, Pech und Schalke

Von Uwe Dietz

Saisonübergreifend läuft beim FC Schalke 04 nicht viel zusammen. Sportliche Talfahrt, finanzielle Notlage, viele Baustellen im Bundesligakader und ein Trainer, der von Tag zu Tag kritischer gesehen wird. Hoffnung macht eigentlich nur ein Transfer.

"Ich habe aufgehört", betont David Wagner bei jeder sich bietenden Gelegenheit, "mir Gedanken zu machen über Sachen, die ich sowieso nicht beeinflussen kann." Hört sich gut an. Aber wer den Schalker Trainer im Trainingslager im österreichischen Längenfeld beobachtet, der sieht: Dieser Mann macht sich pausenlos Gedanken - und muss sie sich auch machen. Denn es geht jetzt um seine Person und damit um jene Person, die in Schalke die entscheidenden Dinge so gut wie gar nicht beeinflussen kann.

Ganz allein steht Wagner auf dem Platz, inmitten der herrlichen Bergwelt des Ötztals. Zumeist schweigt er und schaut zu - den Mitarbeitern seines Trainerstabes, die die Einheiten der Profis leiten, die Übungen erklären und die immer noch angeschlagenen Spieler endlich ans Mannschaftstraining heranführen sollen. Und seiner Mannschaft, die sich nach der unfassbar schlechten Rückrunde bemühen soll, wieder ein positives Gefühl zu entwickeln, Optimismus und Freude.

Spieler in Quarantäne und schlechte Testspiele

Das könnte Wagner beeinflussen. Und wird dabei doch ständig behindert, zuletzt durch den positiven Corona-Fall eines Spielers, der inzwischen selbst in Quarantäne sitzt und fünf andere Profis zu Kontaktpersonen erster Klasse machte. Die dürfen nun nur abseits der Mannschaft trainieren. Und wenn die Kollegen im Hotel sind, müssen sie auf ihre Einzelzimmer verschwinden - Begegnung verboten. Gemeinsames Teambuilding - unmöglich.

Immerhin: Seit am Mittwoch eine weitere Testung des Schalke-Trosses keinen weiteren positiven Befund brachte, darf Schalke noch ein Testspiel in Längenfeld bestreiten. Nur eines. Ursprünglich waren drei geplant. Dabei braucht der Kader solche Wettkämpfe nicht nur, um eigene Abläufe einzustudieren und eine funktionierende Mannschaft zu entwicklen, sondern vor allem, um die Schmach nach den beiden deprimierenden Niederlagen gegen die Drittligisten Verl (4:5) und Uerdingen (1:3) wieder wettzumachen.

Hinrunde okay, Rückrunde zum Vergessen

"Ich kann die Ergebnisse gut einordnen", sagt zwar Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider und verteidigt seinen Cheftrainer. Und dennoch: David Wagner wird im traditionell unruhigen Schalker Umfeld von Tag zu Tag kritischer gesehen. Die Ansätze in seiner ersten Hinrunde seien okay gewesen, sagen viele. Aber danach kam eben nicht mehr viel. Und die Rückrunde mit 16 Spielen ohne Sieg wollen viele nicht vergessen.

"Ich kann nur mit den Spielern arbeiten, die ich zur Verfügung habe", sagte Wagner zuletzt nach einem dieser Testspiele. Das soll nicht resignativ wirken, tut es aber. Denn jeder weiß, dass der Kader, der dem 48-Jährigen zur Verfügung steht, nicht ordentlich austariert ist. Es fehlen mindestens je ein Spieler für die Außenbahnen und ein treffsicherer Stürmer. Die Torwart-Position mit dem aus einer Leihe zurückkehrenden Ralf Fährmann und dem häufig wackelnden Markus Schubert gilt auch nicht als überzeugender Rückhalt. Das Problem ist bekannt: Schalkes Finanzsituation lässt keine ausgiebigen Aktivitäten auf dem Transfermarkt zu.

Bewegung auf dem Transfermarkt?

Immerhin: Der Abgang von Weston McKennie, wahrscheinlich zu Juventus Turin, nimmt ernsthafte Züge an. Es zeichnet sich ein Leihgeschäft mit Kaufoption ab. Insgesamt könnte das über 20 Millionen Euro in die Transferkasse spülen. Das würde Handlungsspielraum bringen. Ob der aber reicht, um Linksverteidiger Sead Kolasinac vom FC Arsenal zurückzuholen, muss abgewartet werden. Verpflichtungen wie die des bei Hertha BSC aussortierten und ablösefreien, aber 36 Jahren alten Vedad Ibisevic werden denkbar. Allein: David Wagner kann nur warten und wieder nichts beeinflussen.

Die ganze Dauer-Unruhe im Kader sorgt zudem nicht für Aufbruchstimmung oder Freude auf die neue Saison. Neben McKennie möchte der Verein die teuren Guido Burgstaller und Nabil Bentaleb von der Gehaltsliste streichen. Aus-der-Leihe-Rückkehrer wie Marc Uth und Sebastian Rudy haben mehr als einmal durchblicken lassen, dass sie nicht so viel Begeisterung mitbringen, um ihrem Arbeitgeber als ambitionierte Noch-Nationalspieler zu helfen.

Wortloser David Wagner

Der eigentlich so eloquente und offene David Wagner übrigens ist erstaunlich leise im Moment. Im Trainingslager in Längenfeld hat er noch kein Wort mit den begleitenden Journalisten gesprochen. Zufall? Oder doch ein Zeichen, im Moment besser nichts sagen zu wollen, auch nichts Falsches. Bei den entscheidenden Fragen könnte er sowieso wieder nur darauf verweisen, dass er vieles an Pleiten, Pech und Pannen sowieso nicht beeinflussen kann und sich deshalb keine Gedanken mache. Glauben aber kann ihm das niemand, der Schalkes Trainer beobachtet in Längenfeld.

Stand: 27.08.2020, 10:54

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