Mythos "Trainereffekt" - Was bringt ein neuer Coach wirklich?

von links: Svensson, Kramer, Funkel, Dardai, Grammozis, Wolf

Trainerwechsel im Fußball

Mythos "Trainereffekt" - Was bringt ein neuer Coach wirklich?

Nach der Verpflichtung von Friedhelm Funkel hofft der 1. FC Köln wie viele Konkurrenten im Abstiegskampf auf den so genannten "Trainereffekt." Der Physiker Andreas Heuer befasst sich mit Trainerwechseln - und verrät, ob die Maßnahme sinnvoll ist. Zusammen mit Kollegen hat er 150 Trainerentlassungen aus knapp 50 Jahren Fußball-Bundesliga ausgewertet.

sportschau.de: Herr Prof. Heuer, was bringt ein Trainerwechsel?

Heuer: Eigentlich nichts. Statistisch gesehen wendet sich nach einer Reihe unterdurchschnittlicher Spiele das Blatt von ganz allein. Auch Mannschaften, die Ihren Trainer trotz schlechter Ergebnisse nicht wechseln, verbessern sich wieder.

sportschau.de: Einen "Trainereffekt" gibt es also nicht?

Heuer: Auf Basis der studierten 150 Trainerentlassungen gibt es eine klare Antwort: nein.

sportschau.de: Nehmen wir das Beispiel FSV Mainz 05. Der neue Trainer Bo Svensson hat nach 14 Spielen 22 Punkte geholt, unter seinen Vorgängern gab es in 14 Spielen gerade mal sechs Zähler. Hier scheint der Trainereffekt ja offensichtlich.

Heuer: Man könnte denken 'Ah, neuer Trainer, ein neuer Besen reinigt besser als der alte.' Das ist aber eine Falschinterpretation. Wenn man die "Expected Points" nimmt (Werte für die eigentlich verdienten Punkte aufgrund der Torchancen, Anm. d. Red. ) dann hat sich Mainz vor der Winterpause pro Spiel fast genauso viele Punkte verdient wie nach der Winterpause. In der Realität hatte Mainz aber enormes Pech in den ersten Spielen und holte nur sechs statt der erwarteten 16 Punkte. Unter dem neuen Trainer ergab sich die zum Spielverlauf passende Punkteausbeute – also kein besonderes Pech mehr. Auch ohne Trainerwechsel hätte sich das so entwickeln können.

sportschau.de: Also hatte auch der 1. FC Köln unter Markus Gisdol einfach mehr Pech als Glück?

Heuer: Auch der 1. FC Köln hätte aufgrund der "Expected Points" aktuell sechs Punkte mehr haben müssen. Die hatten einfach Pech. Und Augsburg hat zum Beispiel zu viele Punkte. Die haben einfach Glück gehabt. Eigentlich müsste Köln vor Augsburg stehen.

sportschau.de: Tun sie aber nicht. Und deswegen hat Köln den Trainer gewechselt - auf Markus Gisdol folgt Friedhelm Funkel. Wird der mehr Glück haben?

Heuer: Nehmen wir an, wir wären in der Würfel-Bundesliga. Die Leistung der Mannschaft ist das Würfeln, das bleibt immer gleich. Es gibt zehn Mannschaften, die zehn Mal würfeln. Und die Mannschaft die die niedrigste Augenzahl hat, wechselt ihren Würfel-Trainer. Und was würde man feststellen, wenn der neue Trainer würfelt? Man würde feststellen, dass es natürlich besser wird, weil der Würfel-Trainer vorher unterdurchschnittlich geworfen hat. Das heißt, man würde denken, der Trainerwechsel hat was gebracht. Das nennt man in der Statistik "Regression zur Mitte".

sportschau.de: Alles pendelt sich also automatisch wieder in Richtung Durchschnitt ein.

Heuer: Genau. Man kann statistisch zeigen, dass Mannschaften, die ihren Trainer wechseln, tatsächlich objektiv schlechter als der Durchschnitt waren. Aber im Durchschnitt zusätzlich auch mehr Pech als Glück hatten. Und dieses Pech und Glück gleicht sich in der Zukunft aus. Man kann das sehr einfach sehen, wenn man mal andere Mannschaften nimmt, die ihren Trainer in einer schlechten Phase nicht gewechselt haben. Auch die verbessern sich wieder etwas.

sportschau.de: Die Fans des 1. FC Köln interessiert vor allem eins: Wie lange wird die Pechsträhne noch anhalten?

Heuer: Statistisch betrachtet war da viel Pech dabei. Allerdings weiß man auch, dass eine Misserfolgsserie die Leistung tatsächlich objektiv verringert und es einige Spieltage dauert, bis es im Mittel wieder normal läuft. Aber wieso soll der 1. FC Köln nicht auch einfach mal etwas Glück haben.

Das Gespräch führte Luise Kropff.

Prof. Dr. Andreas Heuer

Zur Person: Prof. Dr. Andreas Heuer ist Physikprofessor an der Uni Münster. Mit Kolleg:innen untersucht er seit mehr als einem Jahrzehnt als wissenschaftliches "Hobby-Projekt" die Fußball-Bundesliga unter statistischen Aspekten.

Stand: 13.04.2021, 14:59

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