Trainer als Minijobber - fragwürdige Bezahlpraxis

Sport inside - Sendung vom 14.03.2021 sport inside 14.03.2021 28:14 Min. UT Verfügbar bis 14.03.2022 WDR

Bund Deutscher Fußball-Lehrer übt Kritik

Trainer als Minijobber - fragwürdige Bezahlpraxis

Von Matthias Wolf

Der Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) übt scharfe Kritik an der Bezahlung von Trainern in Nachwuchsleistungszentren (NLZ) in der Bundesliga.

"Mit Erstaunen und großer Sorge", sagte BDFL-Präsident Lutz Hangartner, habe er den Bericht des WDR-Hintergrundmagazins Sport inside zur Kenntnis genommen, wonach viele Trainer ausgerechnet in den wichtigsten deutschen Talentschmieden auf 450-Euro-Basis arbeiten. "Warum wird in ausgerechnet diesem Bereich gespart, wo doch oben teilweise so viel Geld vorhanden ist?"

Minijobber offenbar die Regel unterhalb der U13

Sowohl betroffene Trainer als auch ein Rechtsanwalt, der Trainer des FC Bayern München vertritt, hatten gegenüber Sport inside sogar mögliche Mindestlohn-Verstöße angeprangert. Die Trainer berichteten von Arbeitswochen mit mindestens 25 bis 30 Stunden, oft auch 40 Stunden für Minijobber. Erlaubt sind für geringfügig Beschäftigte 48 Stunden im Monat. Sport inside hatte Trainer aus mehreren Vereinen interviewt.

Diese Bezahlpraxis wird vor allem im Bereich unterhalb der U13 angewendet, wo es bei den Bundesligisten nur wenige festangestellte Trainer gibt. Die oft hochqualifizierten Übungsleiter haben aber ein breites Arbeitsspektrum über das Training und die Analyse hinaus. Dazu kommen Scouting, Elterngespräche, Turnierreisen und damit verbundene große Verantwortung. Dass diese Minijobber-Regelung offenbar häufig vorkommt, ergab auch eine Umfrage von Sport inside unter allen 36 Nachwuchsleistungszentren in Liga eins und zwei.

BDFL-Präsident Hangartner hat kein Verständnis

Lutz Hangartner

Hangartner kündigte an, diesbezüglich auch mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) ins Gespräch gehen zu wollen, die sich zu den Sport-inside-Recherchen nicht geäußert hatte. "Die DFL sollte den Posten Bezahlung der Trainer bei ihrer alljährlichen Prüfung der Nachwuchsleistungszentren im Rahmen der Lizenzierung mit aufnehmen", forderte der BDFL-Präsident.

"Sollten die dort dargelegten Tatsachen repräsentativ sein, fällt es mir schwer, dafür Verständnis aufzubringen“, so Hangartner zum Bericht von Sport inside: "Seit vielen Jahren wird im deutschen Fußball die Devise propagiert, dass die besten Trainer:innen im Kindes- und Jugendalter eingesetzt werden sollen, in der Erkenntnis, dass in dieser Entwicklungsphase all die Grundlagen gelegt werden, die später auf Topniveau gebraucht werden." Um diese umzusetzen müsse man "mehr hauptamtliche Trainer anstellen, die auch angemessen honoriert werden".

Derzeit, so Hangartner, werde eine umfassende Ursachenforschung betrieben, warum der deutsche Fußball nicht mehr die erhoffte Zahl an Talenten hervorbringt. "Aus meiner Sicht sollte auch diese Problematik mit den Löhnen unter die Lupe genommen werden, denn sie kann ebenso ein Mosaikstein für die festgestellte Fehlentwicklung sein."

Falsche Angaben auf den Stundenzetteln

Die Trainer aus verschiedenen Vereinen gaben an, sie hätten teilweise falsche Angaben auf ihren Stundenzetteln machen müssen, um die Mindestlohn-Vergehen nicht offensichtlich werden zu lassen. In die Kritik gerät dabei einmal mehr auch die Nachwuchsförderung von Rekordmeister FC Bayern München. Trotz 700 Millionen Euro Jahresumsatz und alljährlich satten Gewinnen gibt es am Bayern-Campus nach WDR-Recherchen eine große Anzahl von Minijobbern.

Ein Bayern-Trainer äußerte sich so: "Thema Mindestlohn. Dann gab es eine große Besprechung mit allen Leuten, die davon betroffen sind. Es waren bestimmt 20, 25. Da hat sich dann der der Leiter vorne hingestellt, abgesichert von der Rechtsabteilung, und hat uns vorgerechnet, dass wir weit über Mindestlohn sind, weil wir unter der Woche jeweils dreimal pro Woche Training haben. Die können wir als zwei Stunden aufschreiben. Und dann der Clou: Man reist irgendwo nach Berlin oder London, ist da drei Tage mit den Kindern komplett zusammen und schreibt 80 Minuten Nettospielzeit auf." Der FC Bayern ließ eine Anfrage zu den Vorwürfen unbeantwortet.

Kritik übt unterdessen auch die Vereinigung der aktiven Fans, Club Nr. 12, der sich bereits zum Rassismus-Skandal am Bayern-Campus klar positioniert hatte. "Ich empfinde es den Mitarbeitern vor Ort gegenüber schlicht und ergreifend als ungerecht. Die Mehrheit der Mitarbeiter und Trainer im Jugendbereich des FC Bayern leisten seit Jahren sehr gute Arbeit. Diese müssen immer wieder auch für Fehler in der Führungsebene geradestehen und bekommen Kritik auch für Fehler ab, die an anderer Stelle oder durch andere Personen passiert sind", so der Sprecher des Club Nr. 12, Alexander Fischer. "Dafür sollten sie auch angemessen bezahlt werden."

FC Bayern Campus: Rassismus-Skandal, Aufarbeitung, Folgen

WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 13.03.2021 50:40 Min. Verfügbar bis 07.03.2041 WDR 5


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Sieben Vereine reagieren nicht auf Anfrage

Klar ist hingegen, dass der FC Bayern kein Einzelfall ist. Sport inside hat alle Nachwuchsleistungszentren der 36 Profiklubs angefragt. Dabei ging es unter anderem darum, wie viele Minijobber am jeweiligen NLZ beschäftigt werden, und ob die Vereine der Ansicht sind, dass ein Jugendtrainer den an einem Leistungszentrum üblichen Aufwand in den gesetzlich erlaubten 48 Stunden im Monat und unter Einhaltung der Mindestlohn-Vorgaben ausüben kann.

Gar keine Antwort auf die Fragen von Sport inside kam aus den Nachwuchsleistungszentren von Bayern München, Schalke 04, Union Berlin, 1. FC Köln, Erzgebirge Aue, VfL Bochum und Holstein Kiel. Absagen, wonach man sich zu Personalfragen nicht äußern wolle, kamen von Borussia Dortmund, Werder Bremen, Mainz 05, SC Freiburg, Arminia Bielefeld, VfB Stuttgart, VfL Wolfsburg, VfL Osnabrück, Jahn Regenburg, SV Sandhausen, Würzburger Kickers, Fortuna Düsseldorf. Eine Auswahl der Antworten der anderen Klubs finden Sie hier.

Zum offiziellen Budget im Nachwuchsbereich, also wie viel man sich das NLZ kosten lässt, machte lediglich der FC Heidenheim eine Angabe. Dort beträgt das Budget am Nachwuchsleistungszentrum demnach 1,6 Millionen Euro.

Hinweis: In einer früheren Version hieß es, dass der FC Heidenheim nicht geantwortet habe. Tatsächlich haben wir keine Antwort des Klubs erhalten, allerdings war unsere Anfrage wegen einer falschen E-Mail-Adresse nicht beim FC Heidenheim eingegangen. Der Verein antwortete nun am Mittwoch (17.03.2021) ausführlich auf unsere Fragen. Anders als die anderen Klubs machte der FC Heidenheim auch Angaben zum Budget des NLZ. Diese Antwort ist nun in den letzten Satz eingeflossen.

Stand: 18.03.2021, 10:28

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