Warum so wenige Bundesliga-Vereine einen fest angestellten Arzt haben

 Behandlungspause: Leipzigs Yussuf Poulsen, Physiotherapeut Niklas Albers und Teamarzt Dr. Robert Percy Marshall

Sportmedizin bei Topklubs

Warum so wenige Bundesliga-Vereine einen fest angestellten Arzt haben

Von Frank Hellmann

Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig haben seit dieser Saison einen Arzt in Festanstellung. Die medizinische Rundumversorgung bietet aus Sicht der Vereine viele Vorteile. Es gibt aber auch einen prominenten Kritiker.

105 Minuten vor Beginn jeder Einheit haben sich die Profis von RB Leipzig im Trainingszentrum am Cottaweg einzufinden. Der Zeitkorridor ist nicht nur für ein gemeinsames Frühstück reserviert, der erste Weg führt auch zum Leistungsdiagnostiker Dominik Cegla. Denn jeder Spieler muss einen Fragebogen ausfüllen, in dem er täglich seine Stimmung oder sein Energiegefühl auf einer Skala verortet. Auch eine Angabe über die Dauer des Schlafes gehört dazu.

Damit ist es aber noch nicht getan: Zusätzlich wird anhand einer Blutabnahme der Creatin-Kinase-Wert (cK-Wert) bestimmt, der Rückschlüsse auf den Trainingszustand erlaubt. Und erst wenn die Physiotherapeuten die Muskulatur ertastet haben, kommen die Athletiktrainer mitsamt Cheftrainer Ralf Rangnick ins Spiel: Dann wird festgelegt, wieviel Training jeder einzelne Sportler verträgt.

Früher gelaufen bis der Arzt kommt

Der Fußballlehrer fungiert wie eine übergeordnete Entscheidungsstelle. Nichts ist ärgerlicher als eine Muskelverletzung infolge falscher Trainingssteuerung. Rangnick erschrickt beinahe, wenn er auf seine Anfangszeit beim SSV Ulm 1846 zurückblickt  - denn damals hat er seine Spieler im wahrsten Sinne des Wortes so lange auf die Tartanbahn geschickt, bis der Arzt kam. "Damals war Rolf Baumann (Bruder des Leichtathletik-Olympiasiegers Dieter Baumann, Anm. d. Red.) einfach so lange mit den Jungs laufen, bis sie nicht mehr konnten."

Aus seiner Sicht ist es unabdingbar, dass zur professionellen Rundumversorgung auch ein Mannschaftsarzt gehört, der ständig verfügbar ist. "Wir haben im ersten Champions-League-Jahr gemerkt, dass dies besser ist. Gerade wenn man international spielt, braucht man aus meiner Sicht einen hauptamtlichen Arzt", erläutert der innovativ denkende 60-Jährige.

Nicht mehr auf mehreren Hochzeiten tanzen

v.l.: Cheftrainer Ralf Rangnick (RB Leipzig), Teamarzt Dr. Robert Percy Marshall und Mannschaftsarzt Dr. Frank Striegler.

v.l.: Cheftrainer Ralf Rangnick (RB Leipzig), Teamarzt Dr. Robert Percy Marshall und Mannschaftsarzt Dr. Frank Striegler.

Diesen Posten besetzt seit Sommer Robert Percy Marshall, der  zuvor für die zweite Mannschaft des Hamburger SV, die sportmedizinische Abteilung des Nachwuchsleistungszentrums und das UKE Athleticum Hamburg gearbeitet hatte. Er sagt: "Wenn man als Arzt in verschiedenen Bereichen eingesetzt wird, kann dies dazu führen, den Fokus zu verlieren. Man tanzt auf zu vielen Hochzeiten."

Nun beschränkt sich der 38-Jährige auf einen Kreis von weniger als 30 Athleten. Das Vertrauensverhältnis ist enger, der Kontakt individueller. Rangnick:  "Es geht vor allem darum, Verletzungen zu vermeiden. Wer entscheidet, ob ein Spieler mit einer Erkältung oder einer Muskelverhärtung trainiert?" Dafür sei ein dauerhaft anwesender Arzt wichtig, "mit ihm haben wir auch für die Physiotherapeuten rund um die Uhr einen Ansprechpartner".

Auch am Niederrhein greift dasselbe Modell

Genau denselben strukturellen Umbau hat auch Borussia Mönchengladbach vorgenommen. "Wir wollten uns im medizinischen Bereich den Entwicklungen anpassen und besser aufstellen", erklärt Sportdirektor Max Eberl in der  "Sportärztezeitung“. In den vergangenen zwei Jahren hätte es "größere Probleme mit Verletzungen unserer Spieler gegeben, was uns sportliche Probleme bereitete." Denn: "Der teuerste Spieler ist der, der lange verletzt ist und uns nicht zur Verfügung steht."

Für die Fohlenelf arbeitet in Festanstellung nunmehr Ralf Doyscher, der vergangene Saison noch die Doppelbelastung als Teamarzt von Union Berlin und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie der Charité Berlin auf sich nahm. Glücklich war auch er damit nicht: "Bei dem steigenden Kostendruck im deutschen Medizinsystem ist es dann schnell passiert, dass der Spagat dazu führt, dass beide Seiten mit der Arbeit unzufrieden sind."  

In Gladbach hat Trainer Dieter Hecking die Qual der Wahl

Der 34-Jährige sieht den Vorteil nun in einer besseren Kommunikation und weniger Wartezeiten. Doyscher: "Verletzungen zu verhindern oder die Wahrscheinlichkeit ihrer Entstehung zu senken, ist die Königsdisziplin der Sportmedizin und Sportwissenschaft. Dass dies nur als Teamleistung möglich ist, muss dabei jedem klar sein. Nur die enge Abstimmung von Trainern, Sportwissenschaftlern, Physiotherapeuten und Mannschaftärzten kann dazu in der Lage sein." Wegen der geringen Verletzungsquote hatte Gladbachs Cheftrainer Dieter Hecking im ersten Saisondrittel eine so üppige Personalauswahl, dass er häufiger die vielen Härtefälle in seinem Kader erwähnte. Ein Luxusproblem.

Weder am Niederrhein noch bei den Sachsen bringen die Verantwortlichen die aktuell gute Tabellenplatzierung in direkten Zusammenhang mit diesen Maßnahmen. Aber dass an den richtigen Stellschrauben gedreht worden ist, dafür gibt es zahlreiche Indizien, auch wenn sich ein Fall wie Mamadou Docouré – das Gladbacher Talent erlitt kürzlich das vierte Mal in seiner Karriere einen Muskelbündelriss - damit nicht völlig ausschließen lässt. "Wir haben einiges verändert und sind mit den ersten Ergebnissen sicher zufrieden", sagt Eberl. "Aber es ist sicher noch zu früh, um schon ein abschließendes Urteil zu fällen. Klar ist aber, dass wir auf der Höhe der Zeit bleiben müssen."

Experte will den Stellenwert des Mannschaftarztes erhöhen

Für Robert Erbeldinger, den Herausgeber der "Sportärztezeitung“, ist es unabdingbar, dass in der Fußball-Bundesliga der Fokus auf diesen Bereich verstärkt wird. "Die hohe Zahl der Muskelverletzungen im Profibereich, aber auch in der Jugend zeigt, dass unter anderem der Austausch zwischen Trainerteam, Sportdirektoren, Ärzten und Physiotherapeuten noch verbessert werden könnte."

Robert Erbeldinger über den "Stellenwert der Sportmedizin" im Fußball

Sportschau | 03.12.2018 | 04:34 Min.

Auch die angesehene britische Expertenzeitschrift "British Journal of Sports Medicine" (BJSM) stellt bei einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie einen solchen Zusammenhang her. Kernaussage: Die Qualität der Kommunikation zwischen dem medizinischen Team und dem Chefcoach bestimmt die Verletzungsrate und Einsatzfähigkeit der Spieler in den Spitzenklubs. Die Ergebnisse wurden unter 36 Profiklubs aus dem Elitebereich in 17 Ländern ermittelt.

Der Sportwissenschaftler Erbeldinger warnt davor, dass es in der modernen Sportmedizin nicht allein "um Performance-Steigerung" gehen dürfe. Es sei unabdingbar, dass im Profifußball "gerade die Bereiche Ernährung, Regeneration und Prophylaxe noch einer grundlegenden Optimierung bedürfen." Dabei will Erbeldinger keinen Weg vorschreiben, wenn er anmahnt, der Regeneration endlich den notwendigen Raum zu geben. "Wir können nicht jeden in die Eistonne zwingen, aber wir sollten die Sinne für das Thema schärfen." Und so begrüßt es der 40-Jährige auch ganz generell, "wenn der Stellenwert des Mannschaftsarztes steigt".

Tim Meyer warnt vor zu großer Abhängigkeit

Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer trägt allerdings erhebliche Bedenken gegen eine hauptamtliche Vollzeitbeschäftigung von Ärzten durch Vereine vor. Zum einen halte er es für wichtig, "dass man als Arzt auch den Nicht-Leistungssportler und Otto-Normal-Patienten sieht, um einen offenen Blick zu haben für andere Erkrankungen und medizinische Entwicklungen", erläuterte Meyer im "Kicker". Zum anderen erzeuge ein solches Verhältnis eine stärkere Abhängigkeit vom sportlichen Erfolg. "Wer absteigt, wird möglicherweise entlassen, weil der Klub sich in der 2. Liga keinen hauptamtlichen Arzt mehr leisten kann."  

Für gefährlich würde es der Vorsitzende der medizinischen Kommission des DFB gar halten, sollten die Ärzte an Prämien beteiligt werden. Stichwort: Anti-Doping-Kampf. "Ich unterstelle niemandem, dass er dopt, aber ich finde es kein gutes Zeichen, wenn ärztliches Handeln materiell am sportlichen Erfolg hängt." Der am Institut für Sport und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes beschäftigte Meyer sagt: "Mir ist natürlich klar, dass Vereine an einer festen Anbindung ein gewisses Interesse haben könnten. Präsenz, Verfügbarkeit und mögliche Einflussnahme sind Punkte, die aus Vereinssicht kaum von der Hand zu weisen sind." Doch bei ihm überwiegt die Skepsis gegenüber den neuen Modellen in Leipzig und Mönchengladbach.

Stand: 04.12.2018, 09:23

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