Fanforscher: "Fußballfans werden sich millionenfach abwenden"

Vereinzelte Fans im Stadion in Dresden

Fußball | 3. Liga

Fanforscher: "Fußballfans werden sich millionenfach abwenden"

Von Patrick Franz

Kommen die Zuschauer nach Corona zurück in die Stadien? Fanforscher haben Zweifel, ihre Meinungen gehen aber weit auseinander. Woran sich die Frage entscheidet, da sind sie sich einig. Drei Szenarien scheinen möglich.

Trotz sechs Monaten Pause wurden die im Spätsommer wieder zugelassenen Besucherkapazitäten bei Sportveranstaltungen oft nicht erreicht. Zum Drittliga-Auftaktderby zwischen Magdeburg und Halle kamen 5.200 bei genehmigten 7.500 Zuschauern, bei Halle gegen Ingolstadt waren es eine Woche später 2.428 statt 3.200 Fans. Und Publikumsmagnet Dynamo Dresden schaffte es bei 999 erlaubten Ticketverkäufen gegen Meppen im Oktober nur 820 Karten an seine Fans zu bringen. In Vor-Corona-Zeiten pilgerten regelmäßig über 27.000 Anhänger zu den Schwarz-Gelben, beim Sachsen-Anhalt-Duell waren es früher an die 20.000 Schaulustige. Bundesweit gab es ähnliche Effekte. Wie lässt sich das erklären? Der MDR hat mit zwei renommierten Fanforschern gesprochen.

Zwei gegenteilige Thesen: Abwendung ...

Prof. Harald Lange

Gerade für den Fußball prophezeit Prof. Harald Lange von der Universität Würzburg Nachwirkungen. "Einerseits gab es die Ansteckungsangst kombiniert mit der Skepsis gegen Hygienemaßnahmen, andererseits sind die Fußball-Fans genervt – und zwar nicht nur die Ultras, sondern das negative Image der großen Lenker im Fußball greift um sich", meint der 52-Jährige. "So merken die Anhänger quer über alle Tribünen-Bereiche hinweg, dass eine große Differenz zwischen ihrer Lebenswirklichkeit und dem abgehobenen Profifußball liegt. Sie werden ihre Leidenschaft zurückfahren und sich abwenden – und das millionenfach."

Fans ... werden ihre Leidenschaft zurückfahren und sich abwenden – und das millionenfach. Prof. Harald Lange |

... gegen Ansturm

Gunter A. Pilz

Eine fast gegenteilige Ansicht vertritt der Sportsoziologe Prof. Gunter A. Pilz. "Keiner hat viel Spaß, wenn er Hygiene- und Abstandsregeln einhalten muss. Das Spiel kann man auch im Fernsehen verfolgen, die Attraktion am Stadionbesuch ist die Anwesenheit in der Masse, das Mitfeiern und sich mitreißen lassen. Das ist weg und von daher ist es für die Leute kaum interessant", meint der langjährige Hochschulprofessor. "Sobald die Auflagen nicht mehr nötig sind und es wieder Bier und Bratwurst gibt, werden die Stadien wieder voll sein. Ich würde sogar meine Haut verwetten, dass Fans aller Sportarten ihren Vereinen erst recht die Bude einrennen."

Ich würde sogar meine Haut verwetten, dass Fans aller Sportarten ihren Vereinen erst recht die Bude einrennen. Prof. Gunter A. Pilz |

Geisterspiele im Eishockey zeigen: Intensität geht verloren

Eishockey DEL2 Testspiel für die Saison 2020-2021 Bayreuth Tigers gegen Dresdner Eislöwen

Auch für Handball, Eishockey und Basketball sieht Prof. Harald Lange die Lage durch die Geisteratmosphäre potentiell brisanter. "Ohne Zuschauer ist die Hingabe und Leidenschaft der Akteure nicht dieselbe. Das nagt an der Attraktivität", meint er. Eine erste Statistik aus der DEL2 stützt diese These. So gab es bei Eishockey vor leeren Rängen weniger Strafzeiten. Bei den Dresdner Eislöwen sank der durchschnittliche Wert 14,3 Strafminuten in allen 617 Zweitliga-Spielen auf nur noch 8,9 Minuten pro Partie in dieser Saison. Auch die Vergleichswerte der Lausitzer Füchse (gesamt 14,7, jetzt 11,3 Minuten) und der Eispiraten Crimmitschau (16,2/7,6) nahmen ab.

Pilz räumt ein: "Bei Hallensportarten, wo die Menschen dichter dran sind, gehen die Emotionen noch mehr über. Da kann es durchaus sein, dass der Anreiz für fast schauspielreife Schlägereien geringer ist. Aber das Entscheidende ist: Sobald die Geisterspiele vorüber sind, ist es nicht mehr langweilig." Lange hingegen erklärt: "Das Experiment, das wir vor leeren Rängen gerade vorgeführt bekommen, zeigt, dass die inszenierte Form den Sport besonders macht. Es kann in verschiedenen Mannschaftsportarten unterschiedliche Konsequenzen haben. Das kann zu einer Entwöhnung kombiniert mit dem Faktor der Enttäuschung führen und so zu einer Turbo-Entwicklung kommen. Dadurch müssen Sportvereine in Zukunft gegebenenfalls mehr um Zuschauer buhlen."

Lange: "Beim Fußball dominieren die Werte des Kommerz"

Blick auf den K-Block, mit Zoom-In-Effekt, der SG Dynamo Dresden

Vor allem beim Fußball bleibt Lange pessimistisch: "Die Schere zwischen den Fans, die auf Tradition, Werte und sportliche Chancengleichheit setzen, und denen, die mit Fußball einfach nur Geld maximieren wollen, wird immer größer. Das ist eine riesiger Wertekonflikt, woraus dramatische Folgen drohen." Der Wissenschaftler sieht sich in zahlreichen Beispielen bestätigt.

Die seit Jahren verwässerte Aufstiegsregelung von fünf Regionalligen für vier Aufsteiger in die 3. Liga, die eigens geäußerte Unkenntnis von DFB-Direktor Oliver Bierhoff über die schwierige Lage im Ostfußball sowie der quarantänebegünstigte Abstieg von Dynamo Dresden, die acht überlebenswichtige Partien in 22 Tagen absolvieren mussten, zählen hierzu. Lange betont: "Der Fall Dynamo ist ein Musterbeispiel. Die Werte des Sports werden ganz bewusst auf den Kopf gestellt, es wird sich ausschließlich an Werten des Kommerz orientiert. Dadurch geht es auf Kosten von anderen, die auf sportlichem Weg betrogen werden. Das löst massive Ungerechtigkeitsgefühle aus, schwächt insgesamt den Wettbewerb." Auch im Fokus: Die ungleichmäßige Verteilung von TV-Geldern machte innerhalb der ersten Bundesliga 2019/20 zwischen Paderborn (12,9 Mio. Euro) und Bayern München (70,64 Mio. Euro) etwa 58 Mio. Euro Unterschied aus, wobei die Top-Teams in der Champions League nochmal satt dazuverdienen. Aus Langes Sicht unterläuft das die nötige Chancengleichheit.

Taskforces werden zum Zünglein an der Waage

Trotz ihrer Unterschiede sind sich beide Fanforscher in einer Sache einig. Sie ordnen die Vermittlungsleistung bei den in DFB (für die 3. Liga) und DFL (für 1. und 2. Liga) gegründeten Taskforces zur Zukunft des Profifußballs als entscheidend ein. Pilz sagt: "Wenn man in den Arbeitsgruppen keine zukunftsfähigen Konzepte entwickelt, könnte es einen Einbruch geben. Aber ich bin da zuversichtlich." Lange kritisiert allerdings den Stil deren Arbeitsweise: "Man hört gar nichts von den Taskforces, dabei brauchen wir eine öffentliche und hart geführte Debatte über die Fehlentwicklungen im Fußball.  Das müssten Denkfabriken werden, wo es richtig kracht. Stattdessen wird der notwendige Diskurs über Werte im Fußball zum Papiertiger." Für Pilz, der selbst Berater beim DFB für "Gesellschaftliche Verantwortung und Fanbelange" ist, ist diese Position haltlos: "Die Fangruppierungen sind dort stimmberechtigt vertreten. Man muss sich doch hinter verschlossenen Türen intensiv austauschen und dann mit Ergebnissen an die Öffentlichkeit treten, sonst würde das ein Tohuwabohu werden."

Vielmehr eröffnet der 75-Jährige die Möglichkeit eines dritten Szenarios. "Wenn die Fans unzufrieden sind, so werden sie dies danach kundtun. So kennt man die organisierte Fanszene und das ist auch legitim." Das heißt die Anhänger kämen wohl zurück ins Stadion, jedoch um eine neue Protestwelle loszutreten. Es wird also spannend: Einbruch, Ansturm oder Massenproteste im Stadion.

Was sagen die Fans?

Stefan Lehmann, Ex-Vorsänger im Dresdner K-Block und bekanntes Gesicht in der Ultra-Szene, meinte zuletzt auf der Dynamo-Homepage: "Wenn im Stadion nichts los ist, ist der Fußball wirklich nur ein sinnloses Produkt, was dann in meinen Augen kaum noch eine Daseinsberechtigung hat. Der Fußball verliert gerade sehr, sehr viel. Und ich glaube, dass sich die Stadien nach der Krise nicht mehr von allein füllen werden, weil die Menschen sich in der Zwischenzeit in ihrem Privatleben neu orientiert haben werden." Fakt: Die Profivereine sind derzeit gut beraten, in die eigene Fanbindung zu investieren…

MDR | Stand: 30.11.2020, 18:30

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