DFB - der Streit um Manuel Gräfe

Bundesliga-Schiedsrichter aus Berlin: Manuel Gräfe.

Debatte um Schiedsrichter-Altersgrenze

DFB - der Streit um Manuel Gräfe

Von Olaf Jansen

Mit 47 ist Schluss als Bundesliga-Schiedsrichter - am Saisonende müssen Manuel Gräfe, Markus Schmidt und Guido Winkmann ausscheiden. Gräfe würde aber gern weitermachen. Eine Diskussion über die Altersgrenze.

Als kürzlich die Bundesliga-Manager tagten, kam laut "Kicker" das Thema Manuel Gräfe auf den Tisch. Bei der digitalen Konferenz war auch Lutz Michael Fröhlich zugeschaltet. Der DFB-Schiedsrichter-Chef wurde gefragt, ob man die beiden deutschen Top-Schiedsrichter Deniz Aytekin und Gräfe im brisanten Saison-Endspurt nicht öfter einsetzen könne.

Generell werden aktuell an zwei hintereinander folgenden Bundesliga-Spieltagen 18 verschiedene Schiedsrichter angesetzt. Auch die Top-Schiris kommen so auf maximal 17 Einsätze pro Saison.

Gräfe und Aytekin - in der Bundesliga hoch angesehen

Fröhlich erklärte das noch einmal, musste aber einmal mehr zur Kenntnis nehmen: Aytekin und Gräfe sind bei den Profis die mit Abstand am höchsten angesehenen Referees. Aber einer von beiden wird in knapp vier Wochen wohl ausscheiden: Manuel Gräfe hat sein 47. Lebensjahr erreicht. Das ist die Altersgrenze für Bundesliga-Schiris.

Gräfe würde aber gern noch weiter pfeifen. Er sagt: "Ich spüre das Vertrauen von Lutz Michael Fröhlich und bekomme nach wie vor viele positive Rückmeldungen aus der Bundesliga von den Managern, Trainern und Spielern."

Ein Schiedsrichter pfeift während eines Spiels

Gräfe berichtet: "Ich höre oft, dass es nicht sein könne, dass ich nun nur aufgrund einer vor Jahrzehnten vom DFB festgelegten Altersgrenze aufhören soll. Offenbar schätzt man meine Leistungen sowie die Art und Weise meiner Spielleitungen, wie es zuletzt auf der Managertagung thematisiert wurde, sodass etliche es offensichtlich begrüßen würden, wenn ich weiterhin und sogar noch häufiger als Schiedsrichter zum Einsatz käme. Das freut mich sehr. Aufgrund der bestehenden DFB-Regelung war ich auf einen Abschied am Ende dieser Saison eingestellt. Allerdings bereiten mir die Spiele auch trotz der Schwierigkeit der Aufgabe nach wie vor sehr viel Freude, so dass ich mir - wenn der DFB dieses ermöglicht - auch vorstellen könnte weiterzumachen."

"Platz machen für die Jüngeren" - DFB-Altersgrenze liegt bei 47

Über die Altersgrenze wird schon seit Jahren gestritten, die Problematik ist bekannt: Beim DFB ist man der Meinung, mit 47 seien die Durchschnittswerte bei Fitness und Reaktionsvermögen so stark eingeschränkt, dass die Referees dem hohen Bundesliga-Tempo nicht mehr ausreichend gewachsen sind.

Man will mit dieser Altersgrenze auch Platz machen für den nachdrängenden Nachwuchs. In diesem Sommer "erwischt" es demnach neben Gräfe zwei weitere erfahrene Referees, die die Pfeife an den Nagel hängen müssen: Guido Winkmann und Markus Schmidt.

"Die Besten sollten auf dem Platz stehen"

Gräfe will sich damit aber nicht abfinden: "Die Schiedsrichterei hat sich in den letzten Jahren in vielen Bereichen rund um das Feld wie zum Beispiel beim Trainerstab, den Physiotherapeuten sowie der Administration positiv weiterentwickelt und auch dadurch hat sich die körperliche Leistungsfähigkeit der Schiedsrichter verbessert. Bis jetzt fühle ich mich persönlich fit und konnte selbst dem hohen Tempo aller schnellen Top-Spiele diese Saison, die mir wie zum Beispiel BVB-Bayern und zuletzt auch BVB-Frankfurt übertragen wurden, problemlos folgen."

Gräfe meint: "Natürlich müssen sich auch jüngere Schiedsrichter entwickeln können, aber das benötigt Zeit und ist wie bei einer Mannschaft mit erfahreneren Kollegen um sich herum manchmal sogar einfacher. Es geht meines Erachtens letztlich aber darum, dass die aktuell Besten auf dem Platz stehen. Da die körperliche Fitness endlich ist, ist irgendwann natürlich ohnehin Schluss für die Älteren und so bekommt damit genug starker, nachrückender Nachwuchs seine Chance."

Gräfe: "Altersgrenze flexibler handhaben"

Nach Ansicht des 1,97 Meter großen Referees, der seit 2004 Bundesliga-Spiele leitet, wäre eine flexiblere Handhabung der Altersgrenze zeitgemäß: "In meinen Augen könnte eine flexiblere Regelung sinnvoller sein. Das wird in anderen Ländern auch schon so gehandhabt. In England leiteten Top-Schiedsrichter wie Mike Dean und Martin Atkinson im Alter von fast 53 bzw. 50 Jahren bis zum 31. Spieltag dieser Saison mit 21 und 23 mit die meisten Spiele der Premier League. So lange würde ich sicher nicht amtieren, aber warum nicht zumindest noch ein Jahr, gerade da auch durch Corona vieles anders war?"

Vom DFB wollte sich gegenüber der Sportschau niemand zum Thema äußern - möglicherweise sieht man in Frankfurt zu viel Brisanz im Thema. Schließlich ist Gräfes Können weithin bekannt. Von den Bundesliga-Profis wurde der Berliner in den letzten Jahren stets als der Beste seines Fachs gewählt, erst kürzlich wurde er in dieser Rubrik von Aytekin überholt.

DFB und Gräfe - eine schwierige Beziehung

Aber der DFB und Gräfe - das ist seit einigen Jahren eine schwierige Beziehung. Gräfe gilt als unbequemer Typ, hat schon immer öffentlich auf Missstände aufmerksam gemacht. Gräfe war 2003 maßgeblich an der Aufdeckung des Schiedsrichter-Skandals um Robert Hoyzer beteiligt, im August 2017 erregte er viel Aufmerksamkeit, als er seinen damaligen Vorgesetzten Herbert Fandel und Hellmut Krug in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" Intransparenz bei der Schiedsrichterauswahl vorwarf.

Der DFB drohte ihm mit Sanktionen, sollte er sich noch einmal ohne Rücksprachen mit der Verbandsführung in der Presse äußern. Zudem wird Gräfe seither nicht mehr als Videoschiedsrichter eingesetzt.

Gräfe: "Es muss mehr auf Leistung ankommen"

Gräfe ist sich seiner besonderen Rolle als Kritiker bewusst: "Im Interesse eines professionelleren Schiedsrichterbereichs habe ich vor etlichen Jahren erst intern und später auch extern angeregt, dass es dort noch mehr auf die Leistung ankommen müsse." Diese Leistung definiere sich bei einem Schiedsrichter in erster Linie darin, möglichst wenig Fehlentscheidungen zu treffen.

Zudem spiele wie auch bei anderen Sportlern eine große Erfahrung sowie eine hohe Akzeptanz und eine gute Kommunikation mit möglichst vielen Beteiligten eine immer größere Rolle: "Das ist für die Bundesligen viel wichtiger, als wenn es durch ständige Schiedsrichterdiskussionen immer weniger um das Spiel an sich geht und dem Fußball sowie damit auch dem DFB schadet."

Kuipers macht's vor - Gräfe wartet auf ein Gespräch mit dem DFB

Ein Schiedsrichter lächelt während eines Spiels

Gräfe wartet aktuell auf ein Gespräch mit dem DFB, in seinen Augen drängt die Zeit. Schließlich ist die Saison in gut vier Wochen beendet. Und gerade Corona habe die ganze Diskussion noch einmal um eine weitere Facette erweitert, findet Gräfe: "Da wir seit vielen Monaten ohne Zuschauer amtieren und es weiter danach aussieht, wäre es schade, so aufzuhören. Zudem könnten, wenn es so bleibt, beim letzten Spiel weder die Familie - nicht einmal meine Frau und Kinder - noch Freunde anwesend sein. Aber entscheidender ist natürlich zu prüfen, ob es für den Profi-Fußball nicht von Vorteil wäre, wenn bei entsprechender Leistung Schiedsrichter auch über die jetzige Altersgrenze von 47 hinaus noch amtieren können."

Sollte der DFB also ein "Auge zudrücken" und für Gräfe und Co. zumindest für ein Jahr eine Sonderregelung zukommen lassen? Es gibt Beispiele solchen Vorgehens: Die FIFA, die sonst eine Altersgrenze von 45 Jahren verfolgt, erlaubt dem niederländischen Top-Referee Björn Kuipers momentan noch Einsätze in der Champions League und auch bei der bevorstehenden EURO, obwohl er schon 47 Jahre alt ist. Wegen der Corona-Pandemie.

"Würde gern, muss aber nicht"

Gräfe selbst ist neugierig, was die nächsten Wochen zu diesem Thema bringen: "Ich bin da entspannt, denn es gibt einige Anfragen und auch schon konkrete Angebote ab Sommer aus den unterschiedlichsten Bereichen. Gespräche mit dem DFB auch zu diesem Thema stehen noch aus. Ich würde mich freuen, wenn alles zeitnah in einem konstruktiven Miteinander und im Interesse des Fußballs besprochen werden würde."

Stand: 15.04.2021, 09:30

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