Die Liga lechzt nach mehr Bodenhaftung

Arjen Robben telefoniert auf dem Bayern Gelände

Neuer Bundesliga-Trend

Die Liga lechzt nach mehr Bodenhaftung

Von Frank Hellmann

Weniger Vermarktung, weniger Selbstdarstellung: Die Bundesliga will einen Kontrapunkt zur Nationalmannschaft setzen. Borussia Dortmund und Bayern München sind dabei Vorreiter. Wie viel Aktionismus ist bei den Maßnahmen dabei?

Wer das Instagram-Profil bei Mario Götze durchforstet, dem fällt sofort ins Auge, dass sich hier Privatperson und Berufsfußballer darstellen: Das innige Verhältnis zu seiner Partnerin Ann-Kathrin Brömmel, die sich beide auch durch dunkle Sonnenbrillen dieser Tage so anschauen, als seien sie frisch verliebt, wird nämlich genauso ausdrücklich betont wie seine Tätigkeit als Profi bei Borussia Dortmund.

Da gab es zuletzt den 2014er Weltmeister mit dem Ball am Fuß, mit der BVB-Legende Dede oder beim Training mit Kumpel Marco Reus. Was es nicht mehr gibt: Götze und ein Foto aus der BVB-Kabine.

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Statt dessen: Auf einem Bild stecken Götze und Kollegen in einem Pool mit Eiswürfeln, auf einem anderen feixen sie vor dem Mannschaftsbus, auf dem nächsten schwitzen sie auf dem Platz. Aber die Umkleide ist neuerdings tabu. Davon sehen nämlich 8,7 Millionen weltweite Instagram-Abonnenten nichts mehr. Eine Tatsache, die erst seit kurzem zustande gekommen ist. Und offenbar auf eine klare Ansage des neu installierten Leiters der Lizenzspielerabteilung, Sebastian Kehl, zurückgeht.

Kehl will Bewusstein schärfen

Disziplin, Respekt und Bodenständigkeit will der ehemalige Kapitän beim BVB in der Zukunft wieder in den Fokus rücken: "Wir wollen bei den Spielern eine Bewusstseinsveränderung erreichen." Das "Wir"-Gefühl soll wieder in den Vordergrund rücken, dafür ist der 38-Jährige eigens als Bindeglied zwischen Vereinsführung und Mannschaft eingesetzt worden. Denn wenn es eine Lehre aus der Vorsaison gab, in der die Schwarz-Gelben auf der allerletzten Rille liefen, um den Champions-League-Rang zu verteidigen, dann diese: Ohne die Rückbesinnung auf klare Verhaltensregeln wird das fußballerische Potenzial dieses Kaders nicht zum Tragen kommen.

Eine Erkenntnis, die bei den Westfalen weit vor der WM in Russland reifte. Doch die Versäumnisse, die die Nationalmannschaft zum Gegenstand emotionaler Grundsatzdiskussionen werden ließen, streifen nun auch auf die Bundesliga ab. Wie viel Selbstinszenierung verträgt der Profifußball? Wie viel Eigen-PR der Stars ist erlaubt? An welcher Stelle ist weniger vielleicht mehr?

Der Grat ist schmal

In Dortmund haben sie derlei Fragen glücklicherweise vor der missratenen Mission Titelverteidigung beantwortet und von ihren Spieler mehr Identifikation mit dem Job und dem Verein eingefordert. Kehl: "Wir haben klare Regeln aufgestellt. Unter anderem sind Verspätungen, die Sprache und die Handynutzung wichtige Aspekte für uns. Wir werden wieder mehr und nachhaltiger Wert auf die Details legen."

Soziale Netzwerke sollen und dürfen die Spieler bedienen und natürlich können und müssen die eigenen Sponsoren bedient werden, aber alles soll mit mehr Augenmaß stattfinden. Noch einmal der ehemalige Kapitän: "Die Balance zwischen der Präsenz auf dem Platz und abseits des Platzes muss stimmen." Und auch die Botschaft für die Basis. Einen so törichten Spruch wie "ZSMMN" wird der BVB bestimmt nicht auflegen.

Mario  Götze macht ein Selfie mit einem Fan im Trainingslager

Noch erlaubt: Mario Götze posiert mit einem Fan für ein Selfie

Gleichwohl: Das Vermarktungsrad werden auch die Dortmunder nur schwerlich zurückdrehen, schließlich sind Sponsoring und Merchandising nach den Medienerlösen die wichtigsten Einnahmesäulen. Im ersten Halbjahresfinanzbericht der Saison 2017/2018 trugen Werbung (45,3 Millionen Euro) und Merchandising (19,4) erheblich zur Wertschöpfung bei.

Manuel Neuer hat die Warnsignale erkannt

Noch krasser ist der Global Player FC Bayern in dieser Hinsicht von der Vermarktung abhängig. Zum Rekordumsatz von 640,5 Millionen Euro trugen Sponsoring und Vermarkung (169,4) und Merchandising (96,9) dicke Batzen bei. Vor diesem Hintergrund ist erst einmal erstaunlich, dass ausgerechnet Uli Hoeneß "weniger Selbstvermarktung seiner Profis" will, wie die "Sportbild" berichtet. Der Präsident wolle wieder die familiäre Atmosphäre in den Vordergrund rücken, den Einfluss der Ich-AGs beschränken.

Was eine direkte Lehre aus der WM sein könnte, wo sich der Fokus für den einzelnen Fußballer verlor. Manuel Neuer, Kapitän im Klub wie im Nationalteam, hatte mit seinem Eingeständnis aufhorchen lassen, dass die Mannschaft nie die Einstellung für die WM gefunden habe. Ein Alarmsignal. Vereinskollege Thomas Müller regte an, generell wieder mehr der Mannschaft, den Kollegen und dem Klub zu dienen.

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Das Gute: Mit dem von Eintracht Frankfurt abgeworbenen Trainer Niko Kovac steht ein Prototyp Arbeiter in der Verantwortung. Schwerpunkt: Fußballlehrer. Der in Berlin geborene Kroate, der sich zeit seines Lebens alles hart erarbeiten musste, braucht den Firlefanz nicht. Er ist das Gegenteil des Selbstdarstellers und damit ein glaubwürdiges Vorbild für das Arbeitsethos.

Auf der Massagebank bleibt das Handy aus

So soll es unter Kovac für alle Funktions-, Aufenthalts- und Behandlungsräume ein striktes Handyverbot gehen. Auf der Pritsche bei der Massage liegen und gleichzeitig am Smartphone Nachrichten schreiben, kommt nicht mehr infrage. Kovac sagte der "Sportbild": "Der Handy-Gebrauch in der Umkleide ist in Ordnung, ansonsten aber untersagt. Wenn wir zusammen speisen, sollte es normal sein, dass man miteinander spricht und nicht am Handy herumspielt." Nicht das Foto für die Follower steht vornean, sondern die Kommunikation der Kicker untereinander.

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Dem Vernehmen nach legen mehrere Klubs den Rückwärtsgang ein, um im Miteinander wieder zu den Basics zu kommen. Inwieweit die Vorgänge der DFB-Auswahl dazu beigetragen haben, die Sinne zu schärfen, kann nur gemutmaßt werden. Auch wenn manch eine Maßnahme etwas aktionistisch aussieht: Dass man sich mehr miteinander beschäftigt, sollte für Berufssportler, die nur gemeinsam funktionieren können, nicht der schlechteste Ansatz sein. Zumal es zumindest eine Prise Bodenständigkeit in eine Branche zurückbringt, deren absurd anmutende Geldströme den Vorwurf der fehlenden Bodenhaftung oft gar nicht mehr kontern können.

Stand: 15.08.2018, 12:45

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