Komplimente für RB Leipzig

RB Leipzig jubelt in Berlin

Meisterschaftskampf

Komplimente für RB Leipzig

Von Frank Hellmann

Inzwischen verneigen sich Bundestrainer und Branchenkenner vor einer titeltauglichen Entwicklung bei RB Leipzig. Vorstandschef Oliver Mintzlaff betrachtet die Ausgangslage für den Herbstmeister ohne jeden Übermut.

Das Bedürfnis, die neuen Machtverhältnisse in der Bundesliga zu kommentieren, verspürte Karl-Heinz Rummenigge nicht. Am Dienstag beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) in einer Eventlocation am Stadtrand von Offenbach bat der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern um Verständnis, keine Interviews zu geben.

Lieber vertiefte sich Rummenigge erst in ein Gespräch mit Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund, bald war auch Oliver Mintzlaff von RB Leipzig an der Reihe. Solche Details dürfen vor dem Rückrundenstart als Zeichen der Wertschätzung gelten. Die Konkurrenten der Bayern sind auf Augenhöhe. Und RB Leipzig hat als Herbstmeister sogar noch vier Punkte mehr auf dem Konto. Klar, dass auf den Brauseklub viel Lob herabprasselte.

Der Bundestrainer erklärt die Weiterentwicklung

Mehr als ein Jahrzehnt nach der Gründung im damaligen Erstliga-Brachland Sachsen scheint die Akzeptanz hoch wie nie. Noch immer mögen Fans aus teils nachvollziehbaren Gründen eine Abneigung gegen das Red-Bull-Konstrukt hegen, aber die fußballerische Entwicklung beeindruckt sogar den Bundestrainer.

Joachim Löw ist jedenfalls angetan vom Fortschritt unter Julian Nagelsmann: "Sie haben gute Lösungen mit Ball, deswegen sind sie jetzt für mich ein ernster Meisterschaftskandidat geworden. Sie haben nicht nur die Energie, sondern auch die Erfahrung, um Meister zu werden. Mit der Vorrunde und dem Vorsprung muss man sie auf jeden Fall dazuzählen." Für den 59-Jährigen steht nach den Eindrücken der ersten Halbserie fest, dass der große Wurf schon diesen Sommer gelingen könnte.

Joachim Löw: "Leipzig hat große Fortschritte gemacht" 00:35 Min. Verfügbar bis 15.01.2021

Doch hat der Konkurrent FC Bayern nicht im Vorjahr auch den Sechs-Punkte-Vorsprung von Borussia Dortmund mit spielerischer Leichtigkeit wettgemacht? Mintzlaff betont ausdrücklich, dass der Bayern-Kader "absolute Weltklasse" verkörpere: "Sie haben immer die Power und Erfahrung, um Meister zu werden." Aber: "Wir empfinden die Ausgangslage nicht als Last, sondern wir gehen mit einem extrem positiven Gefühl in die Rückrunde."

Seitdem sich Mastermind Rangnick in den Hintergrund verzogen hat, tritt der ehemalige Langstreckenläufer und Leichtathletik-Manager verstärkt als Sprachrohr in den Vordergrund, ohne großspurige Töne anzuschlagen. Und für vorschnelle Titelträume ist der 44 Jahre alte RB-Macher auch nicht zu haben. "Unser klarer Anspruch ist, die Champions League zu schaffen."

Nagelsmann hält lieber den Ball flach

Julian Nagelsmann und Oliver Mintzlaff im Gespräch

Leipzigs Macher im Gespräch: Julian Nagelsmann und Oliver Mintzlaff

Auch Nagelsmann bleibt bei einer zurückhaltenden Einschätzung ("aktuell sind wir noch nicht gut genug, um Meister zu werden"), um nicht unnötig Druck aufzubauen. Dabei bietet der 18. Spieltag die Option, den Vorsprung sofort zu vergrößern: Während der Tabellenzweite Borussia Mönchengladbach das Auftaktspiel beim FC Schalke 04 (Freitag 20.30 Uhr) bestreitet und der FC Bayern bei Hertha BSC mit dem Big-City-Visionär Jürgen Klinsmann (Sonntag 15.30 Uhr) antritt, hat Leipzig die lösbare Aufgabe gegen Union Berlin (Samstag 18.30 Uhr) zu bewältigen. In dem zum Klassenkampf aufgeladenen Duell gegen die Eisernen hatte RB schon zum Saisonstart die Muskeln spielen lassen.

Und wie potent die Roten Bullen auch abseits des Platzes sind, davon erzählen Verantwortliche des Tabellenvierten Borussia Dortmund, als eben der Konkurrent gleichfalls um die Dienste des Salzburger Sturmtalents Erling Haaland buhlte. Dass Leipzig längst im Konglomerat der titeltauglichen Mächtigen verankert ist, erkennt Gladbachs Sportdirektor Max Eberl mittlerweile ohne neidvollen Seitenhieb an.

Der Klub habe eine "super Entwicklung" genommen, sagt der 46-Jährige im Gespräch mit sportschau.de. Und: "Julian Nagelmann ist ein extrem ehrgeiziger Trainer, unter dem die Mannschaft kreativer und flexibler geworden ist." Viel Geld hätten früher auch andere Vereine zur Verfügung gehabt, führte Eberl aus, "Leipzig macht das großartig".

Max Eberl: "Glaube, dass Leipzig es schaffen kann" Sportschau 15.01.2020 00:18 Min. Verfügbar bis 15.01.2021 Das Erste

Bruchhagen wagt sich an eine Prognose

Dass der Herbstmeister in die seit 2009 bestehende Bayern-BVB-Phalanx bei der Schalenvergabe einbricht, hält auch der langjährige Liga-Funktionär Heribert Bruchhagen für möglich. "Wenn sie sich geschickt durch die Rückserie schlängeln, sind sie am Ende vorn", glaubt der ehemalige Vorstandschef von Eintracht Frankfurt und des Hamburger SV. "Bayern könnte Opfer der dünnen Spielerdecke werden. Die Substanz erscheint mir nicht ausreichend."

Der 71-Jährige möchte seine Prognose vom neuen Meister aus der Messestadt partout nicht als Abkehr von seiner These der zementierten Liga-Verhältnisse verstanden wissen. Denn: "Ich habe immer gesagt, dass Bayern in zehn Jahren acht Mal Meister wird." Aber nimmt sich der Rekordmeister wirklich in 2019/2020 eine Titelpause?

BVB-Präsident Reinhard Rauball hat da seine Zweifel: "Wer glaubt, die Bayern abschreiben zu können, wird eines Tages eines Besseren belehrt werden. Die Bayern werden im Endspurt um die deutsche Meisterschaft mit vorne dabei sein. Ob ganz vorne - das ist eine andere Frage", prophezeite der 73-Jährige.

Stand: 15.01.2020, 12:04

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