Beleidigungen gegen Hopp - Kulturkampf in der Bundesliga

Dietmar Hopp (l.) an der Seite von Karl-Heinz Rummenigge

Fußball, Bundesliga

Beleidigungen gegen Hopp - Kulturkampf in der Bundesliga

Schmähungen gegen Dietmar Hopp und Spiele, die vor dem Abbruch standen - der 24. Spieltag in der Bundesliga war kein guter für den Fußball. Die Frage ist nun, wie es weitergehen soll. Klar ist nur: Am Vorgehen in der Causa Hopp werden sich DFB und DFL messen lassen müssen.

Am Ende eines denkwürdigen Nachmittags sagte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandvorsitzende des FC Bayern, einen Satz, den man wahrscheinlich für immer mit diesem 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga verbinden wird. "Ich muss klar und deutlich sagen: Ich schäme mich für das, was da in der Kurve abgelaufen ist. Ich habe mich bei Dietmar Hopp entschuldigt, aber es gibt eigentlich nichts zu entschuldigen", sagte Rummenigge. Über das Spiel, das die Bayern 6:0 gegen Hoffenheim gewonnen hatten, mochte er nicht mehr sprechen.

Was ist passiert?

In mehreren Stadien kam es zu Beleidigungen gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp. Schiedsrichter Christian Dingert unterbrach die Partie in Sinsheim Mitte der zweiten Hälfte zweimal, nachdem im Bayern-Block beleidigende Transparente gegen Hopp aufgetaucht waren. Eine dritte Unterbrechung hätte einen Spielabbruch zur Folge gehabt. Dazu kam es nicht, doch beide Mannschaften stellten in den noch verbleibenden 13 Spielminuten das Fußballspielen ein und schoben sich stattdessen den Ball im Mittelkreis zu.

Das Spiel von Borussia Dortmund gegen den SC Freiburg wurde ebenfalls unterbrochen, hier war Hopp verbal beleidigt worden. Auch bei den Spielen 1. FC Köln - Schalke 04 und Union Berlin - VfL Wolfsburg gab es Schmähungen gegen ihn. Bereits eine Woche zuvor hatten Gladbach-Fans Hopp im Fadenkreuz gezeigt.

Nun ermitteln der DFB-Kontrollausschuss und auch die Polizei. Die Mannheimer Polizei teilte am Sonntag (01.03.2020) mit, sie habe eine Ermittlungsgruppe gegründet, die sich "aus erfahrenen szene- und ortskundigen Beamten zusammensetzen" werde. Der Polizeipräsident Andreas Stenger sagte: "Den verbalen und nonverbalen Straftätern dürfen wir nicht das Feld überlassen. Deswegen gehen wir gezielt gegen Hass auch auf den Stadionrängen vor und nehmen konsequent die Ermittlungen gegen vermeintliche Straftäter auf."

Wogegen protestieren die Fans?

Gegen die Anwendung der Kollektivstrafe durch den Deutschen Fußball-Bund. Auslöser der Proteste war ein Urteil des DFB-Sportgerichts, das Fans von Borussia Dortmund mit einer Sperre für Auswärtsspiele gegen 1899 Hoffenheim belegt hatte. In den kommenden beiden Spielzeiten müsse der BVB ohne Fan-Unterstützung in Sinsheim spielen, teilte der DFB mit.

Weil Fans der Dortmunder in der Vergangenheit mehrfach mit Schmähungen gegen Hoffenheims Mäzen Hopp aufgefallen waren, hatte der Verband bereits eine Bewährungsstrafe gegen den Klub und seine Anhänger ausgesprochen. Nachdem es im Dezember 2019 bei einem Auswärtsspiel des BVB im Kraichgau erneut zu Beleidigungen gekommen war, setzte der DFB die Bewährungsstrafe aus.

Es wurden also alle BVB-Fans für das Fehlverhalten einzelner bestraft, man spricht von einer Kollektivstrafe - und die ist seit langer Zeit ein Streitpunkt zwischen Fußballfans in Deutschland und dem DFB. Noch im Spätsommer 2017 hatte der Verband auf anhaltende Fanproteste reagiert und mitgeteilt, auf Kollektivstrafen verzichten zu wollen.

Das Urteil gegen Borussia Dortmund werten nun Anhänger im ganzen Land so, dass man sich auf den DFB nicht verlassen könne. "Damit hat der DFB sein Wort, zukünftig von Kollektivstrafen abzusehen, gebrochen", heißt es etwa in einer Stellungnahme der "Schickeria München".

Die Situation sei verfahren, sagt Sig Zelt, der Sprecher der Organisation "ProFans". "Es gibt derzeit keinerlei Anzeichen, dass es sich befriedet. Das alles ist unerträglich - auch für uns", sagte Zelt am Montag (02.03.2020). Es sei alles offen. Er persönlich gehe davon aus, dass es weiter eskaliert.

Warum ist Hopp das Feindbild der Fans?

Dietmar Hopp steht für die Kommerzialisierung des Fußballs, viele Fans und inbesondere Ultras mögen das nicht. Der Milliardär und Mitbegründer des Konzerns SAP hat große Summen aus seinem Privatvermögen investiert und so dazu beigetragen, dass 1899 Hoffenheim längst kein unbedeutender Dorfverein im Kraichgau mehr ist, sondern ein etablierter Bundesligist. Zur Chancengleichheit im Fußball trägt das nicht bei. SAP ist übrigens Premiumpartner des DFB, auch die Bayern verweisen in der Liste ihrer Partner auf die Firma.

Und dann ist da noch die sogenannte 50+1-Regel, die besagt, ein einzelner Geldgeber dürfe keinen entscheidenden Einfluss auf einen Bundesligisten haben. Der Vorwurf, Hopp und Hoffenheim hätten die Regel in der Vergangenheit unterwandert, hält sich hartnäckig. "Wenn ich nur im Entferntesten wüsste, was diese Idioten von mir wollen, dann würde es mir alles leichter fallen, das zu verstehen" , sagte Hopp nach dem Spiel gegen die Bayern.

Doch es geht in dieser Auseinandersetzung nicht nur um Hopp, er ist womöglich nur ein Symbol für all das, was aus Sicht einiger Fans schiefläuft im deutschen Fußball - wie auch der DFB und die DFL. "Alles beim Alten, der DFB bricht sein Wort, Hopp bleibt ein Hurensohn", war im Bayern-Block in Sinsheim zu lesen.

Der Protest hat also eine übergeordnete Ebene, die mit der Person Hopp nur am Rande zu tun hat. Nur ist diese Ebene oft übersehen worden. Es geht auch um die Frage, wem der Fußball gehört und in welche Richtung er sich entwickeln soll. "Die Transparente sind das neueste Kapitel eines Kulturkampfes", hat Zeit Online gerade geschrieben.

Wann wird ein Spiel abgebrochen?

Das ist in der Drei-Stufen-Vorgabe festgehalten worden. Stufe eins tritt in Kraft, wenn der Schiedsrichter auf rassistisches und diskriminierendes Verhalten aufmerksam wird oder darauf aufmerksam gemacht wird. Er ist dann dazu angehalten, das Spiel zu unterbrechen und eine Durchsage bei der Stadionregie zu veranlassen. Anschließend lässt der Schiedsrichter das Spiel fortsetzen.

Stufe zwei: Sollten erneut rassistische oder diskriminierende Beleidigungen zu sehen oder zu hören sein, soll der Unparteiische das Spiel abermals unterbrechen, die Teams vom Feld schicken und anschließend eine weitere Durchsage beauftragen. Im Anschluss ist eine Wiederaufnahme vorgesehen.

Sollte es danach zu weiteren Beleidigungen kommen, kann der Schiedsrichter im dritten Schritt das Spiel abbrechen.

Die UEFA hat dieses Vorgehen nach eigenen Angaben bereits vor über zehn Jahren bei einem Treffen in Litauen verabschiedet. In Deutschland kam die Drei-Stufen-Vorgabe erstmals Mitte Februar zum Einsatz, als es während des Drittligaspiels zwischen Preußen Münster und den Würzburger Kickers zu rassistischen Übergriffen gegen den Spieler Leroy Kwadwo gekommen war.

Wie geht es jetzt weiter?

DFB und DFL müssen sich an ihrem Vorgehen in der Causa Hopp messen lassen. Wenn in Stadien rassistische, sexistische oder antisemitische Gesänge zu hören oder Banner zu sehen sein werden, muss die Drei-Stufen-Vorgabe von nun an immer so konsequent umgesetzt werden wie an diesem Wochenende. Und eben nicht nur dann, wenn das Ziel der Beleidigungen ein Milliardär mit besten Verbindungen zum DFB ist.

Der "Club Nr. 12", der sich als Vereinigung der aktiven Bayern-Fans versteht, distanzierte sich nach dem Spiel gegen Hoffenheim "von den gezeigten Beleidigungen". Allerdings, so heißt es weiter, halte man die Reaktionen für übertrieben: "Gerade in den letzten Wochen hätte es genug rassistische und sexistische Vorfälle in deutschen Fußballstadien gegeben, bei denen man ein Exempel hätte statuieren können."

Vielleicht haben sie sich beim "Club Nr. 12" an jenen Abend Anfang Februar erinnert, als im DFB-Pokal Schalke 04 und Hertha BSC gegeneinander spielten. Als Herthas Verteidiger Jordan Torunarigha während des Spiels nach eigenen Angaben rassistisch beleidigt wurde, griff der Schiedsrichter gar nicht ein. Hinterher sagte er, er habe die Beleidigungen nicht gehört und sei erst mit zeitlicher Verzögerung informiert worden. Später trat Torunarigha vor Wut eine Getränkekiste um und kassierte dafür Gelb-Rot.

Am Dienstag (04.03.2020) spielt Schalke 04 wieder im Pokal, diesmal gegen den FC Bayern. Spannend wird das sicher, natürlich sportlich, aber eben auch mit Blick auf die Vorkommnisse vom Wochenende. Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider sagte: "Man kann darüber diskutieren, ob ein Dreistufenplan sinnvoll ist. Vielleicht brauchen wir einen Einstufenplan: ein Transparent - Spielabbruch!"

red mit sid + dpa | Stand: 02.03.2020, 14:41

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