Schalkes Treue zu Trainer Wagner bröckelt

Schalke-Trainer David Wagner blickt nach der Auftakt-Pleite in München ein wenig ratlos drein

17 Spiele ohne Sieg in Folge

Schalkes Treue zu Trainer Wagner bröckelt

Von Jörg Strohschein

Der Neustart ging völlig daneben: Nach dem Auftaktdesaster beim FC Bayern München gerät Schalkes Trainer David Wagner zunehmend unter Druck. Selbst der bis dato nibelungentreue S04-Sportvorstand Jochen Schneider rückt vom Coach weiter ab.

Im Grunde erscheint alles ganz einfach. "Der Fußball ist so wundervoll. Wenn wir gegen Bremen gewinnen, ist alles vergessen und niemand erinnert sich noch daran", sagt Gonzalo Paciência. Dem neuen Angreifer des FC Schalke 04 ist natürlich nicht vorzuwerfen, dass er die Dinge noch recht unverkrampft und wenig kritisch bewertet.

Schließlich ist der Ex-Frankfurter erst vor ein paar Tagen in Gelsenkirchen angekommen und hat mit dem 0:8 beim FC Bayern München lediglich ein Spiel, wenn auch ein geschichtsträchtig desaströses, mit seinem neuen Team miterlebt. Denjenigen, die schon länger bei den Schalkern tätig sind, ist allerdings jegliche Leichtigkeit im Umgang mit den Ergebnissen der S04-Profis abhandengekommen.

Nicht "öffentlich schlachten"

"Ich bin niemand, der jemanden bloßstellt oder öffentlich schlachtet", sagt Jochen Schneider am Mittwoch (23.09.2020). Der 50-Jährige sollte sich zur derzeitigen Lage von Trainer David Wagner äußern, dem er bis dato immer wieder sein Vertrauen ausgesprochen hat. Die Anspanung war dem Sportvorstand dabei deutlich ins Gesicht geschrieben, seine ausgeprägte Höflichkeit verlor er dennoch nicht. Ein klares Bekenntnis zu Wagner war das aber nicht mehr. Schließlich gerät auch Schneider ob seiner Treue zum Trainer zunehmend selbst unter Druck.

Saisonübergreifend 17 Spiele in Folge ohne Sieg unter Wagner ist die kaum zu unterbietende Bilanz des Fußballlehrers. Doch nicht nur dessen Sieglos-Serie, sondern auch Wagners Statements nach den Partien sorgen vielfach für Kopfschütteln. "Dass wir nach dem vierten, fünften Tor weiter nach vorne spielen wollten, das war naiv", sagte der Coach nach dem München-Spiel in Richtung seiner Spieler.

Verhindern die Schulden eine Entlassung?

Dabei ignorierte Wagner offenbar, dass es sich bei taktischen Vorgaben vor allem um das Aufgabenfeld des Trainers handelt. Auch hatte er seiner Mannschaft, etwa am letzten Spieltag in der Vorsaison in Freiburg (0:4), sogar die Wettbewerbsfähigkeit abgesprochen. All das dürfte nicht gut bei seinen Spielern ankommen, zumal Wagner stets jegliche Form von Selbstkritik auslässt.

Schneider tolerierte diese außergewöhnliche Herangehensweise bisher. Ob sein Vertrauen in Wagner tatsächlich so tief sitzt ("Er ist der richtige Trainer für Schalke."), wie er es zuletzt immer wieder betonte, oder ob der mit knapp 200 Millionen Euro verschuldete Verein sich eine weitere Entlassung mit Gehaltsfortzahlung eines gehobenen Angestellten nicht leisten will oder kann, bleibt indes ungeklärt.

Nachfolgersuche soll begonnen haben

Jochen Schneider, Sportvorstand des FC Schalke 04.

Jochen Schneider, Sportvorstand des FC Schalke 04.

Schneider sagte nach der Pleite in München: "Ich erwarte eine deutliche Leistungssteigerung, die sich auch im Ergebnis widerspiegelt." Diese Aussage wurde vielfach als Ultimatum an den Trainer mit Blick auf die anstehende Partie gegen Werder Bremen verstanden. Das wollte der Sportvorstand ein paar Tage später aber so nicht deklariert wissen. "So etwas mache ich nicht", sagt Schneider. "Aber wir müssen definitiv anders auftreten."

Nicht zuletzt soll es aus dem Aufsichtsrat Forderungen geben, dass sich die sportlich Verantwortlichen bereits nach einem Nachfolger (Schneider: "Davon habe ich gelesen.") umsehen soll. Vor allem Ralf Rangnick, der zuletzt bei RB Leipzig überaus erfolgreiche Aufbauarbeit geleistet und der bereits zweimal bei den Schalkern gearbeitet hat, soll der Wunschkandidat sein. Allerdings dürfte Rangnick kaum akzeptieren, dass er nicht die größtmögliche Verantwortung im Verein erhält.

Auch Sandro Schwarz (ehemals Mainz 05), Tayfun Korkut (ehemals Bayer 04 Leverkusen) und Manuel Baum (ehemals FC Augsburg) sollen zumindest auf einer Kandidatenliste notiert sein.

Erfolgserlebnis soll den Glauben zurückbringen

Schneider wollte gemeinsam mit Trainer David Wagner die Reset-Taste drücken und noch einmal ganz von vorne starten. Schon jetzt lässt sich sagen, dass es sich dabei um den schlechtesten Neustart in der Bundesligahistorie handelt.

Eine Niederlage gegen die Hanseaten dürfte deshalb dazu führen, dass Schneider seine Treue zu Wagner nicht mehr aufrecht erhalten können wird. "Die Frage wird sein, ob es uns gelingt, die Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen. Wir brauchen ein Erfolgserlebnis, das uns den Glauben wiedergibt", sagt Schneider. Kann Fußball wirklich so einfach sein?

Bundesliga - Highlight-Collage Bayern gegen Schalke

Sportschau 19.09.2020 02:03 Min. Verfügbar bis 19.09.2021 ARD Von Christian Schulze

Stand: 23.09.2020, 17:02

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