Pro und Contra - soll die Bundesliga wieder spielen?

Pro und Contra gegenüber der Bundesliga-Fortsetzung

Diskussion um den Profifußball

Pro und Contra - soll die Bundesliga wieder spielen?

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer müssen entscheiden, wann die Fußball-Bundesliga wieder spielen kann. Doch soll sie das in dieser Saison überhaupt? Zwei Meinungen.

PRO - Geisterspiele sind nötig - von Jörg Strohschein

Vielleicht war die wichtigste (Selbst-)Erkenntnis der Deutschen Fußball Liga in dieser Corona-Krise, dass sie womöglich weniger Rückhalt in der Bevölkerung hat, als die Verantwortlichen aller Klubs bislang dachten. Das zeigt nicht zuletzt die aktuelle repräsentative Umfrage der Deutschen Welle, bei der sich eine klare Mehrheit gegen eine Fortsetzung der Liga mit Geisterspielen ausspricht.

Die Aussagen einiger Verantwortlicher, jüngst etwa von Ex-Leipzig-Trainer Ralf Rangnick ("Ein Bundesliga-Neustart wäre wichtig für die gesamte Menschheit"), zeigen lediglich, wie sehr der Profifußball immer noch um sich selbst kreist.

Und doch sollten die Bundesligklubs die Gelegenheit erhalten, sich selbst finanziell zu retten. Um nichts anderes geht es bei den Geisterspielen. So wie es sich große wie kleine Unternehmen hierzulande wünschen - und derzeit nach und nach unter strengen Auflagen wieder beginnen (dürfen). Nicht zuletzt hängen laut DFL mehr als 50.000 Arbeitsplätze mit der Bundesliga zusammen.

Die Grundvoraussetzung für einen Neustart ist allerdings eindeutig: Auch die Bundesliga muss alle Maßnahmen ergreifen, um weitere Infektionen auszuschließen - ansonsten wäre eine Wiederaufnahme ausgeschlossen. Zudem darf es niemandem in der Bevölkerung an Tests fehlen. Die Entscheidung, ob dies alles gewährleistet ist, müssen Medizinexperten und die Politik treffen.

Für die Klubs ist es überlebensnotwendig

Für die einen ist es ein verheerendes Zeichen, wenn Spielplätze und Sportanlagen geschlossen bleiben, während Profifußballer ihrem Job nachgehen dürfen. Für andere ist es ein Zeichen der Hoffnung, dass ein kleines Stück Alltag zurückkehrt. Für die Klubs ist es schlicht überlebensnotwendig. Und das ausgearbeitete Sicherheitskonzept der Liga könnte zudem als Blaupause etwa für die Deutsche Basketball-Liga (BBL) gelten, die ebenfalls darauf hinwirkt, ihre Saison zu Ende zu bringen.

Die lautstarke Kritik vor allem der organisierten Fußball-Fans am immer ungezügelteren Kapitalismus, den Harakiri-Finanzierungen einiger Klubs, den fast schon unanständigen Ablösesummen sowie Gehältern und anderen Fehlentwicklungen im Profifußball bleiben davon unberührt. Dass Veränderungen im Bundesliga-Geschäft stattfinden müssen, ist unstrittig - und wird wohl nur noch von denjenigen abgelehnt, die davon selbst am meisten profitieren.

Dieser "Mind-Change" ist aber nur dann möglich, wenn es die Vereine und die Bundesliga, weiterhin gibt. Und dafür sind Geisterspiele vonnöten.

Mönchengladbach gegen Köln als erstes Geisterspiel der Bundesliga

Mönchengladbach gegen Köln als erstes Geisterspiel der Bundesliga

CONTRA - Bundesliga-Neustart wäre fatales Signal - von Franziska Wülle

Bundesliga: We miss you! Eineinhalb Monate fehlt es schon: das Kribbeln am Wochenende, das Ballgefühl der Profis und auch der Smalltalk darüber.

Zugegeben, das ist gerade einmal halb so lang, wie wir in der Sommerpause verzichten, es fühlt sich aber irgendwie noch schlimmer an - so ganz ohne Sport. Und dennoch: Die Bundesliga jetzt mit Geisterspielen wieder starten zu lassen, wäre falsch.

Denn hier geht es längst nicht mehr um ein Gefühl der Ablenkung oder den Fußball, den wir vermissen - der wäre mit Geisterspielen sowieso nicht der, den wir so lieben. Denn von Geisterspielen profitieren nur die Klubs.

Die DFL argumentiert, dass sie wie jedes andere Wirtschaftsunternehmen prüft, wie sie in Zeiten von Corona wieder einsteigen kann.

Das ist richtig. Sie hat zum möglichen Neu-Start ein umfassendes Konzept vorgelegt - von Virologen als vorbildlich befunden. Doch für wie viele der etwa 56.000 Existenzen, die laut DFL-Angaben an der Bundesliga hängen, gäbe es überhaupt einen Wiedereinstieg mit Geisterspielen?

Fernsehgeld ja, Wiederbelebung nein

Was ist mit den Bratwurstverkäufern vor dem Stadion, den Reinigungs- und Sicherheitskräften, den Hotels, Kneipen und Restaurants, die weiterhin auf Fans verzichten müssten?

Geisterspiele bedeuten, dass das Fernsehgeld fließt, es bedeutet nicht die Wiederbelebung des Wirtschaftszweiges.

Und noch etwas ist anders als bei jedem anderen Wirtschaftsunternehmen: Es schauen Millionen bei der Arbeit zu. Der DFB hat mehr als sieben Millionen Mitglieder. Bei einem Bundesliga-Neustart dürften knapp 650 von ihnen am Wochenende wieder auf dem Platz stehen - passen und flanken, aber auch verschwitzt in Zweikämpfe gehen.

In einer Zeit, in der ein zehnjähriges Mädchen nicht einmal zur Schule gehen darf, sollen seine Eltern ihm erklären, dass es auch die Freundin aus der Fußballmannschaft nicht zum Kicken treffen darf, während Dortmunds Marco Reus sich auf dem Bildschirm im Wohnzimmer gerade den Ball von Schalkes Suat Serdar erkämpft hat?

Wenn Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten bald wieder zusammensitzt und kritisch abwägt, wie viel unser Gesundheitssystem aushält. Wenn sie darum ringen, welche der so dringenden Lockerungen in Wirtschaft und Gesellschaft zumutbar sind. Dann wird der Profi-Fußball hoffentlich nur eine Randnotiz sein - ein gutes Beispiel für ein durchdachtes Konzept, das irgendwann zum Tragen kommt.

Die Politiker werden hoffentlich mit demselben Engagement, das die DFL in den Neu-Start der Bundesliga gesteckt hat, daran arbeiten, wie es einen Neu-Start für Schulen und Kitas und weitere Lockerungen in der Gastronomie geben kann. Dann erst folgt die Bundesliga.

Stand: 30.04.2020, 15:10

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