Kommentar - Kölns Reaktion auf Verstraetes Sorgen ist fragwürdig

Das Stadion des 1. FC Köln

Coronafälle beim 1. FC Köln und die Folgen

Kommentar - Kölns Reaktion auf Verstraetes Sorgen ist fragwürdig

Von Volker Schulte

Das Beispiel Birger Verstraete zeigt, wie heikel die DFL-Pläne für einen baldigen Bundesliga-Neustart sind. Ein Spieler äußert Sorgen - und der 1. FC Köln reagiert bezeichnend.

Die drei positiven Corona-Tests beim 1. FC Köln sind der erste Stresstest - und schon werden Schwachpunkte des DFL-Konzepts für einen Spielbetrieb offensichtlich. FC-Mittelfeldspieler Verstraete hat am Wochenende Bedenken geäußert, inwiefern die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen ausreichen, eine Ansteckung im Trainingsbetrieb zu verhindern. Seine Zweifel sind absolut nachvollziehbar, wenn man sich sein Interview mit dem belgischen TV-Sender VTM vor Augen führt.

Demnach hat der auf das Coronavirus getestete FC-Physiotherapeut den Spieler Verstraete wochenlang behandelt. Die beiden infizierten Spieler waren Teil seiner Trainingsgruppe, mit einem der beiden trainierte er gemeinsam im Kraftraum. Trotzdem müssen Verstraete und andere FC-Spieler nicht vorsichtshalber in Quarantäne. Der Belgier hat recht, wenn er diese Entscheidung als "ein bisschen bizarr“ bezeichnet.

FC verweist auf das Gesundheitsamt

Unerheblich dürfte für ihn dabei sein, wer diese Entscheidung trifft. Der FC betont dagegen bei jeder Gelegenheit, dass das Kölner Gesundheitsamt dafür verantwortlich sei - und schiebt die Verantwortung damit von sich fort.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts zufolge soll vereinfacht gesagt nur in vorbeugende Quarantäne, wer mindestens 15 Minuten lang Gesichtskontakt zu einem Infizierten hatte - zum Beispiel im Rahmen eines Gesprächs. Dies war beim 1. FC Köln nach Ansicht des Gesundheitsamtes offenbar nicht der Fall.

Infektionsgefahr beim Trainingsbetrieb unklar

Aber wie gut kann das Gesundheitsamt die sportspezifischen Kontakte einordnen? Die gemeinsamen Läufe, Ballübungen und Kraftraum-Begegnungen? Niemand kann genau sagen, wie groß das Infektionsrisiko ist - zumal junge Fußballer einen engen, vertrauten Umgang untereinander gewohnt sind und dadurch den Sicherheitsabstand bestimmt auch mal vergessen.

Dass sich der 1. FC Köln über das TV-Interview ärgert, ist verständlich. Verstraete hätte seine Sorgen besser intern vorgetragen und muss sich Kritik gefallen lassen. Trotzdem ist die Art, wie der FC öffentlich reagierte, entlarvend.

Kein Wort über Verstraetes private Situation, kein bekundetes Mitgefühl für seine Sorgen um seine Freundin, die wegen einer Vorerkrankung zur Risikogruppe gehört. Stattdessen verteidigt der Klub sein Vorgehen vehement als formal korrekt und fügt Zitate hinzu, in denen Verstraete reumütig klingt.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Zweifel und Sorgen müssen erlaubt sein

Dabei heißt es selbst im medizinischen Konzept der Taskforce, dass eine hundertprozentige Sicherheit für alle Beteiligten nicht das Ziel sei - sondern ein medizinisch vertretbares Risiko. Es muss also auch öffentlich Platz sein für Zweifel, Sorgen und auch Nachbesserungen.

Die Kölner Reaktion passt ins Bild, das viele Protagonisten des Profifußballs derzeit abgeben: Scheuklappen auf, die Pläne verteidigen, die Saison irgendwie noch bis Ende Juni durchboxen. Die Spieler sind dabei schwächere Glieder. Laut Taskforce soll die Teilnahme am Trainings- und Spielbetrieb freiwillig sein. Aber auch für die Profis sind die Zeiten ungewiss, wohl niemand will als Querulant gelten und seinen Marktwert schmälern.

Die Folgen der positiven Coronatests beim 1. FC Köln

Sportschau 01.05.2020 02:19 Min. Verfügbar bis 01.05.2021 ARD Von Christian Schulze

Spieler müssen privat Opfer bringen

Auch Verstraete hat sich dazu entschlossen, weiter in Köln zu trainieren. Dafür kehrt seine Freundin vorerst nach Belgien zurück. Die Spieler werden noch größere private Opfer bringen müssen, wenn das Mannschaftstraining losgeht. RB Leipzig plant das schon für Montag, mit mehrtägiger präventiver Quarantäne für Profis und Teambetreuer.

Und wenn in Zeiten von Mannschaftstraining und Pflichtspielen Fälle auftreten? Alles andere als eine Quarantäne für alle Beteiligten wäre dann nicht vertretbar. Bleibt zu hoffen, dass die DFL und die Klubs aus dem ersten Stresstest ihre Lehren ziehen.

DFB-Arzt Dr. Tim Meyer: "Wir wollten Personen finden, die ansteckend sind" Sportschau 02.05.2020 03:45 Min. Verfügbar bis 03.05.2021 Das Erste

Stand: 03.05.2020, 17:22

Weitere Themen

Darstellung: