Die wahren Probleme beim Videobeweis

Bastian Dankert überprüft seine Entscheidung am VAR-Bildschirm

Video-Assistent

Die wahren Probleme beim Videobeweis

Von Chaled Nahar

Der Videobeweis ist mit voller Wucht zurück in der Diskussion. Dass der Start in die neue Saison so schwach war, hat mehrere Gründe.

Julian Nagelsmann verließ in der Enttäuschung nach dem 1:3 seiner Hoffenheimer in München in Windeseile die Ebene der Sachlichkeit. "Ich weiß nicht, warum es nicht überprüft wurde. Ich weiß nicht, wo die Videoassistenten da gerade waren, anscheinend waren sie nicht am Platz", sagte Nagelsmann. 

"Ich weiß nicht" - bei der Kritik am Videobeweis zum Start in die Bundesligasaison ist dieser Satz die Grundlage für alle Diskussionen. Diese Feststellung führt zum ersten der Probleme, die die Bundesliga mit dem Video-Assistenten hat.

Problem 1: Der neue Ermessensspielraum

Der Video-Assistent hat einen neuen Ermessensspielraum geschaffen. Er dreht sich um die eine Frage, die spielentscheidend sein kann: Greift der Video-Assistent ein oder tut er es nicht? Und tatsächlich wissen oder verstehen viele Fans, Spieler, Trainer und Verantwortliche nicht, wann er eingreift und wann nicht. Für einen Eingriff, allein das weiß nun wohl jeder Interessierte, muss eine "klare, offensichtliche Fehlentscheidung" vorliegen.

Doch was das genau ist, bleibt im Zweifel häufig Auslegungssache, die Kategorie ist schwammig. Denn bei der "klaren Fehlentscheidung" ist zunächst nur eines klar: An den Bildschirmen im Video-Center in Köln sitzen Menschen, die auch am Bildschirm bei der Einschätzung dieser Frage unter Zeitdruck daneben liegen oder zumindest einen umstrittenen Entschluss fassen können. So geschehen, als bei Bayern gegen Hoffenheim Franck Ribéry mit seiner Schwalbe durchkam und als bei Wolfsburg gegen Schalke auf umstrittenen Wegen aus Gelb Rot und später aus Rot Gelb wurde- und das schürt Unverständnis.

Problem 2: Die Glorifizierung der WM

Bei der WM wurde der Videobeweis "zu etwas gemacht, was er sein soll. Nämlich eine ganz wunderbare, sinnvolle und gerechte Einrichtung. Und dann haben wir das, was wir heute erlebt haben. Das steht im Gegensatz zu dem, was es sein sollte", klagte Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge forderte eine "Taskforce" die nun "endlich" für "Professionalität" in der Bundesliga sorgen solle. Wo aber inhaltlich genau der Unterschied zur Bundesliga liegen soll, verrieten die beiden in ihren lauthals vorgetragenen Urteilen leider nicht. 

Das Problem ist wohl, dass dieser kaum zu benennen gewesen wäre. Der Spielraum, ob der Video-Assistent eingreift oder nicht, war bei der als so leuchtendes Beispiel für den perfekten Videobeweis geltenden Weltmeisterschaft oft genauso umstritten wie am Freitag bei Bayern gegen Hoffenheim oder am Samstag bei Wolfsburg gegen Schalke. Das Beispiel Argentinien gegen Island in der Vorrunde zeigte das, als einem Argentinier nach einem relativ klaren Tritt ein Strafstoß verweigert wurde. Und beim Elfmeter Frankreichs im Finale gegen Kroatien waren sich die meisten Beobachter einig, dass der Video-Assistent einen Fehler machte, als er Ivan Perisic ein absichtliches Handspiel im Strafraum anhängte.

Problem 3: Die Emotionen

Was beide Wettbewerbe beim Videobeweis tatsächlich in beträchtlichem Umfang unterscheidet, ist die Emotionalität. Wurde bei dem Turnier in Russland wie im Beispiel Argentinien gegen Island ein Elfmeter verwehrt, wird ein solcher Fehler auf Deutschlands Sofas zwar registriert - ist dann aber zum Anstoß von Peru gegen Dänemark wieder vergessen. 

Eine ähnlich umstrittene Entscheidung bei einem Spiel von Bayern München oder Schalke 04 sorgt in Deutschland dagegen für ganz andere Emotionen. Die zeitliche Ruhe zwischen zwei Spieltagen lässt zudem ausgebreitete Diskussionen in den Zeitungen, beim Bäcker und in den Fußballtalkshows zu. Dann wird im Vergleich zur WM eine "klare Linie" plötzlich zu einem "Chaos" oder einem "Wirr-Warr" umgedeutet, obwohl am 1. Spieltag der Bundesliga eigentlich nichts anderes zu sehen war als im Sommer in Russland.

Problem 4: Der Fußball hat sich entschieden

Nürnbergs Trainer Michael Köllner plädierte nach dem Spiel in Berlin für die Abschaffung des Video-Assistenten: "Es ist für mich ein Humbug, dass man sowas auf die nächste Ebene schickt." Und es gibt viele weitere gute Argumente, warum man den Videobeweis schlecht finden kann: Er raubt dem Zuschauer den ultimativen Jubel nach dem Tor, er zieht Dinge oft nervig in die Länge, er entfremdet das Spiel der Profis weiter von der Basis. Und wie das Wochenende zeigte, versteht offenbar kaum jemand, wann und warum der Video-Assistent eingreift oder es eben bleiben lässt. 

Dass für viele Menschen diese oft spielentscheidende Frage nicht nachvollziehbar ist, muss dem DFB und der DFL in zweiter sowie der FIFA in erster Linie zu denken geben. In München, Wolfsburg, Berlin und Düsseldorf war nach teils sehr unterhaltsamen Spielen nur noch der Videobeweis Thema. Doch Köllner und alle anderen Gegner kommen zu spät, der Fußball hat sich entschieden. Der "Video Assistent Referee" (VAR) ist seit dem Frühjahr 2018 fester Bestandteil des Regelwerks, nun sind wohl höchstens Nachbesserungen vorstellbar. Die Zuschauer müssen sich zwangsläufig an den Videobeweis gewöhnen und ein Gefühl für die Eingriffschwelle bekommen.

Ohnehin verzichten nur noch wenige wichtige Profi-Wettbewerbe auf den Videobeweis. So zum Beispiel die Premier League in England. Dort kamen die Wolverhampton Wanderers am Wochenende durch ein mit der Hand erzieltes Tor zu einem Punktgewinn gegen Manchester City. Das große Thema in den Zeitungen und Fußball-Talkshows dort: "Wann kommt endlich der Videobeweis?"

Videobeweis wieder Thema des 1. Spieltags

Sportschau 27.08.2018 01:42 Min. ARD

Stand: 27.08.2018, 09:17

Darstellung: