Bundesliga – enorme Fallhöhe auf dem Sonderweg

Die Bundesliga wird fortgesetzt - der Kommentar

Kommentar

Bundesliga – enorme Fallhöhe auf dem Sonderweg

Von Marcus Bark

Die Bundesliga nimmt ihren Betrieb wieder auf, obwohl die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. Es ist ein wirtschaftlich erzwungener Sonderweg mit hohem Risiko und Fallhöhe. Ein Kommentar.

Schwupps, war die Passage verschwunden. Aus einer 14-tägigen Quarantäne zur Vorbereitung war über Nacht eine zeitlose Angabe in der Beschlussvorlage für die mächtigen Frauen und Männer in der Politik geworden.

Ein Zeitraum von zwei Wochen hätte eine Fortsetzung der Bundesligen am 15. Mai verhindert, nun ist dieser Beginn wieder möglich.

Es geht und ging ums Geld

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke war mit dem expliziten Wunsch nach einem sehr zügigen Wiederbeginn am Mittwochmorgen (06.05.2020) an die Öffentlichkeit gegangen. Sein Wunsch wurde erfüllt. Die Politik machte den Weg frei für 36 Fußballklubs, die als Wirtschaftsunternehmen erfolgreiche Lobbyarbeit betrieben.

Es ging nicht um Abwechslung, es ging nicht um Lebensfreude, es ging nicht um eine Vorreiter- oder Vorbildrolle. Es ging und geht ums Geld. Es ging und geht darum, irgendwie mit möglichst geringem ökonomischen Schaden durch die Coronakrise zu kommen. Das ist ein legitimer Wunsch, jeder Wirtschaftszweig hegt ihn.

Die Zeit ist noch nicht reif

Die Bedenken, die von Virologen, Sportmedizinern, Ethikern, Politikern, Fußballfans und all denen, die sich nicht mal für ein Revierderby zwischen Dortmund und Schalke begeistern können, vorgetragen werden, sind aber auch legitim.

Noch gelten Kontaktbeschränkungen für die Bevölkerung, und die werden auch noch mindestens bis zum 5. Juni gelten. Daher ist es fast schon bizarr, dass sich schon bald wieder Fußballer um eben nur einen Ball streiten. Die Zeit ist dafür noch nicht reif. Die Not der Branche ist aber eigenen Angaben zufolge so groß, dass sie ihren Willen bekam.

Das Projekt ist nicht ohne Gefahr: Die Häme der Kritiker wird groß sein, wenn das Projekt abgebrochen werden müsste. Dessen ist sich die DFL bewusst.

Auf den Gesundheitsämtern lastet Druck

Es kann gut gehen, falls infizierte Spieler nach Fortsetzung der Ligen in die Kategorie II nach Definition des Robert Koch-Instituts eingestuft werden, also nur sie in eine 14 Tage lange Quarantäne müssten. Die Entscheidung darüber liegt bei den örtlichen Gesundheitsämtern.

Die Menschen, die dort arbeiten, stehen unter einem enormen Druck. Sie – und nicht Angela Merkel, Markus Söder oder Armin Laschet – entscheiden möglicherweise darüber, ob ein mehr als 100 Jahre alter Fußballklub mit reichlich Trophäen im Schrank in die Insolvenz gehen muss.

Sie müssen sich dabei auf die Aussagen einer Branche verlassen, die sich überwiegend an das Hygienekonzept halten wird. Aber es gibt eben auch einige Beispiele aus den vergangenen Wochen – beileibe nicht nur das von Salomon Kalou und seinen Mitstreitern bei Hertha BSC, die Verstöße zeigen. Verstöße, die es in jeder Kreisligamannschaft auch geben würde, die es täglich in Supermärkten gibt, im Englischen Garten in München, auf abgelegenen Bolzplätzen.

Der Profifußball kann und will nicht warten

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hat verstanden, dass jeder potenziell gefährdet ist, schwer an Covid-19 zu erkranken. Sie lebt danach, akzeptiert, dass es noch dauern wird, bis man sich wieder in den Armen liegen kann, wenn ein Tor fällt.

Der Profifußball kann und will nicht warten. Er geht ein enorm hohes Risiko ein. Er gibt zu verstehen, dass dieses Risiko alternativlos ist. Das ist es nicht.

Es gäbe andere Wege, sie gründen vor allem auf Verzicht. Auf Verzicht auf Geld. Auf Verzicht auf Gehalt. Das macht niemand gern. Aber viele müssen es in dieser Zeit, in der "der Fußball" betont, er wolle keinen Sonderweg. Er geht ihn trotzdem weiter. Vielleicht gelingt es ihm, ans Ziel zu kommen. Der Aufwand ist groß, die Fallhöhe enorm.

Bundesliga-Fortsetzung und gespaltene Fan-Lager Sportschau 06.05.2020 01:44 Min. Verfügbar bis 06.05.2021 Das Erste

Stand: 06.05.2020, 16:04

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