Werder bei Hertha - Kohfeldt fordert Nouri heraus

Alexander Nouri und Florian Kohfeldt

Trainer im Blickpunkt

Werder bei Hertha - Kohfeldt fordert Nouri heraus

Von Frank Hellmann

Der SV Werder steht im Abstiegsduell bei Hertha BSC unter Druck. Florian Kohfeldt fordert gegen seinen Vorgänger Alexander Nouri den Turnaround ein. Es ist eine besondere Begegnung zweier unterschiedlicher Trainer.

Echte Männerfreundschaften gibt es im Bundesligazirkel mehr als viele denken. Weil der SV Werder seinen Aufenthalt in Frankfurt nach dem Pokalspiel bei der Eintracht (0:2) bis einen Tag vor dem Bundesligaspiel bei Hertha BSC am Samstag (07.03.2020) ausdehnte, schaute auf einmal auch Rouven Schröder, Sportvorstand des FSV Mainz 05, im Bremer Mannschaftshotel am Mainufer vorbei. Schröder, ehemals Direktor Profifußball bei Werder, wollte seinen alten Freund, Torwarttrainer Christian Vander, treffen.

Auch Florian Kohfeldt, Bremens Chefcoach, und Alexander Nouri, Berlins Übergangstrainer, kennen sich aus der gemeinsamen Zeit am Osterdeich. Der eine (Kohfeldt) gehört seit 2001 den Grün-Weißen an, der andere trug von 1994 bis 2001 das Trikot mit der Werder-Raute, war dann von 2014 bis 2017 in unterschiedlichen Trainerfunktionen angestellt.

Nur waren sich beide nie richtig innig verbunden. "Kein freundschaftliches Verhältnis, aber auch kein belastetes Verhältnis", stellte Kohfeldt am Donnerstag in einer Medienrunde klar. Bremen in Berlin, das sei ein "Druckspiel". Vor allem auch für beide Trainer.

Kohfeldt über Nouri: "Haben ein gutes, professionelles Verhältnis" Sportschau 06.03.2020 00:42 Min. Verfügbar bis 06.03.2021 Das Erste

Hertha hat zehn Punkte mehr

"Ich freue mich, ihn zu sehen, aber am liebsten wäre mir, wenn er mir nach dem Spiel gratuliert", sagte Kohfeldt. Denn: "Entscheidend ist, dass wir bei Hertha punkten. Egal, ob mit einem Feuerwerk oder einem Rotzspiel mit einer Chance." Ähnlich hat sich sein Gegenüber fast zeitgleich geäußert: "Wir wollen dieses Heimspiel unbedingt gewinnen, denn wir wissen natürlich um die Konstellation in der Tabelle", sagte Nouri. Er hat mit Berlin noch zehn Zähler mehr auf dem Konto als Bremen. Es gehört zu den Kuriositäten dieser hyperaktiven Branche, dass sein Job trotzdem deutlich unsicherer ist. "Deshalb möchte ich auch nicht mit ihm tauschen", merkte Kohfeldt an.

Dass Werder seit Wochen zu wenig anbietet, "um ein Bundesligaspiel zu gewinnen", dämmert auch dem 37 Jahre alten Fußballlehrer. Von ihm waren die Verantwortlichen an der Weser überzeugt, dass er nicht mit jenem Stempel versehen wird, mit denen seine Vorgänger Viktor Skripnik und eben Nouri aus dem Amt gefegt worden waren: von den eigenen Amateuren befördert, um irgendwann bei den Profis den Grad der Überforderung zu erreichen. Über den aktuellen Hertha-Trainer, von Jürgen Klinsmann nach einer Hospitanz in den USA plötzlich an die Spree geholt, hieß es bei Werder, ihm fehle neben Führungsqualitäten auch eine fußballerische Philosophie. Netter Kerl ja, guter Coach nein.

Nouri ist schon der dritte Trainer

Bei der Hertha ist es ein offenes Geheimnis, dass der beim Zweitligisten FC Ingolstadt grandios gescheiterte Nouri höchstens bis Saisonende bleibt. Niko Kovac wird längst als Coach für die nächste Saison gehandelt. Geschäftsführer Michael Preetz will mit Nouri die Saison einigermaßen anständig zu Ende bringen, um nicht noch einen vierten Trainer installieren zu müssen. Aber geht das mit dem im Oktober 2017 in Bremen nach zehn sieglosen Spielen vom Hof gejagten Deutsch-Iraner wirklich gut?

Dass der angehende Big-City-Klub kürzlich bei Fortuna Düsseldorf einen 0:3-Rückstand in den vielleicht wichtigsten Punktgewinn der Saison umwandelte, sollen Akteure wie Torwart Thomas Kraft mit einer aufrüttelnden Halbzeitansprache in die Wege geleitet haben - nicht aber der 40-Jährige, der sich bei allen drei Treffern auffallend teilnahmslos verhielt. Als hätte er damit nichts zu tun.

Alexander Nouri zurück an alter Wirkungsstätte: "Geschlossenheit hilft Bremen" Sportschau 05.03.2020 00:36 Min. Verfügbar bis 05.03.2021 Das Erste

Große Unterschiede

Die Berliner Begegnung zwischen Kohfeldt und Nouri hat eine kuriose Vorgeschichte. Kohfeldt wurde einst von Skripnik ins Trainerteam zu den Profis geholt. Spitzname: "Student". Zu diesem Zeitpunkt betreute Nouri noch die U23. Er übernahm, als Skripnik im September 2016 seinen Job verlor. "Ich bin froh und dankbar, diese Möglichkeit bekommen zu haben", sagt Nouri rückblickend, der in 43 Pflichtspielen (15 Siege, 11 Remis, 17 Niederlagen) einen Punkteschnitt von 1,3 verbuchte. Gleichzeitig delegierte Geschäftsführer Frank Baumann das Trainertalent Kohfeldt zur zweiten Mannschaft.

"Ich musste die Ausbildungsprinzipien des Vereins umsetzen, ich habe mich dann vor allem mit Markus Feldhoff ausgetauscht", erzählt Kohfeldt. Professionell soll der Austausch mit Nouri gewesen sein, betont er. Ansonsten funkten beide zu wenig auf einer Wellenlänge. Die Unterschiede zwischen dem zuvorderst mit seiner Rhetorik punktenden Kohfeldt und dem in erster Linie über die Motivationsschiene arbeitenden Nouri erscheinen groß. Kohfeldt bietet deutlich mehr Aussagen mit Substanz an.

Der eine war Techniker, der andere Torwart

Marius Wolf von Hertha BSC (l.) versucht die Flanke vm Bremer Milot Rashica (r.) abzufangen

Hinspielszene: Marius Wolf von Hertha BSC (l.) versucht, die Flanke des Bremers Milot Rashica (r.) abzufangen

Nouri war als Aktiver erfolgreicher. Der aus Buxtehude vor den Toren Hamburgs stammende Nouri galt als guter Mittelfeld-Techniker, der es mit Osnabrück bis in die zweite Liga brachte. Kohfeldt, in Siegen geboren, in der Bremer Vorstadt Delmenhorst aufgewachsen, spielte als Torwart nur in der dritten Werder-Mannschaft. Bremen-Liga, fünfthöchste Spielklasse. Früh entdeckte Kohfeldt für sich die Trainertätigkeit als Berufung.

Ihm wäre es am liebsten, wenn die unterschiedlichen Ansichten am Samstag im Berliner Olympiastadion sichtbar werden, wo sich Kohfeldt schon mal auf "einen besseren Rasen" als im Frankfurter Stadtwald freut. Noch immer ist der DFB-Trainer des Jahres 2018 ja der Meinung, dass sich sein für Europapokalträume zusammengestelltes Ensemble am besten spielerisch befreit. Und beharrlich steckt Manager Baumann seinem Wunschtrainer den Rücken, der in 92 Pflichtspielen (36 Siege, 23 Remis, 33 Niederlagen) auf einen gegenüber Nouri nur unwesentlich besseren Punkteschnitt von 1,42 kommt.

Bloß kein Endspiel ausrufen

Dass nach neun Niederlagen in den vergangenen zehn Bundesligaspielen und mittlerweile acht Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz die Zeit für den Turnaround davonrinnt, weiß er auch: "Wir sollten mal anfangen, zu gewinnen. Berlin ist ein Konkurrent, den wir da reinziehen können." Nur mit einem Endspiel um den Klassenerhalt solle ihm niemand kommen, "das wäre verfrüht, es ist kein Spiel, bei dem wir drinbleiben oder absteigen". Weichen werden trotzdem gestellt.

Kohfeldt glaubt, dass die "taktischen Herangehensweisen" eine große Rolle spielen. Die Abkehr von der Dreierkette, die bei Werder zu einem Mangel an Anspielstationen im vorderen Bereich führt, wird ernsthaft erwogen. Kohfeldt, dem mit Jiri Pavlenka (Muskelfaserriss im Adduktorenbereich), Ömer Toprak (Riss-Quetschwunde an der Wade) und Davie Selke (Sperrklausel) drei Schlüsselspieler wegbrechen,  könnte sein eigentlich bevorzugtes 4-3-3-System wieder zur Aufführung bringen: "Ich bereite uns so vor, dass wir den Ball haben müssen." Schließlich wisse er ja auch, für welchen Fußball Alexander Nouri stehe.

Stand: 06.03.2020, 11:03

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