Kai Havertz - der kompletteste deutsche Spieler?

Leverkusens Kai Havertz jubelt nach dem erfolgreichen Elfmeter

Vor Wechsel zum FC Chelsea

Kai Havertz - der kompletteste deutsche Spieler?

Von Robin Tillenburg

Kai Havertz wird mit seinem Wechsel - voraussichtlich zum FC Chelsea - wohl zum teuersten deutschen Spieler aller Zeiten. Mit Abstand. Warum ist der Offensivmann von Bayer Leverkusen aber so begehrt?

Einen dreistelligen Millionenbetrag will Bayer dem Vernehmen nach für Havertz haben. Egal ob die Summe dann am Ende doch knapp unter 100 Millionen Euro liegt, oder Chelsea oder ein anderer Klub diese Summe bezahlt: Havertz wird Timo Werner, der ja auch gerade erst für 53 Millionen Euro zum FC Chelsea gewechselt ist, sehr wahrscheinlich in den nächsten Tagen als teuerster deutscher Fußballer aller Zeiten ablösen.

Statistiken lesen sich gut - aber nicht überragend

Das kommt, wenn man die Marktentwicklung der vergangenen Jahre betrachtet, erst einmal nicht völlig unerwartet, ist aber dann doch ein enormer Abstand zum Zweitplatzierten. Wenn man sich die Zahlen anschaut, die Havertz für Leverkusen aufgelegt hat, versteht man diesen Wert auf den ersten Blick auch nicht so richtig.

Julian Brandt (l.) und Kai Havertz (r.) beim Torjubel gegen RB Leipzig.

Julian Brandt (l.) und Kai Havertz (r.) beim Torjubel gegen RB Leipzig.

148 Spiele, 45 Tore, 31 Assists. Das sind für einen Offensivspieler gute Werte, aber auch keine alles überragenden. Julian Brandt, oft auf ähnlichen Positionen unterwegs wie Havertz, hat es in seinen 215 Spielen unterm Bayer-Kreuz auf 42 Tore und 51 Vorlagen gebracht. Eine Quote, die zumindest nicht viel schlechter ist.

15 Spiele mit Havertz-Tor - 14 Siege

Auf den zweiten Blick sieht das dann aber schon wieder anders aus. Havertz ist gerade erst 21 Jahre alt geworden und hat schon 118 Bundesligapartien und 17 Spiele in Europa League und Champions League absolviert. Dabei musste er schon Leistungsträger sein und spielte nicht beim national alles dominierenden Klub, wo er in der Liga regelmäßig von seinen Nebenleuten profitiert und "leichte" Scorerpunkte aufgelegt bekommt.

Hütter: "Havertz ist einer der besten Spieler Deutschlands" Sportschau 17.10.2019 01:17 Min. Verfügbar bis 17.10.2020 Das Erste

Havertz war selbst der Spieler, der seine Nebenleute besser machte, der Gegenspieler auf sich zog - und dazu noch bester Torschütze und einer der besten Vorlagengeber. Von den vier Ligapartien, in denen er fehlte, gewann Bayer nur eine einzige. Traf er für die Rheinländer in dieser Saison, gewann Leverkusen 14 der 15 Spiele. Nur im DFB-Pokal-Finale verlor die Elf von Peter Bosz trotz eines Havertz-Tores.

Hinrunde noch mit Leistungsdelle

Das alles, obwohl er in der Hinrunde nicht in seiner besten Form auftrat. Der Abgang von Kumpel und "kongenialem Partner" Brandt, leichte Blessuren, zu viele Einsätze ohne Pause, oder die für einen so jungen Spieler ganz normalen Leistungsschwankungen - was auch immer die Gründe für das Leistungsloch waren, Havertz arbeitete sich heraus.

Kai Havertz ist "der Spieler der kommenden Jahre" Mittagsmagazin 09.09.2019 01:55 Min. Verfügbar bis 09.09.2020 Das Erste

Im Kalenderjahr 2020 war er einer der besten Scorer der Liga, führte Leverkusen sogar sechsmal als Kapitän aufs Feld und war entscheidend daran beteiligt, dass man zumindest noch das internationale Geschäft sicherte. Am zehnten Spieltag hatten die Rheinländer noch auf Rang zehn gestanden.

Hochprofessionell und fleißig

Leverkusens Kai Havertz (l.) verwandelt den zweiten Elfmeter gegen Porto

Havertz ist also jung, hat aber dafür schon einiges an Erfahrung gesammelt und sein Können auf "großer Bühne" schon gezeigt. Hat mit 20 Jahren bereits einen ambitionierten Bundesligisten als Kapitän und Fixpunkt angeführt und bei Elfmetern Verantwortung übernommen. Der Nationalspieler gilt als trainingsfleißig und professionell, zeigt sich zudem im Spiel lauffreudig und auch in der Defensivarbeit durchaus engagiert, auch wenn dort manchmal die Robustheit im Zweikampf fehlt. Allein das ist schon ein enormes Gesamtpaket.

Technisch stark, groß, variabel

Die technischen Fähigkeiten des gebürtigen Aacheners genügen ebenfalls höchsten Qualitäten. Sein Passspiel, seine Ball-Annahme und -Mitnahme und sein Abschluss sind allesamt variabel und unberechenbar. Der Linksfuß schoss von seinen 17 Toren in dieser Spielzeit zehn mit links (davon vier Elfmeter), vier mit rechts und erzielte drei per Kopf. Ob als offensiver Mittelfeldspieler, ab und an als Mittelstürmer oder auf dem Flügel - dank seiner Allround-Qualitäten kann der 1,89-m-Mann eigentlich auf fast jeder Angriffsposition eingesetzt werden.

Kein Wunder also, dass Leverkusen eine solche Summe für sein Juwel fordert und Interessenten keinen "Corona-Abschlag" gewähren will. Es wird wohl jemand kommen, der diese Summe bezahlt und somit den wohl komplettesten deutschen Fußballer bekommt, den es in diesem Alter jemals gegeben hat. Insofern ergibt dann ja doch wieder alles Sinn.

Stand: 21.07.2020, 22:15

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