Yves Eigenrauch: "Es gibt kein Maß mehr"

Ex-Profi Eigenrauch zu Schalkes Lage: "Vollkommen absurd" Sportschau 29.12.2020 01:28 Min. Verfügbar bis 29.12.2021 Das Erste

Interview mit Ex-Schalke-Profi

Yves Eigenrauch: "Es gibt kein Maß mehr"

Yves Eigenrauch war einst Profi beim FC Schalke 04 und einer der legendären "Eurofighter", die 1997 den UEFA-Pokal gewinnen konnten. Im Interview spricht der 49-Jährige über die Schalker Krise, die Missstände im Fußball und seine geringen Qualitäten als Spieler.

Sportschau: Herr Eigenrauch, anders als von vielen ihrer Profi-Kollegen war von ihnen zum Thema Fußball lange nichts mehr zu hören. Interessieren sie sich noch für ihren ehemaligen Beruf oder haben sie vollständig damit abgeschlossen?

Yves Eigenrauch: Natürlich verfolge ich die Entwicklung nicht nur bei Schalke, auch bei anderen Vereinen, von der ersten bis zur 3. Liga. Aber diese ultimative Begeisterung für Fußball gucken, sich damit auseinandersetzen, internationale Ligen anschauen. Das hatte ich als Kind nicht. Das habe ich als aktiver Spieler nicht gehabt. Und genauso wenig ist das heute vorhandenen.

Die augenblickliche Situation des FC Schalke 04 dürfte aber auch an ihnen als ehemaligen Spieler nicht spurlos vorbeigehen. Wie beurteilen sie den Absturz ihres Ex-Klubs?

Eigenrauch: Das hat nichts mit der aktuellen Situation der vergangenen zwei Jahre oder der derzeitigen Situation, in der die Mannschaft am Tabellenende steht, zu tun. Sondern das ist eher eine Entwicklung auf Schalke bezogen, aber auch im Kontext Profisport, in den vergangenen 15 bis 20 Jahren. Das entspricht einfach nicht mehr meinem Verständnis. Bei aller Professionalität. Und natürlich auch bei aller Kommerzialität, die es heute gibt, die es aber auch schon vor 30 oder 40 Jahren gab: Es gibt kein Maß mehr.

Woran fehlt es ihnen?

Eigenrauch: Es fehlen mir einfach Natürlichkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Das waren in meinem Verständnis immer starke Attribute, wie Fußball gespielt werden sollte. Und das scheint ja heute überhaupt nicht mehr gefragt zu sein und scheint auch nicht mehr praktiziert zu werden. Weder bei Schalke noch bei einigen anderen Vereinen. Das finde ich sehr schade, das ist bitter, weil es die beste Möglichkeit wäre, den Sport weiterhin gut auszuüben. Die sportliche Entwicklung bei Schalke zog sich schon über Jahre, dass man einfach nicht verstanden hat, eine gewisse Kontinuität reinzubringen und eine Gradlinigkeit in der Arbeit miteinander.

Eigenrauch: Schalke fehlt die Kontinuität Sportschau 29.12.2020 00:57 Min. Verfügbar bis 29.12.2021 Das Erste

Selbst ihr ehemaliger Trainer Huub Stevens musste mit 67 Jahren nochmal für zwei Spiele einspringen. Haben sie den Kopf geschüttelt, als sie das gehört haben?

Eigenrauch: Ich habe es zur Kenntnis genommen. Da zeichnet sich ab, wie verzweifelt offensichtlich die Leute aktuell sind. Dass sie weder ein noch aus wissen und jetzt zumindest das Jahr vernünftig über die Bühne bringen wollten, innerhalb der Möglichkeiten.

Sie selbst haben 1997 den UEFA-Pokal mit dem S04 gewonnen. Schalke hatte damals vielleicht nicht die besten Spieler, aber die am besten funktionierende Mannschaft. Was würden sie den aktuellen Spielern mit auf den Weg geben wollen?

Eigenrauch: Wir waren auch damals nicht die beste Mannschaft, aber der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft, der war so ausgeprägt stark, dass wir Defizite kompensieren konnten und über Kampfkraft und Engagement zum Ziel gekommen sind. Man kann es aber nicht wirklich transferieren, weil die Einflüsse, die heute auf Spieler einwirken, natürlich ganz andere sind. Wenn die Spieler von damals heute aktiv werden müssten, das sind ja nicht nur Welten, das sind ja Universen, die dazwischen liegen, was die sportliche Qualität anbetrifft. Die Spieler heute sind so komplett in ihren Fähigkeiten.

Worin liegt die Problematik denn dann?

Eigenrauch: Das große Problem ist nicht die sportliche Qualität, sondern der Einfluss drumherum. Wir sprachen eben schon einmal über die Gelder. Da ist eine Dimension erreicht, wo ich mich frage, wie soll da ein 18-Jähriger, ein 19-Jähriger oder auch ein 23-Jähriger damit umgehen, dass er auf einmal zwei Millionen im Jahr oder auch eine Million verdient? Da sind ja Dimensionen, da arbeiten andere Leute, keine Ahnung, 20 bis 30 Jahre dafür.

Gibt es weitere Gründe?

Eigenrauch: Auch die Beschneidung der Freiheit, die die Spieler heute im Persönlichen haben, durch diese ganzen Medien, sprich in erster Linie durch das Internet. Da glaubt ja jeder Hansel ein Bild machen zu müssen. Ich kenne das noch aus meiner Zeit, da fand ich es auch dann unangenehm, dass du dich zu irgendeinem Zeitpunkt gar nicht mehr frei bewegen konntest und überall erkannt oder angesprochen worden bist. Und heute ist das noch viel extremer.

Wären sie heute gerne nochmal Profi geworden?

Eigenrauch: Mit meinen Fähigkeiten, die ich damals hatte, hätte ich keine Chance, niemals. Noch nicht mal ansatzweise. Und das habe ich früher auch schon gesagt. Das ist kein Kokettieren. Die sportlichen Qualitäten, die ich hatte, waren sehr überschaubar. Ich konnte meine Qualitäten offensichtlich idealtypisch einbringen, was Engagement betrifft, was meine Schnelligkeit angeht, eine gewisse Zweikampfstärke. Aber das würde heute bei weitem nicht ausreichen. Einmal abgesehen davon, dass ich auch relativ schnell feststellen würde, dass der Betrieb heute meinem Dafürhalten nicht entspricht.

Eigenrauch hätte heute "nicht ansatzweise" das Zeug zum Profi Sportschau 29.12.2020 00:34 Min. Verfügbar bis 29.12.2021 Das Erste

Sie haben ja nach ihrer Karriere immer wieder deutlich das Business Fußball kritisiert: Zu hohe Gehälter, zu viel Geld im Spiel. In diesen Corona-Zeiten trat das jahrelange finanzielle Harakiri-Spiel der Schalker besonders deutlich zu Tage. Den Klub belasten über 240 Millionen Euro Schulden. Inwiefern fühlen sie sich in ihrer Meinung bestätigt?

Eigenrauch: Also auf Schalke bezogen hatte ich eigentlich nicht die Befürchtung, dass es jemals so extrem werden könnte. Das ist für mich auch vollkommen absurd, wie das passieren kann. In der Entwicklung des gesamten Fußballs ab Ende der späten 1990er Jahre ist eigentlich das eingetreten, was man befürchten musste. Ich finde es bedauerlich. Es tut mir auch darum leid. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es noch einmal reversibel ist, ob man da noch mal eine Korrektur durchführen kann.

Bereits zu ihrer aktiven Zeit war Clemens Tönnies im Aufsichtsrat des Klubs. Ein Fan-Aufstand in diesem Sommer, bei dem sie teilgenommen haben, hat ihn aus dem Amt gefegt. Ein einmaliger Vorgang. Wie bewerten sie Tönnies' Rolle über die Jahre?

Eigenrauch: Ich habe teilgenommen, weil ich darum gebeten worden bin. Und ich habe gerne zugesagt, weil ich denke, das zumindest das Gebaren von Herrn Tönnies, so wie ich es wahrgenommen habe, nicht meinem Empfinden oder meinem Verständnis von Fußball entspricht. Aber ob das nun wirklich so war, ist nur das, was ich für mich so wahrgenommen habe.

Sie haben noch zu Zeiten gespielt, in denen der Fußball auf Schalke mit Figuren wie Rudi Assauer noch etwas raubeiniger, direkter aber auch volksnäher erschien. Wünschen sie sich diese Zeiten zurück?

Eigenrauch: Ich glaube schon, dass der Verein versucht, eine gewisse Volksnähe zu demonstrieren. Aber die ist so, wie ich empfinde, nicht authentisch. Das Wichtigste bei dem Sport ist Authentizität, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Das hört sich abgedroschen an. Aber das ist es. Es muss nicht nur auf einem Blatt Papier stehen oder auf irgendwelchen Seiten niedergeschrieben sein. Das Leitbild muss natürlich auch im Tagtäglichen gelebt werden. Und da scheint es eine Diskrepanz zu geben, nicht nur bei Schalke, auch bei anderen Vereinen. Offensichtlich machen es andere Vereine ein bisschen geschickter.

Könnten sie sich vorstellen eine führende Position bei den Schalkern zu übernehmen?

Eigenrauch: Niemals. Ich habe zwar Fußball gespielt, aber das Geschäft als solches war nie mein Geschäft. Daran hat sich nichts geändert. Und anders machen ist immer leicht gesagt. Mäkeln kann man immer. Man muss nur das dann auch erst mal selber besser machen können. Ich wage zu bezweifeln, dass ich das könnte. Und selbst wenn ich es könnte, bedarf es einer unglaublich langen Zeit. Weil das Vertrauen, das du hast den Bach runter gehen lassen, muss du erst einmal wieder aufbauen.

Was würden sie sich für ihren Ex-Klub wünschen?

Eigenrauch: Ich sage mal ganz simpel: Ich drücke die Daumen, dass es wieder in Richtungen geht, die sowohl im Sportlichen als auch im Persönlichen so sind, wie die Leute sich das vorstellen, die verantwortlich sind. Aber vor allem auch, wie ich es mir wünschen würde, mit den genannten Prädikaten Natürlichkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Da kann man nur die Daumen drücken und das Beste hoffen.

Das Gespräch führte Jörg Strohschein

Stand: 30.12.2020, 07:00

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