Freiburg-Profi Höfler: "Mut fassen, sich zu melden"

Nicolas Höfler im neuen Freiburger Heimtrikot

Sexualisierte Gewalt und der Fußball

Freiburg-Profi Höfler: "Mut fassen, sich zu melden"

"Niemand darf Dich anfassen, wenn du es nicht willst", sagt Nicolas Höfler, Bundesligaprofi des SC Freiburg. In einem Videoclip und auf Plakaten ist der Mittelfeldspieler das Gesicht einer Kampagne gegen sexualisierte Gewalt. Mit seiner Popularität will er Kindern helfen sich zu melden, wenn sie Gewalterfahrungen machen. Für die Aktion arbeiten der Freiburger Verein "Wir helfen Kindern" und die Fachberatungsstelle "Wendepunkt" zusammen. Jetzt wurde das Projekt in Freiburg offiziell vorgestellt.

Wie ist es zu dem Engagement für "Wendepunkt" gekommen?

Nicolas Höfler: Wir haben uns in den letzten Jahren schon für verschiedene Projekte engagiert, vor allem auch über Spenden, und dann kam der Punkt, dass meine Frau und ich gesagt haben, wir wollen ein regionales Projekt langfristig unterstützen. Wir haben selber vier Kinder, die so behütet aufwachsen. Auf der anderen Seite lesen und hören wir doch immer wieder, dass es vielen Kindern nicht so toll geht. Dass sie ganz Schlimmes durchmachen müssen, sexuelle Gewalt zu Hause erleben. Das war für uns so schrecklich, das war für uns so unvorstellbar, dass es uns dann wichtig war, dieses Projekt zu unterstützen.

Das Projekt besteht aus der Plakataktion und einem Videoclip. Dort sagen sie die Worte Gewalt und Missbrauch. Damit sind Sie der erste Fußballprofi, der diese Begriffe verwendet und um das Thema sexualisierte Gewalt nicht herumredet. Sind Sie sich bewusst, dass Sie der erste Fußballprofi sind, der das Thema so explizit vertritt?

Höfler: Das war mir nicht bewusst. Da bin ich jetzt überrascht, aber gleichzeitig auch froh, dass ich jetzt vielleicht auch etwas anstoßen kann, dass vielleicht weitere Spieler folgen. Ich glaube, wir sind in einer Position, in der wir Menschen erreichen, vor allem auch Kinder. Und ich hoffe, dass wir durch die Kampagne vielen Kindern Leid ersparen können, dass sie aus diesem Teufelskreis herauskommen können.

Die Kampagne "Melde Dich" der Freiburger Fachberatungsstelle "Wendepunkt" richtet sich ja allgemein an Kinder. Wenden Sie sich als Fußballprofi damit aber auch an Menschen, an Kinder aus dem Sport, an kleine Fußballer vielleicht?

Höfler: Generell versucht man natürlich, alle Kinder zu erreichen. Aber natürlich schauen gerade die jungen Kinder, die Sport betreiben, die Fußball spielen, in die Bundesliga. Und wenn dann ein Spieler aus der Bundesliga diese Aktion vertritt, Hilfe anbietet, hoffe ich sehr, dass es Gehör findet. Dass sie dann auch den Mut fassen, sich zu melden, zu sagen, 'zu Hause passiert mir das, bitte helft mir'. Das ist, glaube ich, auch eine Überwindung für die Kinder zu sagen: 'Ich bin ein Opfer, ich bin betroffen.' Ich hoffe, dass ich da durch meine Rolle auch ein bisschen die Angst nehmen kann.

2016 gab es den Missbrauchsskandal im englischen Fußball. Hunderte Fußballer haben sich gemeldet, die als Kinder im Fußball sexuelle Gewalterfahrungen machen mussten. Aber das Thema sexualisierte Gewalt im deutschen Fußball anzusprechen, scheint immer noch schwierig. Was denken Sie aus Ihrer Sicht als Fußballprofi - was macht es so schwer, im Fußball zu sagen "Mir ist das passiert"?

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Höfler: Das ist immer noch gewissermaßen ein Tabuthema. Niemand möchte darüber sprechen. Ich weiß nicht, was genau der Grund ist, warum wir dann doch auch oft unsere Augen verschließen und das auf gewisse Art und Weise nicht einsehen wollen, dass es auch im Fußball stattfindet und es vor allem auch im Jugendfußball viele, viele Opfer gibt und vor allem auch Täter. Das ist das Schlimme. Ich glaube, dass wir da einfach offen damit umgehen müssen, dass wir Sachen ansprechen müssen und dass wir hoffentlich auch mit der Kampagne ein bisschen etwas anstoßen können und die Aufmerksamkeit von Erwachsenen, aber auch von Kindern, in die Richtung anstoßen können.

Was sagen denn die Kollegen aus Ihrer Mannschaft oder aus anderen Bundesligateams dazu, dass Sie bei der Kampagne mitmachen?

Höfler: Ich weiß nicht, was sie sagen. Ich hoffe, dass sie sagen: 'Hey, ich finde es voll cool. Das ist eine super Idee. Ich möchte da mitmachen.' Das wäre der Optimalfall, glaube ich. Je mehr mitmachen, desto besser, desto mehr Kinder können wir erreichen. Und vielleicht erschwert man Tätern so das Ganze. Ich hoffe, dass wir viele darauf aufmerksam machen und viele das unterstützen.

Das Plakat mit Ihnen als Gesicht der Kampagne klebt auf 300 Litfasssäulen in der Region Freiburg. Dann gibt es den Videoclip, bringen Sie sich da auch noch anders ein? Gehen Sie noch in Fußballschulen zum Beispiel, oder halten Vorträge zu dem Thema?

Freiburgs Profi Nicolas Höfler ist das Gesicht einer Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

Freiburgs Profi Nicolas Höfler ist das Gesicht einer Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

Höfler: Ja, wir versuchen, so gut es geht zu helfen mit der Plakatkampagne. Und wir versuchen natürlich auch, diese Präventionsmaßnahmen, die die Beratungsstelle "Wendepunkt" anbietet, auch bei uns in der Kita anzubieten und zu sagen: 'Hey, das ist eine tolle Sache', die Kinder können etwas mitnehmen, die Erzieher können was mitnehmen. Und ich glaube, wenn wir das Stück für Stück schaffen, in den Kindergärten, in den Grundschulen zu integrieren, glaube ich, dass wir auf Dauer auf die Jahre gesehen etwas Gutes erreicht haben. Ich glaube schon, dass wir dann frühzeitig auch mögliche Opfer beschützen können.

Ihr Verein steht ja dahinter, hat eine große Spende überreicht, sagt aber selbst, er hat noch Nachholbedarf beim Kinderschutzkonzept für das eigene Nachwuchsleistungszentrum. Ist das für Sie vorstellbar, da auch mitzumachen und sich einzubringen?

Höfler: Ja, klar. Wir sind ein Verein. Ich möchte die Kinder unterstützen und nicht einfach nur irgendwie im Rampenlicht stehen. Da gehört es natürlich auch dazu. Ich möchte ganzheitlich Kindern und Jugendlichen helfen, die diese Gewalt und den Missbrauch zu Hause erleben. Und da gehört es natürlich auch dazu, sich dann auch innerhalb des Vereins zu engagieren und dort zu unterstützen.

Das Gespräch führte Andrea Schültke

Stand: 07.07.2020, 08:31

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