Sportphilosoph Gebauer - "Unsozial und moralisch nicht zulässig"

Der Philosoph Gunter Gebauer

Interview mit Sportsoziologe Gunter Gebauer

Sportphilosoph Gebauer - "Unsozial und moralisch nicht zulässig"

FC-Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge sieht Profifußballer als potenzielle Vorbilder bei den Corona-Impfungen. "Unangemessen" findet Sportsoziologe Gunter Gebauer solche Aussagen. Wie auch so einige andere aus dem Profifußball.

Sportschau: Nach Ansicht von Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge könnten Profifußballer als Vorbild bei möglichen Impf-Zweifeln dienen. "Lässt sich beispielsweise ein Spieler des FC Bayern impfen, wächst das Vertrauen in der Bevölkerung", hat Rummenigge gesagt. Hat er recht?

Gunter Gebauer: Nein, das passt nicht gut. In Wirklichkeit steckt hinter einer solchen Äußerung ja auch die schlaue Idee, die Profifußballer des FC Bayern sollten privilegiert behandelt und im Impfprozess vorgezogen werden. Man stellt sich da im Verein wahrscheinlich so öffentlichkeitswirksame Bilder wie einen Fußballstar mit Nadel im Oberarm vor und einer Aussage wie 'Macht's wie wir'.

Es gibt ja auch schon vereinzelt offene Forderungen, Profisportler sollten bevorzugt geimpft werden. Wie denken Sie darüber?

Gebauer: Ich kann das aus der Sicht der Sportler und der Firmen, die dahinter stehen, sogar verstehen. Das ist ja ökonomisch motiviert, dass man die Privilegien, die dem Profisport in den letzten Wochen und Monaten eingeräumt worden sind, weiterführen möchte. Nur ist das zutiefst unsozial und moralisch nicht zulässig, diese Sportler immer weiter zu begünstigen. Nicht zuletzt der deutsche Ethikrat hat ja festgestellt, dass Profisportler in der Coronakrise nicht bevorzugt behandelt werden dürfen.

Gerade der Profifußball reklamiert in letzter Zeit häufig für sich, den Menschen in der Coronakrise Halt und etwas Lebensfreude zu schenken. Wo würden Sie an dieser Stelle den Profisport tatsächlich einordnen?

Gebauer: Es ist tatsächlich so, dass insbesondere dem Profifußball ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Tatsächlich sorgt Profifußball im TV für eine Art Lebensfreude. Wie das im Übrigen auch kulturelle Veranstaltungen schaffen könnten. Nur: Die finden im Moment ja auch nicht statt. Alle sollten gleich behandelt werden - das passiert aber gerade nicht. Der Profifußball ist das Segement im öffentlichen Leben, das - warum auch immer - zuletzt enorm verwöhnt worden ist.

Welche Bedeutung hat der Profifußball tatsächlich für die Menschen?

Gebauer: Die Bedeutung des Profifußballs wird im Moment sehr stark überhöht. Er wird für eine nationale Identifikation herangezogen, der er in diesen Zeiten offfensichtlich nicht entsprechen kann. Das ist eine Entwicklung, die sich im Übrigen auch sehr schnell ins Gegenteil umkehren kann. Dann wird den Menschen klar, dass diese Vorstellung vom Ideal so gar nicht zutrifft. Die ganze Sache dreht sich dann ins Gegenteil um, und es entsteht eine große Katerstimmung. Das ist ja zuletzt teilweise auch schon passiert - es gibt ja zunehmend Fanproteste und Zweifel am Fußballgeschäft.

In den vergangenen Wochen forderte besonders der FC Bayern München - häufig durch seinen Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge - Sonderbehandlungen ein. Es gab ja auch die laute Beschwerde darüber, dass am Berliner Flughafen das Nachtflugverbot nicht zugunsten des Vereins aufgelockert wurde. Grob gefragt: Wie wichtig ist der FC Bayern tatsächlich im Moment?

Gebauer: Diese Beschwerde der Vereins-Verantwortlichen fand ich empörend. Als wenn der Flughafen etwas dafür könnte, dass die Spieler zu spät gekommen sind. Nein, das ist sehr aristokratisch gedacht, wobei sich ja sogar die ehemaligen Aristokraten im Moment mit Sonderbehandlungen zurückhalten. Man hat im Profifußball und ganz besonders beim FC Bayern München offenbar das Gefühl, den neuen Adel der Nation darzustellen und entsprechend behandelt werden zu müssen.

Das Gespräch führte Olaf Jansen.

Stand: 10.02.2021, 12:39

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