Der Heimvorteil im Fußball schwindet - ist aber immer noch da

Anzeigetafel mit dem Endstand beim Spiel Leipzig - Schalke

So viele Auswärtssiege wie noch nie

Der Heimvorteil im Fußball schwindet - ist aber immer noch da

Der 6. Spieltag der diesjährigen Bundesligasaison stellte einen Rekord auf: Acht Auswärtssiege gab es noch nie. Insgesamt gewannen die Auswärtsteams bisher fast 40 Prozent aller Spiele - ebenfalls ein Bestwert. Wissenschaftler sagen: Der Heimvorteil schwindet seit Jahren - aber es gibt immer noch einen deutlichen Vorteil für die Heimteams.

"Im langen Trend verschwindet der Heimvorteil seit Jahren sukzessive", sagt Daniel Memmert, Professor am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS). In der Saison 1975/76 gingen nur 16,3 Prozent aller Bundesligaspiele an das Auswärtsteam. Heißt: Wenn zwei von neun Spielen ans Auswärtsteam gingen, war das schon außergewöhnlich. Die FIFA hat 6000 internationale Spiele ausgewertet und kommt immer noch auf einen klaren Heimvorteil - um die 50 Prozent aller Spiele wurden von den Gastgebern gewonnen.

Es gibt ihn also immer noch, den Heimvorteil. Und das sogar bis in die Kreisliga, wie Studien zeigen. Aber er wird geringer - und es läuft überall anders. "Es gibt extrem große Schwankungen in den Ländern. In manchen Ländern gewinnen die Heimteams noch 80 Prozent aller Spiele, in anderen gibt es kaum einen Heimvorteil", sagt Daniel Memmert. 25 Auswärtssiege gab es in der noch jungen Bundesligasaison bisher, so viele wie noch nie. Italien kommt auf ähnlich hohe Zahlen, hier siegten diese Saison bisher in mehr als 40 Prozent aller Spiele die Gäste. Aber in England mit knapp 30 Prozent und Frankreich (26,7%) oder Spanien (25%) fällt die Auswärtssiegquote schon wieder viel niedriger aus. Und auch in der 2. oder 3. deutschen Liga gewinnen im Schnitt nur knapp 30 Prozent der Gästeteams.

Schwindet der Heimvorteil durch die Drei-Punkte-Regel?

Der Fußballautor Christoph Biermann hat in seinem Buch "Die Fußball-Matrix" einen möglichen Grund dafür aufgeführt, warum in der Bundesliga in den vergangenen Jahrzehnten der Heimvorteil gesunken ist: Die Einführung der Drei-Punkte-Regel. Die gibt es seit der Saison 1995/96. In den 20 Jahren nach der Einführung fielen im Schnitt deutlich weniger Treffer. Da ein Sieg drei Punkte bringt, schlussfolgert Biermann, wollen immer mehr Teams einen Vorsprung verwalten. Dadurch kommt es zu weniger klaren, eindeutigen Ergebnissen und somit auch zu mehr knappen Auswärtssiegen.

"Wir stehen jetzt vor dem 8. Spieltag, haben gerade mal 63 Spiele gespielt in der Bundesliga", sagt Daniel Memmert. "Das lässt noch keinerlei Interpretation zu." Allen berechtigten Einwänden zum Trotz sucht der Trainingswissenschaftler dann aber doch Erklärungen. "Der Videobeweis macht den Fußball fairer, dazu gab es gerade erst eine neue Studie aus Belgien", sagt Memmert. Das könnte dazu führen, dass es weniger Entscheidungen pro Heimteams gibt. Etwa, wenn ein Schiedsrichter in einem vollbesetzten Stadion einen Elfmeter gegen das Heimteam gibt oder einem Heimspieler eine Rote Karte zeigt. "Vorher wurden die Auswärtsteams systematisch benachteiligt, insbesondere bei der Vergabe von gelben Karten", sagt Memmert. Im Schnitt hätte es eine halbe gelbe Karte mehr pro Spiel für das Auswärtsteam gegeben.

Neun Auswärtssiege an einem Spieltag gab es noch nie

Aber: Auch dieser Ansatz liefert noch keine Erklärung für die vielen Auswärtssiege in dieser Saison. Denn den Videobeweis gab es auch schon 2018 in der Bundesliga - und da standen unter dem Strich 31 Prozent Auswärtssiege, also sogar etwas weniger als in einigen der Vorjahren. Alles ziemlich uneindeutig. "Fast schon enttäuschend" nennt Professor Gregor Daschmann von der Universität Mainz den Forschungsstand zum Heimvorteil. "Man kann nicht einmal genau sagen, woher der Heimvorteil kommt", sagt Daschmann.

Auch er sieht - wie sein Kollege Daniel Memmert - den Schiedsrichter als einen wichtigen Punkt, nennt aber auch noch eine andere Erklärung. Der Heimvorteil sei eine Self-Fulfilling Prophecy, eine selbsterfüllende Prophezeiung. Alle wissen, dass es ihn gibt und glauben deshalb dran. "Viele Leute forschen seit Jahren zum Thema und man weiß immer noch nichts Genaues", sagt Daschmann. "Das macht es aber irgendwie auch spannend."

Stand: 18.10.2019, 13:09

Darstellung: